"Ein argentinischer Mathematikstudent bekommt ein Stipendium an der Universität Oxford und wird dort Zeuge einer Reihe von Morden, die einem logischen Muster zu folgen scheinen", fasst der Klappentext die Ausgangsposition des Romans zusammen. Der junge Mann aus Buenos Aires macht in der englischen Geistesmetropole die Bekanntschaft eines gewissen Arthur Seldom, mit dem er versucht, der Verbrechensserie auf die Spur zu kommen. Seldom ist nicht irgendwer, sondern einer der herausragendsten Mathematiker seiner Zeit, eine Koryphäe sondergleichen, dem unter der Studentenschaft Kultstatus zukommt.
Erstes Mordopfer wird die betagte, an den Rollstuhl gefesselte Wohnungsvermieterin des Argentiniers, die dazu noch an Krebs gelitten hatte. Als Hinweis lässt der Täter den Ermittlern ein Kreissymbol zufallen. Opfer Nummer zwei wird ein unheilbar kranker Professor, der in einer Spitalabteilung - bekannt als "Aquarium" - dahinsiechte. Das zu ihm korrelierende Symbol ist fischähnlich. Als Dritter kommt ein steinalter Musiker während einer Orchesteraufführung zu Tode. Das Zeichen für ihn: eine Triangel. Der vielleicht Aufsehen erregendste Mord ist jener an zehn geistig behinderten Kindern, deren Schulbus bewusst in den Tod gelenkt wird. Dazu passt die Tetraktys, eine Pyramide aus zehn Punkten. Tötet der Mörder ohnehin Todgeweihte? Steckt "Eugenik" als Motiv dahinter? Oder doch Persönliches?
Warum "Pythagoras-Morde"? Was hat das alles mit dem gleichnamigen antiken Mathematiker zu tun? Nun, der gelehrte Mann hatte in Kroton, auf Sizilien (das im 6. Jh. v. Chr. griechische Kolonie war), eine Anhängerschar um sich gesammelt; einen eingeschworenen Bund, dessen Angehörige als ein Mittelding zwischen Magier und Naturwissenschafter lehrten. Bis heute ist die Zahlenmystik und Geometriesymbolik der Pythagoräer erhalten geblieben. Der Kreis steht für die Eins, den Ursprung, das Perfekte, das Göttliche. Die Zwei hingegen wird durch das Überschneiden zweier Kreisbahnen dargestellt, als Dualität, Polarität, Abspaltung. Inmitten der Kreisbahnen entsteht ein elliptisches Gebilde, auch "Fischblase" bezeichnet. Die Triade wiederum gilt als die Verbindung zweier Extreme; "die Möglichkeit, den Gegensätzen Harmonie und Ordnung zu verleihen". Geht der Mörder von Oxford anhand einer simplen symbolischen Reihe von 1,2,3, etc. vor? Gehört er einem Geheimbund an? Oder ist alles nur ein gründlich geplantes Ablenkungsmanöver? Die Antwort kommt erst mit der letzten Tat, dem Zehnfachmord; denn auf das Drei- folgt nicht etwa ein Viereck, sondern eine Pyramide aus zehn Punkten. Zehn ist die Summe aus eins plus zwei plus drei plus vier, sozusagen das Allesvereinende, die heilige Figur der alten griechischen Sekte.
Der argentinische Studioso wird von seinem britischen Mentor langsam an des Rätsels Lösung herangeführt. Wobei dazwischen immer wieder Exkurse in die theoretische Mathematik unternommen werden. Etwa zum Genius Kurt Gödel (1906-1978), der 1930 sein berühmtes Theorem, den Gödelschen Unvollständigkeitssatz, formulierte. Er hatte, populärwissenschaftlich ausgedrückt, bewiesen, dass in der Mathematik nicht alles beweisbar ist. Demzufolge heißt das, arithmetische Systeme sind entweder in sich widersprüchlich oder aber unvollständig. Damit schließt Guillermo Martínez den Bogen von der naturwissenschaftlichen zur kriminalistischen Logik. Widersprüche und Unvollständigkeiten gilt es auch in den "Pythagoras-Morden" mit probaten Lösungsansätzen anzugehen. Dabei bedient sich der Autor eines spätscholastischen Philosophen, William Occam (um 1285-1349/50). Das später nach ihm benannte "Ockham Rasiermesser" oder "Sparsamkeitsprinzip" besagt, dass von mehreren äquivalenten Theorien die einfachste die beste ist. In anderen Worten: Wenn nach einem Unwetter ein Baum umgefallen daliegt, ist es sinniger anzunehmen, Wind und/oder Blitz hätten ihn gefällt, als etwa streitende Riesen - obwohl dies prinzipiell vorstellbar wäre. Das Rasiermesser der Logik schneidet zusätzliche Variablen (wie etwa die Beweiserbringung, dass es Riesen gibt) ab. Ganz am Ende des Romans tut der argentinische Student dasselbe mit eventuellen Verschwörungstheorien im Zusammenhang zur Mordserie.
