Spektrum der Wissenschaft
Die Zeiten des Jammerns über die Quantenphysik sind vorbei. Ausschlussprinzipien, die Unmöglichkeit, zwei Größen wie Ort und Impuls gleichzeitig zu messen, und die ins Unbestimmte verlaufende Wellenfunktion eines Teilchens Experimentatoren sehen das nicht mehr als beklagenswerte Einschränkungen, sondern greifen mutig nach den Chancen, die sich aus der neuen Physik ergeben. Dies stellt Brigitte Röthlein, Wissenschaftsjournalistin von Beruf, in ihrem jüngsten Buch anschaulich vor. Sie berichtet von physikalischen Versuchen und deren Ergebnissen, die sich oft genauso unglaubwürdig anhören wie die Theorie. Leser dieser Zeitschrift werden viele Phänomene wieder erkennen: das Bose-Einstein-Kondensat (Spektrum der Wissenschaft 6/2003, S. 28), die Verschränkung quantenmechanischer Zustände (4/2003, S. 48) oder die Quanten-Teleportation (6/2000, S. 30).
Trotz der anspruchsvollen Materie schreibt die Autorin erfrischend locker. Sie schildert ausführlich, wie Wissenschaftler in Laboratorien auf der ganzen Welt Photonen oder andere Teilchen verschränken, um damit beispielsweise Vorstufen des Quantencomputers zu erschaffen oder den wirklich absolut abhörsicheren Datenaustausch zu ermöglichen. Dabei beschreibt sie die Zusammenhänge wohltuend redundant, sodass der Leser auch den diffizilsten Experimenten stets folgen kann. Sie setzt sich damit erfreulich von dem zu den Sachbüchern übergeschwappten wissenschaftlichen Brauch ab, alles, auch Wichtiges und Schwieriges, möglichst nur einmal zu sagen.
Brigitte Röthlein beschränkt sich nicht darauf, ausländische Wegbereiter dieser Forschung vorzustellen, sondern benennt etliche deutschsprachige Wissenschaftler von Weltruf, auch wenn diese oft zwangsläufig Erfahrungen beiderseits des Atlantiks gesammelt haben. Ausführlich würdigt sie Anton Zeilinger mit seiner Quantenkryptografie, ebenso wie Wolfgang Ketterle mit seinen Versuchen zum Bose-Einstein-Kondensat.
Die vielen bekannten Orte, an denen geforscht wird, wie die Gipfel von Zugspitze und Wendelstein in den Alpen oder das unterirdische Kanalnetz Wiens, verdeutlichen zugleich, dass diese Arbeiten nicht weit entfernt von uns in einem »Elfenbeinturm« stattfinden, sondern in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Der Mitreisende im Zugabteil könnte durchaus einer dieser Quantenjongleure sein, und die ansehnlichen jungen Männer, die in dem Buch abgebildet sind (Bild auf der vorigen Seite), sehen nicht gerade so aus wie das landläufige Bild vom hoch angesehenen Professor oder Nobelpreisträger sind aber manchmal beides!
-- Gerhard Samulat
Pressestimmen
"Hoch spannend, allerdings nicht immer einfach zu lesen. Aber wie soll man etwas einfach und eingängig darstellen, was die Physik-Koryphäen im Grunde selbst noch nicht verstehen?" (Westfälischer Anzeiger)