Aus der Amazon.de-Redaktion
Doch natürlich ist nichts wie es scheint, und sowohl die Protagonisten wie auch der Leser werden mehrfach in die Irre geleitet und immer wieder aufs Neue überrascht. Martinez ist es gelungen, in der Handlung das Mysterium der Mathematik, die Philosophie, die Magie und die Logik miteinander zu verbinden und somit einen Roman zuschreiben, der weit über einen Krimi hinausgeht. Die Pythagoras-Morde ist ebenso ein Essay über die Grenzen des menschlichen Verstehens, voller Anspielungen und philosophischem Einfallsreichtum Hier wird dem Leser intellektuell weitaus mehr abverlangt als das eindimensionale "Wer war der Täter?" des handelsüblichen Rätselkrimis, sich auf die Welt des Guillermo Martinez einzulassen bedeutet sicherlich für jeden eine Herausforderung. --Nathalie Schwering
Kurzbeschreibung
Was hat das Theorem von Gödel mit Kriminalistik zu tun? Ein argentinischer Mathematikstudent bekommt ein Stipendium an der Universität Oxford und wird dort Zeuge einer Reihe von Morden, die einem logischen Muster zu folgen scheinen. Der Täter hinterläßt jedes Mal eine Botschaft mit einem Symbol, das offensichtlich entschlüsselt werden muß, wenn der nächste Mord verhindert werden soll. Zusammen mit seinem Mathematikprofessor Arthur Seldom versucht der ambitionierte Student die Identität des Serienmörders zu lüften. Doch schon bald stellt sich die
Frage, ob die entscheidende Wahrheit vielleicht jenseits aller kriminalistischen Ermittlungen liegt...
Guillermo Martinez gelingt die meisterhafte Verbindung eines brillant konstruierten Kriminalromans mit einer atmosphärisch dichten Geschichte um die Geheimnisse der Logik.
Klappentext
The Times
»Wie Martinez mit dem Genre umgeht, zeigt ihn als einen der intelligentesten und raffiniertesten Schriftsteller seiner Generation und seiner Zeit, und sein Roman ist in der Tat ein Genuß, nicht nur für Krimifans, sondern auch für Liebhaber guter Literatur.«
Buenos Aires Herald
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Die Pythagoras-Morde von Guillermo Martinez, Angelica Ammar. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Nummer eins in der Reihe«, sagte Seldom. »Nur das. In großen Druckbuchstaben.
Darunter war Mrs. Eagletons Adresse angegeben und eine Uhrzeit, wie für eine
Verabredung: 3 p.m.«
»Kann ich ihn sehen? Haben Sie ihn bei sich?«
Seldom schüttelte den Kopf.
»Als ich ihn aus meinem Fach genommen habe, war es fast fünf nach drei, und ich
war spät dran für mein Seminar. Ich habe ihn auf dem Weg in mein Büro gelesen
und offen gestanden gedacht, es handele sich wieder einmal um die Botschaft
irgendeines Geistesgestörten. Vor einiger Zeit habe ich ein Buch über logische
Reihen veröffentlicht und hatte die schlechte Idee, ein Kapitel über Serienmorde
einzuschließen. Seitdem erhalte ich alle möglichen Briefe und E-Mails mit
irgendwelchen Tatgeständnissen kurz und gut, im Büro angekommen, habe ich ihn
in den Papierkorb geworfen.«
»Kann er dort noch sein?« fragte Petersen.
»Ich fürchte, nein«, sagte Seldom. »Als ich aus meinem Seminar kam, habe ich
mich wieder an die Nachricht erinnert. Die Adresse im Cunliffe Close hatte mich
etwas besorgt gestimmt; während ich den Kurs gab, war mir eingefallen, daß Mrs.