Nicht genug der mathematischen Geheimniskrämerei: Noch ein weiteres Mysterium der formelbrütenden Zunft bringt Guillermo Martínez - wie sein Romanheld selbst studierter Mathematiker - aufs Tapet. Jenes von "Fermats letztem Satz". Pierre de Fermat (1607-1665) hatte als Randbemerkung in einem Buch über den griechischen Arithmetiker Diophant niedergeschrieben, dass ihm der Beweis gelungen wäre, warum der Satz des Pythagoras a2 + b2 = c2 nur für die Zweierpotenz, nicht aber für alle höheren ganzzahligen Potenzen gilt. Leider, so Fermat, reiche der Platz nicht aus, diese Beweisführung im Detail auszuführen. Betrüger oder Genie? Die nächsten drei Jahrhunderte versuchten sich Mathematiker der Reihe nach darin, "Fermats letzten Satz" hieb- und stichfest zu belegen. Eine hohe Geldprämie war ausgesetzt worden, und es gab Suizide aus wissenschaftlicher Verzweiflung - sprich alles, was zur Legendenbildung nötig ist. Erst 1995 war dem Briten Andrew Wiles der Beweis letztlich gelungen. Wiles kommt als Nebenfigur in "Die Pythagoras-Morde" vor: Am 23. Juni 1993 war er in Oxford zur ersten Beweisführung angetreten, die aber gescheitert war. Martínez baut diese Realepisode in seinen Kriminalroman ein.
Was Wiles angeht, hat Guillermo Martínez vielleicht ein paar kleine Anleihen bei Simon Singhs Buch "Fermats letzter Satz" genommen. Im logischen Grundmuster erinnern "Die Pythagoras-Morde" an den Roman eines anderen lateinamerikanischen Autor ("Das Klingsor-Paradox" des Mexikaners Jorge Volpi. Darin geht es um die umstrittene Person des Physikers Werner Heisenberg, den die Einen als Verhinderer der Nazi-Atombombe ansehen, die Anderen als Hitlers geheimen Forschungschef (Codename "Klingsor"). Das was Heisenberg für Volpi ausmacht, ist der fiktive Arthur Seldom für Martínez. Der Zugang zu ihm bleibt ambivalent. Dem jungen argentinischen Studenten erscheint er wie Sherlock Holmes und Dr. Moriarty zugleich. Seldom ist die große Unbekannte im Roman, die Variable, die es zu besetzen gilt. Wer Oxford schon mal besucht hat, der weiß, wie gut diese geheimnisvolle Doppeldeutigkeit zu der dort omnipräsenten Gedankenlastigkeit und (neo-)gotischen Architektur passt. Martínez hat für diese Art Roman das perfekte örtliche Ambiente gewählt: eine Stadt, deren Zentrum praktisch eine einzige auf Colleges zersplitterte Universität ist.
Leser, die einen primär emotionsgeladenen Krimi bevorzugen, sollten von "Die Pythagoras-Morde" Abstand nehmen wie eine Parallele von der anderen. Denn obwohl menschliche Abgründe und tiefe Gefühle darin beschrieben werden, geschieht dies mit der kalten Präzision der Mathematik. Romanfreunde, die sich hingegen gerne in logische Paradoxa und vernetzte Gedankenkorridore hineinwagen, sollten sich - vorerst zaghaft wie die Tangente - dann aber - mit der Schneid einer Sekante - immer selbstbewusster an Martínez' Seiten heranwagen.