Mehr über die menschliche Entscheidungsfindung zu wissen, kann ohne Zweifel in vielen Gebieten von großem Nutzen sein. Die Frage ist nur, ob dieses Buch dem Laien viel nützt. Denn es wurde von drei Akademikern geschrieben, die alle in der wissenschaftlichen Forschung tätig sind und sich nur beschränkt als Übersetzer begreifen. Das kreide ich ihnen keineswegs an, zumal es ja Bücher von Fachkollegen gibt, die für ein breiteres Publikum verfasst wurden.
Die dritte Auflage dieses wissenschaftlichen Standardwerks unterscheidet sich nur geringfügig von der zweiten. Aber da die vielen Lesetipps, Literaturangaben und die Rubrik "Neues aus den letzten Jahren" aktualisiert wurden, ergibt sich für neugierige Leser ein echter Mehrwert. Selber an mathematischen Formeln nicht besonders interessiert, konzentrierte ich mich vor allem auf die Passagen, in denen vom Unbewussten, von der Intuition und von Einfluss der Emotionen die Rede ist. Zumal ich ohnehin nicht daran glaube, dass sich in der Praxis mit so vielen Variablen arbeiten lässt, wie die Forscher bei empirischen Experimenten und Laborbedingungen berücksichtigen.
Zehn Kapitel sind es, denen die Aufgabe zukommt, die riesige Stoffmenge einigermaßen zu ordnen. Die Vorführung beginnt mit der Klärung des Gegenstandsbereichs und der Grundbegriffe. Im dritten Kapitel erfahren wir mehr über die Beziehung zwischen Nutzen und Präferenzen, lernen die speziellen Charakteristika von Nutzenfunktionen. Was Heuristiker und Zielkonflikten verstehen, erläutern die drei Autoren im vierten Kapitel, wobei natürlich auch bei diesem Thema auf wichtige Experimente verwiesen wird. Besonders anregend fand ich das Kapitel "Unsicherheit", in dem auf formale Konzepte, theoretische Ansätze und speziellen Phänomene eingegangen wird. Wir Entscheidungen unter Unsicherheit zustande kommen und welche Theorien im Widerstreit stehen, klärt das sechste Kapitel. Da sich Heuristiker auch eingehend mit Kontingenzen auseinandersetzen müssen, ist der Konstruktion von Präferenzen, der Zeit für Entscheidungsfindung und der Selektion von Regeln ein eigenes Kapitel gewidmet. "Gründe", "Anwendungsfelder" und "Seitensprünge auf Nebenschauplätze" lauten schließlich die Überschriften der drei letzten Kapitel. Danach folgen noch ein Anhang, der einen Überblick über Methoden der Entscheidungsforschung gibt, ein vierzigseitiges Literaturverzeichnis sowie ein Namens- und Sachindex.
Mein Fazit: Da die drei Autoren vor allem wissenschaftlichen Ansprüchen genügen wollen, muss der Leser damit rechnen, nicht alles auf Anhieb zu verstehen. Und wer wie ich mit mathematischen Formeln wenig bis nichts anfangen kann, wird nicht 400 Seiten lesen. Aber das Buch ist didaktisch so gut aufgebaut, dass ich mir auch Wissen aneignete, das ich wohl nicht so bald umsetzen kann. An Entscheidungsfindung Interessierten empfehle ich eher die Lektüre eines populärwissenschaftlichen Buches. Je nach Interessengebiet könnten das sein: "Bauchentscheidungen" von Gerd Gigerenzer, "Natürliche Entscheidungsprozesse" von Gary Klein, "Humanomics" von Uwe Jean Heuser oder "Neurofinance" von Christian E. Elger und Friedhelm Schwarz.