Ich schließe mich der weniger guten Kritik an. Das Buch ist etwas für Anfänger. Für die Harmonielehre, besser deren Grundzüge, lohnen sich dann die 22,95 ¤. Dass man zum Schreiben eines Popsongs Erfahrung braucht und für die Erfolgschancen zumindest Talent, gesangliche Befähigung und instrumantalhandwerkliche Geschicklichkeit, sollte ebenso klar sein.
Wenn man das allerdings hat, braucht man nicht dieses Buch, sondern eines mit strategische Empfehlungen, wie man sich am besten vermarktet und Gehör findet.
Doch hier einige Details: Auf den ersten Seiten lernte ich den Begriff "Turn-around" kennen am Beispiel einer weit verbreiteten Kadenz, nämlich dem alten Hut Tonika, Tonika-moll-Parallele, Subdominante, Dominante, z. B. C, amoll, F und G. Als Vorzüge dieser alten und immer wieder funktionierenden "Popformel" gibt der Autor die Vertrautheit des Zuhörers damit an. Zudem hätten die ersten 3 Akkorde den Vorteil, dass man auf alle die gleiche Songline anwenden kann. Da das auf der Dominante nicht mehr funktioniere, könne man diese schön für die Auflösung der Melodie verwenden. Soweit alles richtig beschrieben.
Noch raffinierter würde es dann, wenn F durch die Mollparallele d ersetzt würde. Das eigne sich für schmachtende Stellen; das Ganze mit einer nach unten gehenden Bassline c,h, a, g, f, e, d versehen, 'gern' auch zählzeitenversetzt, und man hätte das Grundmaterial für einen Hit zusammen.
Wer die beschriebene Kadenz spielt (alte Hasen haben das allerdings im Kopf), der weiß, wie groß die Phantasie und das Talent sein müssen, damit der Nachbar die Ohren spitzt!
Die Frage ist ja auch, wie man komponiert. Ich z.B. benutze selten ein Instrument, zumindest nicht am Anfang. Die Songlines entstehen meistens im Kopf mitsamt der harmonischen Einfärbung. Da ist die Harmonik bereits weitestgehend festgelegt, und wenn sie zufällig eine Popformel wiedergibt, dann gut.. . Denken in Popformeln wäre für mich allenfalls als stimulierendes Experiment geeignet, ansonsten engt es ein.
Letztes Beispiel dafür, wie unbestimmbar die Aussagekraft einer buchgestützten Hitschreibeanleitung ohne das nötige musikalische Talent ist: Die beschriebene Kadenz moll-Subdominante, Dominante, Tonika. Sie wird u.a. von den Beatles bei "All my lovin" verwendet. Dort hört man allerdings neben dem plakativen Walkingbass und der versetzt gespielten Snare auch Schlaggitarrentriolen und vor allem McCartneys Stimme. Das Hitpotential liegt wohl eher in der Originalität dieser Details. Wie sehr sich die Beatles trotzdem für den ersten Plattenvertrag abrackern mussten und wieviel Glück letztendlich immer noch notwendig war, ist wahrscheinlich hinreichend bekannt. Übrigens funktionierte ihre erste Nummer 1, "Please please me" ohne irgend eine in dem Buch beschriebene Popformel.
Nichtsdestoweniger hat der Autor zutreffend und anschaulich analysiert, wenn auch nur einen klitzekleinen Ausschnitt aus dem großen Ganzen. Hitpotential liegt glücklicherweise nicht nur in vertrauten Strukturen, sondern manchmal sogar im Gegenteil, im reizvollen Fremdartigen. Die Beatles haben sich immer gegen Musiktheorie gewehrt. Sie wollten nicht wissen, was sie da machten. Das Unbekannte hat sie stimuliert.
Hätte man nur damit geworben,das Buch gehe den Hits analytisch auf den Grund, wäre es seriös und es gäbe womöglich keine 'Enttäuschung'. Doch anzuleiten, wie man seinen ersten Hit schreibt, das kann wohl nicht gelingen!