Ich hatte Schwierigkeiten, mich in diese Geschichte hineinzufinden. Zwar beginnt sie spannend, mit einem ungeklärten Mord, die Sprache ist leichtgängig, die Autorin versteht es geschickt, den Einstieg in ihre vollkommen fremde Welt angenehm zu gestalten. Dennoch quälte ich mich. Und zwar mit Amra, der Lairen.
Eine einzige Frau (und ihre Lehrmeisterin, die so krank und gebrechlich ist, dass sie nicht mehr zählt) ist dafür verantwortlich, alle Toten einer Stadt in einem viertägigen Ritual ins Jenseits zu geleiten, Hebamme für alle Babys zu sein, Heilerin und Pflegerin für alle Kranken. Und das, obwohl niemand ihre kümmerliche Hütte betreten will und Todespanik davor hat, von ihr berührt zu werden. Sie wird als der allerletzte Dreck betrachtet, darf ihre Mitmenschen nur anfassen, um deren Wunden zu verbinden. Sollte sie selbst verletzt, schwach oder hilfsbedürftig sein, hat sie leider Pech gehabt, niemand darf ihr die Hand reichen. Dazu muss sie ganz allein alle Heilkräuter sammeln oder vor ihrer Hütte züchten und zubereiten, die in der Stadt benötigt werden. Tiere, deren Gift nützlich ist, werden gehalten und versorgt.
Nun, wenn die fragliche Stadt nur etwa fünfzig Einwohner hätte, würde die Rechnung leicht aufgehen. Bei bis zu fünfhundert Einwohnern wäre es ebenfalls denkbar. Die Autorin äußert sich nicht konkret, aber ihre Beschreibung lässt mehr als 2000 Menschen vermuten. Nun, die Geburten lassen sich auch ohne Hebamme regeln (als Gebärende würde ich alles tun, um mich von solch einer verachteten Person, vor der ich mich fürchte, nicht anpacken zu lassen!), aber was ist, wenn mehr als ein Toter zur gleichen Zeit ins Jenseits geleitet sein will? Bei einer Stadt, die sich in ständiger Kriegsbereitschaft befindet, ja nicht weiter ungewöhnlich. Wenn wirklich nur die Lairen die Toten einsammeln, waschen und begraben darf, wie soll das funktionieren?
Bei einem Erdbeben werden viele Menschen verletzt. Ja, Amra leitet Überlebende an, ihr bei der Versorgung zu helfen, aber nach ca. drei Stunden hat sie Freizeit und kann spazieren gehen.
Ähm es ist offensichtlich, dass die Autorin nicht viel von Medizin, Krankenpflege, den Tücken der Totenversorgung und dem Arbeitsaufwand, der bei schweren Krisensituationen auftritt, versteht.
Tja was soll ich sagen? Die Glückliche! Möge sich das niemals ändern!
Ich beschloss, diese Tatsache zu akzeptieren und im weiteren Verlauf zu ignorieren, denn wenn ich etwas über Medizin lesen will, kann ich mir ein Fachbuch kaufen, nicht wahr? Also, volle Konzentration auf das, wovon die Autorin etwas versteht, und das ist eine ganze Menge. Ihre Charaktere sind wunderbar vielschichtig gestaltet, ihre Welt gut durchdacht, ihre Sprache ist bildgewaltig, der Spannungsbogen überzeugend aufgebaut. Ich konnte das Buch nachher nicht mehr aus der Hand legen, ich musste einfach wissen, wer nun Jemren wirklich ist, was es mit Lillia auf sich hat, welche Rolle die Nraun spielen. Es ist die reich detaillierte Geschichte eines Kontinentes, drei Volksgruppen, die allesamt tödlich verfeindet sind. Ein sinnloser Krieg, der von allen Seiten zwar erbittert, aber mit Zweifel geführt wird. Dank wechselnder Perspektiven gestattet die Autorin uns, die Motive aller handelnden Personen zu verstehen. Die Frage, welche Partei im Recht ist, erübrigt sich, es wird keine Moral aufgedrängt. Der Leser darf selbst entscheiden, mit welcher Seite er am stärksten mitfühlen möchte eine seltene Gnade!
Charaktere
Alle Figuren sind bis in die letzte Nebenrolle ausgearbeitet. Abgesehen von den Heilerfähigkeiten Amras sind sie durchweg überzeugend und mitreißend gestaltet. Faszinierend, dass zwei Männer sich in eine Frau verlieben, ohne dass es zu echter Rivalität kommen kann, oder zu kitschigen Liebesmomenten die Frau ist unberührbar, und damit außer Reichweite. Hochinteressant!
Selbst der Wahnsinn der überaus grausamen Feldherrin des Ziegenvolkes wirkt nachvollziehbar.
Aufmachung
Ein hübsches Cover, gut lesbare Schrift, Karte, ausführlicher Indes: Alles da. Gute Qualität zu angemessenem Preis.
Fazit
Ein Buch, für das man das Telefon und die Türklingel ausstöpseln sollte. Die Wanderung über die Insel der Stürme nimmt einige Zeit in Anspruch, es gibt viel zu entdecken. Man sollte sich die Zeit nehmen, die Reise lohnt sich!