Maximiliane Quindt, die Heldin von "Jauche und Levkojen" wird in Hinterpommern an einem schicksalsträchtigen Tag geboren -- am 18. August 1918, dem "Schwarzen Tag des deutschen Heeres". Und auch im weiteren Verlauf des Romans wird die "große Geschichte" immer wieder in die private Geschichte von Maximiliane eingreifen...
Ihr Vater ist Ende des 1. Weltkrieges 19jährig gefallen, ihre Mutter kehrt bald wieder zurück nach Berlin und heiratet wenig später zum zweiten Mal. Zunächst wächst Maximiliane bei den Großeltern auf, ein "Naturkind", im hinterwäldlerischen Hinterpommern. Ihr Großvater ist "der alte Quindt", der Gutsherr auf Poenichen: eine kluge, eigenwillige, dominierende Persönlichkeit, konservativ und fortschrittlich zugleich. Im Gegensatz zu vielen Standesgenossen ist er weder borniert noch ungebildet -- und vor allem zeichnet ihn eine warmherzige Skepsis aus, die ihn vieles klarer und eher erkennen lässt als die anderen. Seine Bonmots, die "Quindt-Essenzen", sind legendär im weiteren Umkreis, und sie tun ein Übriges, um den von einem melancholischen Humor durchzogenen Roman noch farbiger zu machen, als er es ohnehin schon ist.
Maximiliane (und mit ihr der Leser) lernt -- immer im Bannkreis des faszinierenden Großvaters -- nach und nach ihre Heimat und deren Bewohner quer durch die sozialen Schichten hindurch kennen. Für heutige Leser ist das eine fremde, archaisch anmutende Welt, geprägt von einer ganz anderen Mentalität, und es ist ein geschickter Kunstgriff, sie diese Welt zusammen mit einem wissbegierigen Kind entdecken zu lassen. Freilich nimmt die Erzählerin nicht die Perspektive des Kindes ein, sondern die eines weisen, ironisch kommentierenden Erzählers. Daraus ergibt sich ein ganz spezifischer doppelbödiger Ton, der "Jauche und Levkojen" einen ganz eigenwilligen Reiz verleiht. --
Als Maximiliane ein Internat bei Berlin besucht, wird sie zu einem "Kind ihrer Zeit" incl. BDM und "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein". Noch vor Beendigung der Schule heiratet sie ihren entfernten Vetter Viktor Quint, einen überzeugten Nazi, der "sein Parteibuch schützend über Poenichen" hält -- so glaubt man dort noch eine kurze Weile, denn Maximilianes Großvater ist alles andere als ein Parteigänger der Nazis, kann also einen "Familien-Nazi" gut brauchen. Viktors Anwesenheit auf Poenichen wiederum beschränkt sich weitgehend auf die Zeugung von "erbgesundem" Nachwuchs (schließlich hat das der Führer befohlen...); ansonsten dient er fanatisch dem "Führer" (freilich nicht immer...): erst an der Westfront, dann in eingekesselten Berlin, wo er bei Kriegsende stirbt.
Am Ende des Buches hört man in Poenichen die immer näher heranrückende Front; die Großeltern wählen den Freitod, die meisten Dorfbewohner machen sich auf die Flucht vor der Roten Armee, Maximiliane schließt sich mit vier kleinen Kindern dem Treck der Dorfleute an .
Den Reiz dieses Romans machen nicht allein die hervorragend plastisch gezeichneten Figuren aus; reizvoll ist auch Christine Brückners Kunstgriff, sich gleichsam mit dem Leser zu verständigen -- im Gegensatz zu den Protagonisten weiß man schließlich die ganze Zeit, was ihnen noch bevorsteht. Brückner erzählt das Leben ihrer Figuren und steht doch immer über der Geschichte, kommentiert sie auch, mal sanft ironisch, mal anteilnehmend, nie beschönigend.
Die Bezüge zu Theodor Fontane treten klar zutage; schon der Buchtitel zitiert einen Fontane-Brief; das Leben der Großeltern ist intensiv mit der Handlung von "Effi Briest" verwoben, und der alte Quindt trägt ähnliche Züge wie Dubslaw von Stechlin. Doch sind diese Fontane-Zitate kein Selbstzweck; u.a. erleichtern sie dem Leser das Verständnis einer ihm oft fremden Welt. Dabei vermeidet Brückner alle Bildungshuberei: Wer "Effi Briest" oder den "Stechlin" noch nicht gelesen haben sollte, kommt dennoch gut mit; dass die meisten "Jauche und Levkojen"-Leser die Fontane-Lektüre ggf. nachholen werden, halte ich aber für sehr wahrscheinlich (und lohnend sowieso).
"Jauche und Levkojen" ist allerbeste Unterhaltungsliteratur und wird niemals trivial; es ist ganz einfach ein großartiger, anrührender Roman.