Zunächst einmal: Der Titel ist irreführend - das Buch handelt von Kindern und Erwachsenen, von Links- und von Rechtshändern. Somit bietet es einen sehr umfassenden Überblick über die Thematik, denn es ist praktisch nicht möglich, über Linkshänder zu schreiben, ohne sie in der "normalen" Welt der Rechtshändigkeit zu sehen.
Nach einer Übersichtstabelle über die Eigenarten rechts- bzw. linkshemisphärischen Denkens (deren äußeres Merkmal ja die Händigkeit ist), geht Johanna Sattler die einzelnen Punkte Kapitel für Kapitel durch. Sie werden theoretisch erklärt und durch viele Fallbeispiele beleuchtet.
Die Fallbeispiele sind offenbar oftmals originale Transkripte von Gesprächen in der Beratungsstelle, was sie sehr authentisch macht - nur ist dummerweise die wortgetreu abgeschriebene Sprache schrecklich zu lesen ("Das hat er sich angeschaut, während unsere Tochter das nicht interessiert hat. Da hat er sowohl meiner Mutter am nächsten Tag davon erzählt, hat mich gefragt, und als wir wieder nach Hause kamen, hat er es dem Vater auch noch erzählt.")
Die Kapitel beleuchten im einzelnen:
- Strategisches und taktisches Denken und Handeln
- Der Linkshänder und sein Verhältnis zu Gruppen
- Verhältnis zur Kunst und zu seiner alltäglichen Umgebung
- Sensibilität und Hilfsbereitschaft
- Interaktionen zwischen Links- und Rechtshändern (Partnerschaften, Schüler-Lehrer-Beziehungen)
- Führungsstil
Man sieht also, dass es nicht ausschließlich ein Buch über Kinder ist. Sie kommen aber keineswegs zu kurz.
Der Anhang steht im Kontrast zur sonstigen Sorgfalt, mit der das Buch geschrieben ist. Hier sind noch einige (zu) kurze Anrisse von weiteren Forschungsergebnissen untergebracht, die für mich so nicht hilfreich waren.
Insgesamt bricht Johanna Sattler ganz klar eine Lanze für Linkshänder. Sie kommen in ihrer Beschreibung oftmals positiver weg als die dagegengesetzten Rechtshänder.
Einen Stern ziehe ich für die eingeflochtenen sog. Märchen von Aljoscha ab. Mir ist absolut nicht klar, was Frau Sattler dazu bewogen hat, sie in das Buch aufzunehmen - außer vielleicht, dass der Untertitel "Von der Seele, die mit Tieren spricht", den Verkauf ein wenig ankurbelt. Diese Märchen sind romantisches Geschreibsel über einen ach-so-guten und -gütigen Linkshänder, der einer gebannt lauschenden Kinderschar Kapitel für Kapitel seine Abenteuer mit Tieren erzählt. Da hat sich z.B. eine Hirschkuh ernsthaft in ihn verliebt, und er musste zusehen, wie er sie wieder loswird, ohne ihre Gefühle zu verletzen. Und er traf einen linksflossigen Fisch, der immer mit Rechtsdrall schwamm und nur aufgrund seiner Linksflossigkeit gelernt hatte, mit Menschen in Worten zu kommunizieren, unter seinen Artgenossen aber sehr einsam war.
Was solche Einsprengsel in einem ansonsten gut recherchierten und strukturierten Buch zu suchen haben - ich weiß es nicht.
Ansonsten: von mir eine Kaufempfehlung für alle, die etwas mit dem Thema zu tun haben. Ich habe im Bezug auf meinen Sohn und auch mich selbst eine Reihe von Aha-Erlebnissen gehabt und würde mir wünschen, dass v.a. Pädagogen mehr über Linkshänder wüssten als nur, wie sie die korrekte Stifthaltung erlernen können.