Nach siebenjähriger Amtszeit hat sich der erste grüne Außenminister dazu entschlossen, uns seine Sicht der Weltlage in Buchform zu präsentieren. Das Ergebnis wirkt wie eine durch lange erzählerische Einschübe erweiterte und mit Fußnoten versehene Zusammenfassung der politischen Grundsatzreden Fischers. Immerhin ist es - obwohl weitschweifig und voller Wiederholungen - flüssig geschrieben.
Systematisches Denken und geistige Disziplin sind Joschkas Sache jedoch nicht. Ohne erkennbare Gliederung streifen seine Ausführungen eine Vielzahl aktueller Themen, vom 11. September bis zur Globalisierung, vom islamischen Fundamentalismus bis zur europäischen Einigung. Die Reihenfolge der Kapitel erweist sich dabei als beliebig. Das zweite könnte ebenso gut anstelle des fünften oder das dritte anstelle des sechsten stehen.
Auch innerhalb der Kapitel findet sich keine klare Gedankenführung. Ein beliebiges Beispiel mag das verdeutlichen: Auf Seite 86 wird zunächst der anarchische Charakter der internationalen Politik skizziert, dann zum atomaren Gleichgewicht des Schreckens übergeleitet, dann zum alten Rom und seinen drei punischen Kriegen gesprungen, dann wieder zu Rußland und den USA zurückgesprungen, dann ein kurzer Abschnitt über die Aufklärung, den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution eingeschoben, dann einige Bemerkungen über Peter den Großen und die Nordischen Kriege angeschlossen, dann ein Absatz über das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg hinzugefügt, dann zurück ins 19. Jh. zu Custine und Tocqueville gesprungen und schließlich auf Seite 92 die Oktoberrevolution gewürdigt. Wie diese sechs Seiten liest sich der größte Teil der Abhandlung.
Wer bei der Lektüre nicht verzweifeln will, muß sich entschließen, selbst Ordnung zu schaffen. Auf diese Weise lassen sich vier Grundannahmen aus dem geistigen Dickicht herauspräparieren:
1. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfolgte der endgültige Sieg des demokratischen Kapitalismus, der seitdem von keiner politischen Alternative mehr ernsthaft herausgefordert werden kann (S. 43), am wenigsten vom islamischen Fundamentalismus, der nur eine rückwärtsgewandte und zum Scheitern verurteilte Spielart des Totalitarismus darstellt.
2. Die stärkste materielle Antriebskraft unserer Zeit ist die Globalisierung. Sie wirkt aus sich heraus völkerverbindend und friedensstiftend. Kriege werden in naher Zukunft undenkbar werden, weil alle Beteiligten daran nur verlieren könnten (S. 147).
3. Die stärkste geistige Antriebskraft unserer Zeit ist die Aufklärung mit ihren Idealen von Toleranz, Menschenrechten und Demokratie. Diese Ideale haben ihren Niederschlag in der politischen Kultur Amerikas und - noch eindrucksvoller - in der Neuordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden.
4. Europa ist mit seinem Einigungsprozeß in ein "postmodernes" Stadium der Geschichte eingetreten. Es hat Machtpolitik durch Kooperation ersetzt und wurde damit zum Vorbild für die ganze Welt. Die Verbreitung des Evangeliums der demokratischen Kooperation wird zur politischen "Transformation" der ganzen Erde und zur Lösung aller internationalen Probleme führen (S. 59, 163, 196).
Nun sind diese Vorstellungen alles andere als neu. Selbst Fischers Messianismus unterscheidet sich von der Position der amerikanischen Neokonservativen nur durch den Verzicht auf Gewaltanwendung. Auf solcher Grundlage eine ganze Abhandlung zu publizieren, würde sich lediglich rechtfertigen, wenn Fischer diese Ideen entweder besser begründete als seine Vorgänger oder bemerkenswerte Schlußfolgerungen aus ihnen zöge. Weder das eine noch das andere ist jedoch der Fall.
Eine wirkliche Begründung seiner politischen Prinzipien gelingt Fischer an keiner Stelle, ja selbst seine Bemühungen, sie gegen Kritik zu verteidigen, sind enttäuschend. In dem Essay "Macht und Ohnmacht" hatte Robert Kagan die Europäer kürzlich der Selbsttäuschung bezichtigt. Nur weil Amerika die Verteidigung Europas garantiere, könne dieses sich den Luxus einer "postmodernen" Existenzform jenseits der Machtpolitik erlauben.
