Schon der Klappentext lässt ein flüssig geschriebenes, anschauliches Buch erwarten: "'Als die Römer frech geworden', hinterließen sie in Deutschland eine bis heute unübersehbare Menge an eindrucksvollen archäologischen Zeugnissen ihrer Expansion nach Norden." Die Erwartung wird nicht enttäuscht. Reinhard Wolters erzählt von den Römern in Germanien gut verständlich, faktenreich und teils sogar fesselnd.
Doch die besonderen Stärken des Buchs liegen in dem, was die guten alten "Reallexika" ausgezeichnet hat: die Darstellung der "Realien", der "wirklichen Sachen", in dem Fall die "eindrucksvollen archäologischen Zeugnisse", die eingehend berücksichtigt werden. Ob Münzen und ihre Symbolik interpretiert, ob Ausgrabungen von Städten und Legionslagern beschrieben oder ob die Streuung von römischen Funden bis nach Skandinavien besprochen werden, der Autor lässt die alte Welt plastisch werden. Hilfreich dabei sind die Abbildungen, die reichlich eingearbeitet sind.
Die Orientierung an den Realien schützt den Autor auch vor zu viel Spekulation, die immer die Gefahr solcher Geschichtsdarstellungen ist. So ist er sehr vorsichtig, die Varus-Schlacht ganz sicher in Kalkriese zu lokalisieren. Auch an anderer Stelle formuliert er im Konjunktiv und verbreitet nicht Sicherheiten, die angesichts der Quellenlage unangebracht wären. Hypothesen bleiben als Hypothesen sichtbar, auch zur Völkerwanderungszeit.
Wie jedes richtig gute aktuelle Geschichtswerk, ist es noch so klein, behandelt Wolters auch die Wirkungs- und Wissenschaftsgeschichte, also die Geschichte der Geschichte. Hier sogar etwas ausführlicher als sonst üblich. Aber gerade bei Hermann oder Arminius ist das natürlich mehr als interessant. Kaum eine andere historische Gestalt wurde seit dem Humanismus der frühen Neuzeit politisch-ideologisch dermaßen überhöht und verzeichnet, um die Freiheit "Germaniens" zu fördern. "Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden." Und im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die deutsche Geschichtswissenschaft klar interessegeleitet und erfüllte ihre nationale Pflicht mehr als ihre wissenschaftliche. Und das sehr effektiv. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten kritischen Arminius-Studien von Dieter Timpe erschienen, lösten sie breiten Protest aus. "Die teils heftigen Reaktionen nach Erscheinen des Buches [von Timpe] zeigen noch heute eindrucksvoll den schmerzhaften Lösungsprozess von tiefverwurzelten Vorstellungen" (S. 116).
Eine Zeittafel und ein ausführliches Register sind ebenso nützlich wie ein sehr gutes, kommentiertes Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen animiert. Denn letztlich ist das Buch ein Appetithappen, der Lust macht auf Mehr. Inzwischen liegt die seit Erscheinen ständig aktualisierte 6. Auflage vor, so dass das kleine Buch den aktuellen Stand der Forschung repräsentiert. Positiv zu erwähnen ist der Hinweis auf verschiedene Ausstellungkataloge, die gerade für interessierte Nichtwissenschaftler hervorragende Überblicke geben können, inklusive reichem Bildmaterial - von Realien.
Was mir gefallen hat, ist nicht zuletzt das gelungene Gesamtkonzept. Unmerklich wirkt alles organisch strukturiert, ergibt sich jede neue Fragestellung aus dem zuvor Geschilderten, so dass man am Ende wirklich einen sehr guten ersten Gesamt-Überblick über das Thema gewonnen hat. Mehr kann und will das Buch im Übrigen nicht leisten, auf nur 120 Seiten. Aber DAS leistet es bestens.