Eagleton dort lebte, ich war mir aber nicht sicher, ob es sich um dieselbe
Hausnummer handelte. Ich wollte den Zettel noch einmal lesen, um die Adresse zu
überprüfen, aber inzwischen hatte der Hausmeister mein Büro saubergemacht und
den Papierkorb geleert. Deshalb beschloß ich, hierherzukommen.«
»Wir können aber auf jeden Fall noch einen Versuch unternehmen«, sagte Petersen
und rief einen seiner Männer zu sich. »Wilkie, Sie fahren bitte ins Merton
College und sprechen dort mit dem Hausmeister wie ist sein Name?«
»Brent«, sagte Seldom. »Aber ich fürchte, es wird nichts nutzen; um diese
Uhrzeit war normalerweise schon die Müllabfuhr da.«
»Wenn der Zettel nicht auftaucht, rufen wir Sie an, damit Sie unserem Zeichner
die Schrift beschreiben; für den Moment halten wir das aber geheim. Ich bitte
Sie beide um äußerste Diskretion. Erinnern Sie sich an irgendein anderes Detail
der Nachricht? Papierart, Tintenfarbe oder sonst etwas Auffälliges?«
»Es war schwarze Tinte, ich würde sagen von einem Füllfederhalter. Das Papier
hatte Briefformat und war her.köm.m.lich weiß. Die Schrift war groß und
deutlich. Die Nachricht lag sorgfältig viermal zusammengefaltet in meinem Fach.
Und ja, da war noch ein sonderbares Detail: Unter dem Text befand sich ein
säuberlich gezeichneter Kreis. Ein kleiner perfekter Kreis, auch schwarz.«
»Ein Kreis«, wiederholte Petersen nachdenklich. »Wie .eine Unterschrift? Eine
Art Siegel? Oder was sagt Ihnen das?«
»Vielleicht hat es mit dem Kapitel über Serienmorde in meinem Buch zu tun«,
sagte Seldom. »Dort vertrete ich die These, daß, läßt man Filme und
Kriminalromane einmal beiseite, die den zumindest historisch belegten
Serienmorden zugrundeliegende Logik im allgemeinen sehr rudimentär ist und meist
mit der Psychopathologie in Verbindung gebracht werden kann. Die Muster sind
äußerst plump, kennzeichnen sich durch Monotonie und Wiederholung, und in ihrer
überwältigenden Mehrheit basieren sie auf irgendeiner traumatischen Erfahrung
oder einer Kindheitsfixierung. Das heißt, es handelt sich eher um Fälle für eine
psychiatrische Analyse als um wirkliche logische Rätsel. Die Schlußfolgerung
meines Kapitels besagt, daß ein intellektuell motiviertes, sagen wir rein aus
geistigem Profilierdrang begangenes Verbrechen, wie etwa bei Raskolnikow, oder
der Mord als schöne Kunst im Sinne von Thomas de Quincey in der Realität nicht
vorzukommen scheint. Außer«, fügte er nicht ganz ernst hinzu, »die Mörder haben
sich so geschickt angestellt, daß sie bis heute nicht entdeckt wurden.«
»Ich verstehe«, sagte Petersen, »Sie denken, daß jemand, der Ihr Buch gelesen
hat, die Herausforderung angenommen haben könnte. Und in diesem Fall wäre der
Kreis «
»Vielleicht das erste Symbol einer logischen Reihe«, ergänzte Seldom. »Es wäre
eine gute Wahl; der Kreis ist möglicherweise das Symbol, das historisch gesehen
die größte Interpretationsvielfalt erlaubt, sowohl innerhalb als auch außerhalb
der Mathematik. Er kann so gut wie alles bedeuten. Auf jeden Fall ist es ein
schlauer Anfang für eine Reihe; ein derart undeterminierbares Symbol zu Beginn
läßt uns fast völlig im dunkeln über die mögliche Fortsetzung.«
»Würden Sie sagen, daß es sich bei dem Täter vielleicht um einen Mathematiker
handelt?«
»Nein, ganz und gar nicht. Zur großen Überraschung meiner Verleger hat mein Buch
eben die unterschiedlichste Leserschaft angesprochen. Außerdem können wir noch
nicht einmal sagen, ob dieses Symbol tatsächlich als ein Kreis interpretiert
werden soll; damit meine ich, daß ich, vermutlich aufgrund meines mathematischen
Hintergrundes, unwillkürlich einen Kreis darin gesehen habe. Es kann aber
genauso das Symbol für irgend etwas Esoterisches sein oder für eine alte
Religion oder für etwas vollkommen anderes. Eine Astrologin hätte womöglich
einen Vollmond darin gesehen und ihr Zeichner das Oval eines Gesichts «
»Nun gut«, sagte Petersen. »Kommen wir zunächst einmal wieder auf Mrs. Eagleton
zurück. Kannten Sie sie gut?«
»Harry Eagleton war mein Tutor, und nach meinem Abschluß war ich gelegentlich zu
Zusammenkünften mit anderen Professoren und zum Abendessen hier eingeladen. Ich
war auch mit Johnny, dem Sohn der Eagletons, und seiner Frau Sarah befreundet.