Fischers Antwort: Kagan irrt, denn er übersieht, wie tief die Europäer durch die Erfahrung der beiden Weltkriege geprägt wurden.
Fischer hat Kagan aber gar nicht verstanden. Dessen Argument lautet im Kern nämlich, kein historischer Lernprozeß könne praktische Auswirkungen haben, solange sich die Struktur des internationalen Systems nicht ändere. Daß Kriege Leid und Elend bewirken, wußte Herodot schon vor 2400 Jahren. Die europäische Weltkriegsgeneration ist Kagan zufolge nicht die erste, die aus der Geschichte gelernt hat, wohl aber die erste, die dank amerikanischen Schutzes diese Lektion politisch UMSETZEN konnte.
Hier wie an anderen Stellen seines Buches offenbart Fischer eine erstaunliche Unfähigkeit, sich in gegnerische Standpunkte hineinzudenken.
Große konzeptionelle Schwierigkeiten bereitet dem Minister auch die Aussicht auf eine Rückkehr der weltweiten Machtpolitik durch den Aufstieg Chinas. Sein Traum von der friedensstiftenden Wirkung der Globalisierung droht daran ebenso zerbrechen, wie die Globalisierung des 19. Jh. am Ersten Weltkrieg. Händeringend mahnt Fischer vor der Irrationalität einer solchen Entwicklung, nur um am Ende hilflos einräumen zu müssen, daß sie dennoch Realität werden könnte.
Der außenpolitische Fahrplan Fischers läßt sich schnell zusammenfassen: Amerika muß von seinem unilateralen Kurs abgebracht, die transatlantische Zusammenarbeit gestärkt und Modernisierung, Demokratisierung und Kooperation auf der ganzen Welt gefördert werden. Als wirkliche Strategie kann man dieses Bündel wohlmeinender Ratschläge wohl kaum bezeichnen. Eher handelt es sich um eine phantasielose Auswahl aus den jahrzehntealten Gemeinplätzen bundesrepublikanischer Fernsehdebatten.
Frappierend ist im übrigen Fischers Eurozentrismus. Europa und Amerika dominieren das Weltbild des Ministers wie jenes der Imperialisten des 19. Jh. Weder China, noch Indien, noch Japan spielen in seinen Überlegungen mehr als eine Nebenrolle, und die islamische Welt kommt lediglich als Objekt westlicher Politik in Betracht. Fischers Buch erschöpft sich in einer westlichen Bauchnabelbeschau.
Der geographischen Beschränktheit der Abhandlung entspricht die zeitliche. Obwohl sie vor historischen Anspielungen strotzt, ist ihre geistige Perspektive unhistorisch. Das geschichtliche Beiwerk dient Fischer lediglich als Zierat. Es ist Staffage aus zweiter Hand, fast immer übernommen von anderen Autoren, und wo er sich nicht auf fremde Autorität stützt, unterlaufen dem grünen Vordenker zuweilen peinliche Fehler. So heißt es auf S. 125, der Machtzuwachs der USA habe niemals zu einem "wirklichen Imperium mittels direkter Herrschaftsausübung geführt." Von der amerikanischen Kolonialherrschaft auf den Philippinen scheint der deutsche Außenminister nie gehört zu haben.
Verwunderung weckt auch der Buchtitel. Warum suggeriert Fischer einen Widerspruch zu Fukuyamas Wendung vom "Ende der Geschichte", wenn er dessen Diagnose über den endgültigen Sieg der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaftsordnung ausdrücklich teilt? Fischer muß entweder sich selbst oder Fukuyama mißverstanden haben.
Alles in allem hätte der Außenminister seinen Lesern einen großen Gefallen erwiesen, wenn er statt 250 konfuser Seiten einen durchdachten Artikel von 40 Seiten geschrieben hätte. Zwar wäre die Veröffentlichung in Buchform dann ausgeschlossen gewesen, doch ist ein größerer Umfang angesichts der geistigen Substanz der Arbeit kaum zu rechtfertigen.