Kaum ein anderes Buch von Günter Grass - obwohl sie alle gleichermaßen polarisierten und reichlich Stoff für lobende und verreissende Kritik boten - wurde derart einvernehmlich von der Kritik abgelehnt, ja förmlich zerlegt. Was macht dieses knapp fünfhundertseitige Buch zu einem derartigen Streitpunkt, ja zur einer Provokation ? Ist es die langatmige Ausführung ? Die - scheinbare - Abwegigkeit der Thematik, die manch einem zu pessimistisch geraten sein mag ? Oder die parallel ablaufenden Handlungsstränge, die ein höheres Maß an Konzentration erwarten, als es beispielsweise für Unterhaltungsliteratur nötig wäre ? Reich-Ranicki deklamiert, dass Grass seinen Oskar Matzerath zerstört habe, da er ihn zur "Karikatur der Karikatur einer Karikatur" gemacht habe; doch genau davon handelt die RÄTTIN: Von der Zerstörung von Utopien;
mit Blick auf gesellschaftliche, welt- und nationalpolitische und besonders auch ökologische Mißstände, entwirft Grass ein denkbar pessimistisch gestimmtes Szenario, das vor dem Ende der Welt warnt; das allein macht natürlich keine große Literatur aus; das allein könnte der Film wesewntlich stimmungsvoller in Szene setzen: Was macht die RÄTTIN also schließlich doch zu einem großen epischen Wurf ? Es sind die unterschiedlichen Handlungsstränge, an denen Grass die Ausweglosigkeit der Weltsituation eindrucksvoll schildert; all diese Geschichten, die eigenen wie die vom BUTT oder von Oskar, die volkstümlich verwurzelte Rattenfängerlegende, der Märchenfundus der Gebrüder Grimm usw., haben eines gemeinsam: sie enden in ihrer bekannten Grundform utopisch: das Schicksal Oskars liegt eigentlich in den Sternen, man traut ihm alles zu, am Ende des BUTT mag ein kleiner Hoffnungsfunken bleiben, das den Frauen in der Gesellschaft vielleicht doch noch einmal so etwas wie Gleichberechtigung zukommen wird, die Märchen - allen voran das zentrale von Hänsel und Gretel - enden sogar glücklich; Grass setzt nun an den jeweligen Enden - bewusst unnötig - ein und führt Geschichten weiter, ja zerstört sie gar, die eigentlich keiner Fortsetzung benötigen; dadurch wird deutlich, wie letztendlich jede Utopie bröckeln wird, wie, zwanghaft auf optimistisch getrimmte, politische und wirtschaftliche Prognosen an Armut und Umweltzerstörung zerbrechen werden, ja müssen.
Grass hat mit der RÄTTIN einen grotesken, weit ausschweifenden Antiroman geschrieben; keinen Unterhaltungsroman, aber einen, der haften bleibt, er hat sich fernab des Bestsellermarkts und einer nach Publicity geifernden Literaturkritik, einen künstlerischen Freiraum geschaffen, den er uns Lesern durch dieses fordernde und letztendlich unvergessliche Buch eröffnet hat.