Nach dem überraschenden Erfolg der Piraten bei der Wahl in Berlin war eine Auseinandersetzung mit dieser Partei scheinbar dringend geboten. Eine ganz neue Idee scheint da aufzuziehen, getragen von Menschen, die so gar nichts mit der althergebrachten politischen Klasse der Bundesrepublik zu tun haben. Im Vergleich zu den Piraten wirken selbst die Grünen wie ein verspießerter Altherr_Innen-Club.
Höchste Zeit also, sich die Piraten einmal vorzunehmen und zu schauen, wer sie überhaupt sind und was sie wollen. Dieser Versuch wird nun in dem Sammelband »Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern?« unternommen. Friederieke Schilbach, Lektorin bei Bloomsbury, hat insgesamt 22 Autoren gewonnen, die sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln nähern.
Diese Texte lesen sich durch die Bank gut. Immerhin haben namhafte Journalisten und Autoren Beiträge für diesen Sammelband verfasst. Auch die verschiedenen Arten, wie sich der Band an die Piraten annähert, sind gut gewählt. Von der Selbstdarstellung über das Interview bis hin zur Analyse sind viele verschiedene Zugriffsweisen vertreten. Sogar zwei Aufsätze über historische Piraten (einmal über die englischen Piratensender der Sechziger sowie über die »echten« historischen Seeräuber) sind vertreten.
Natürlich sind die Texte in dem Band von unterschiedlicher Qualität. Das sind Texte in Sammelbänden immer. Interessant ist hier jedoch, dass ' meiner Meinung nach ' der Bruch durch die Gattungen hindurch verläuft. Die Texte der Piraten über sich selbst sowie diejenigen Texte, die nahe an der Partei bleiben, sind durch die Bank überzeugender als jene, in denen sich die Autoren an einer Analyse von außen versuchen.
Die Texte der ersten Kategorie bieten eine überzeugende Einsicht in die Partei und ihre Köpfe. Hier wird zum einen die alltägliche Arbeit in einer gerade entstehenden Parteigezeigt und zum anderen das Weltbild der Mitglieder sowie ihr Weg zu den Piraten. Diese Texte sind zwar zum Teil widersprüchlich, aber das ist okay so. Die Piraten müssen ja eh noch sehen, wohin ihre Reise geh und sich ihr Programm erarbeiten.
Die Texte der zweiten Kategorie ' die Texte der vermeintlichen Experten, die der gesellschaftlichen Bedeutung der Piraten nachspüren ' zeichnen sich hingegen durch eine gewisse Ratlosigkeit aus. Wer die Piraten sind und was sie eigentlich wollen ' die Antworten darauf fallen so verschieden aus, wie es nur geht, und manches Mal fragt man sich, was die Texte bzw. Ansichten der Autoren eigentlich mit den Piraten zu tun haben. Wenn z.B. Juli Zeh die Piraten zu Verteidigern der Freiheit macht, dann wirkt das nur bedingt wie eine scharfe Beobachtung der Partei, sondern eher wie ein Text, in dem Frau Zeh ihre typischen Themen noch einmal durchdekliniert ' dieses Mal eben auf der Folie der Piratenpartei.
Diesen Makel tragen einige Texte in diesem Band: Sie nutzen die Partei als simple Projektionsfläche für die Ideologie der jeweiligen Autoren. Tatsächlich eignen sich die Piraten ganz vorzüglich für diese Art des Missbrauchs, denn ihr Programm ist noch nicht klar umrissen und kann -soweit es feststeht - nicht in das gängige politische Links-Rechts-Spektrum eingeordnet werden. So kann prinzipiell jeder Autor die Piraten für seine ganz eigenen Thesen heranziehen. Aber wenn die bereits erwähnte Juli Zeh die Piraten zum neuen Hort des Sozialliberalismus erklärt und dreißig Seiten später Katja Kullmann die gleiche Partei zur egoistischen Klientelpartei der nächsten Eliten-Generation degradiert, dann bleibt der Erkenntnisgewinn ein bisschen auf der Strecke.