Sie starben beide bei einem Unfall, als ihre Tochter Beth noch klein war. Beth
wurde dann von ihrer Großmutter aufgezogen. In letzter Zeit habe ich die beiden
ziemlich selten gesehen. Ich wußte, daß Mrs. Eagleton seit geraumer Zeit mit
einem Krebsleiden kämpfte und mehreren Operationen unterzogen worden war ich
bin ihr ein paar Mal im Radcliffe Krankenhaus begegnet.«
»Und dieses Mädchen, Beth wohnt sie noch immer hier? Wie alt ist sie jetzt?«
»Zirka achtundzwanzig, vielleicht auch schon dreißig Ja, sie haben zusammen
hier gewohnt.«
»Gut, dann sollten wir so schnell wie möglich mit ihr sprechen, ich würde ihr
auch gern ein paar Fragen stellen«, sagte Petersen. »Weiß einer von Ihnen, wo
wir sie jetzt finden könnten?«
»Sie muß im Sheldonian Theater sein«, sagte ich. »Bei der Orchesterprobe.«
»Das liegt auf meinem Rückweg«, sagte Seldom. »Wenn Sie nichts dagegen haben,
würde ich ihr als Freund der Familie die Nachricht gern selbst überbringen.
Vielleicht braucht sie auch meine Hilfe bei den Bestattungsformalitäten.«
»Natürlich, kein Problem«, sagte Petersen. »Obwohl es mit dem Begräbnis noch
etwas dauern wird; wir müssen erst die Autopsie vornehmen. Sagen Sie Miss Beth
bitte, daß wir sie hier erwarten. Meine Kollegen werden jetzt die
Spurensicherung vornehmen, wir sind etwa noch zwei Stunden beschäftigt. Sie
waren es, der uns telephonisch benachrichtigt hat, richtig? Erinnern Sie sich,
ob Sie sonst noch etwas berührt haben?«
Wir schüttelten beide den Kopf. Petersen rief einen Beamten mit einem kleinen
Aufnahmegerät zu sich.
»Gut, dann würde ich Sie nur bitten, Leutnant Sacks kurz Auskunft darüber zu
geben, was Sie seit heute mittag getan haben. Reine Routine, dann können Sie
gehen. Ich fürchte allerdings, daß ich Sie in den nächsten Tagen noch mit
weiteren Fragen belästigen muß.«
Seldom gab Sacks zwei oder drei Minuten lang Auskunft, und als ich an die Reihe
kam, merkte ich, daß er diskret neben uns wartete, bis ich fertig war. Ich
dachte, er wolle sich vielleicht nur noch richtig verabschieden, doch als ich
mich umdrehte, bedeutete er mir, gemeinsam mit ihm hinauszugehen.