Margarete Mitscherlich ist für mich eine eigenständige Denkerin, die sich nach meinem Empfinden vor allem in dem Buch Das Ende der Vorbilder. Vom Nutzen und Nachteil der Idealisierung. manifestierte. Das Problem jeglicher Idealisierung (Nachfolge bzw. Übernahme von Wertvorstellungen eines Ideals) ist das Ausschalten des eigenen Denkens, die Ich-Schwächung. Durch die Externalisierung des Ich-Ideals im dritten Reich wurden z.B. alle Schranken geöffnet, eine Delegation der Verantwortung auf den Führer machte Aggressionen ohne Beispiel möglich. Oder anders beleuchtet: bedingungsloser Hierarchiedruck machte sich Luft in der gedankenlosen Nachfolge.
Dabei spielte die Frau damals eine klar zugewiesene, nicht diskutierbare, dienende Rolle. Frau Mitscherlich beschreibt aus diesem eigenen Zusammenhang heraus Hintergründe zu ihrer Jugend in den 20er und 30ern. Sie schildert den Zuchtstuten- bzw. Arbeitspferd-Status der Frau und den langen Weg weg davon. Der religiöse Hingabe zu ihrem Helden, dem Führer, entsprach dem neurotischen Bedürfnis vieler Frauen in der damaligen Zeit. "Im Führerbunker wurde die Verbindung von Kitsch und Tod auf grauenerregende Weise verwircklicht."
Nach dem Krieg waren es dann die selbstständigen Frauen, die aus Trümmern Stück für Stück wieder etwas aufbauten, nur um danach in den 50ern wieder in einer stockkonservativen Familienidylle untergebuttert zu werden. Die Verinnerlichungen von Aggressionen benennt Mitscherlich als einen der femininen Hauptaspekte. "Mittlerweile ist es Forschern auf unterschiedlichen Gebieten klar, dass die Qualität des Verstandes von der Lebendigkeit der Gefühle abhängt bzw. von der Fähigkeit, diese differenziert wahrzunehmen. Dazu bringt die Frau die besseren Voraussetzungen mit." Frau Mitscherlich weist auch in diesem Buch wieder darauf hin, dass wir niemals vergessen dürfen, was damals in Deutschland geschah, es immer wieder wachrufen müssen, um ähnliche Bestrebungen im Keim zu ersticken.
Frau Mitscherlich versteht unter Emanzipation die Befreiung vor der Angst vor eigenständigem Denken, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Psychoanalytisch gesehen ist diese Angst beim unterdrückten Geschlecht weitaus stärker manifest als beim männlichen. Emanzipation in diesem Sinne ist eines der Kernthemen von Mitscherlich und man spürt in diesm Buch ihr Anliegen, hier zu einer Problemlösung beizutragen. Sie zielt auf einen vollständigen Menschen gem. dem androgynen Menschen bei Platon, d.h. ein vollständiger Mensch, der Männlichkeit und Weiblichkeit in sich vereint bzw. zum Ausgleich bringt.
Dieses Buch bietet einen atemberaubend spannenden Flug durch ihr eigenes Leben, den intensiven Blick auf ihre Prägungen innerhalb der Familie und deren psychoanalytische Aufbereitung, zur Entwicklung der Psychoanalyse im Allgemeinen sowie ihren gemeinsamen Weg mit ihrem Ehemann. Im anschließenden Interview mit Alice Schwarzer wird mir klar, dass Frau Mitscherlich einfach im Jetzt lebt, sie macht sich keine große Gedanken um das Alter, ja, scheint es irgendwie auszublenden. Nicht die schlechteste Lösung meiner Meinung nach, und eine Aussage scheint sie ein Leben lang bewegt zu haben: "Und schon als Kind habe ich gedacht: Du musst dich anstrengen, damit die Menschen keinen Ekel vor Dir haben."
Frau Mitscherlich wurde von ihrer Mutter und von einer eher pumeligen, watschelnden Lehrerin geprägt, deren Kennzeichnung ich schön finde: "Aber sie war brillant und hat uns beigebracht, dass das Geistige etwas Lebendiges ist, etwas Erotisches." Befragt, was Angela Merkel nicht mehr tun sollte, sagt sie, die Kanzlerin solle nicht mehr nach Bayreuth gehen: "Man kann ja Wagners Musik schätzen, aber dieses Spektakel ist nun wirklich recht belastet und unerträglich spießig." Wie wahr, es würde reichen, wenn wir alle den unvermeidlichen Herrn Gottschalck, Frau Ferres und Herrn Maschmeyer auf den roten Teppich der Nation zum bayerischen Staatsempfang schicken würden.