Kurzbeschreibung
Reichsstadt Tremmlingen im 14.Jahrhundert: Hier führt die junge und schöne Tilla als Tochter eines wohlhabenden Kaufherrn ein behütetes Leben. Da stirbt ihr Vater – und verfügt in seinem Testament, dass sein Herz in Santiago de Compostela in der Nähe des Apostels Jakob begraben werden soll ... Tillas Bruder schert sich jedoch nicht um den letzten Willen seines Vaters und um dessen Wunsch, seine Tochter mit Damian, dem Sohn des Bürgermeisters, zu verheiraten. Stattdessen zwingt er seine Schwester zur Ehe mit seinem besten Freund, dem ärgsten Feind des Stadtoberhaupts. Doch noch in der Hochzeitsnacht stirbt Tillas ungeliebter Ehemann, und seine Verwandten wollen die junge Witwe in den Wahnsinn treiben. Tilla hat nur eine Chance: Sie muss fliehen! Als Mann verkleidet verlässt sie ihre Heimatstadt – im Gepäck das Herz ihres Vaters. Ihr Ziel heißt Santiago de Compostela ...
Klappentext
1368: Als ihr Vater stirbt, ändert sich Tilla Willingers Leben mit einem Schlag. Von der Sorge um sein Seelenheil getrieben, hat der Kaufherr bestimmt, dass sein Herz nach Santiago de Compostela gebracht werden soll. Tillas Bruder schert sich jedoch nicht um den letzten Willen des Vaters und auch nicht um dessen Wunsch, Tilla mit Damian zu verheiraten. Stattdessen zwingt er Tilla in eine Ehe mit Veit Gürtler. Dieser stirbt jedoch in der Hochzeitsnacht und Tilla entschließt sich zur Flucht. Sie holt das Kästchen mit dem Herzen ihres Vaters, um es nach Santiago zu bringen. Dabei nimmt sie auch die Schatulle mit, in der sie ihren Heiratsvertrag und das Testament ihres Vaters weiß. Sie ahnt allerdings nicht, dass sich noch weit aus brisantere Papiere darin befinden. Tilla verkleidet sich als Mann, schließt sich Pilgern an und begibt sich auf eine gefährliche Reise.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Hinter dem Namen Iny Lorentz verbirgt sich ein Münchner Autorenpaar, dessen erster historischer Roman "Die Kastratin" die Leser auf Anhieb begeisterte. Mit "Der Wanderhure" gelang ihnen der Durchbruch; der Roman erreichte ein Millionenpublikum. Seither folgt Bestseller auf Bestseller. Die Romane von Iny Lorentz wurden in zahlreiche Länder verkauft. Besuchen Sie auch die Homepage der Autoren: www.iny-lorentz.de
Auszug aus Die Pilgerin von Iny Lorentz. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Vorhänge waren so fest zugezogen, als könne der feinste
Sonnenstrahl dem Kranken schaden, und die Flamme der Öllampe neben dem Bett
vermochte die Kammer kaum zu erhellen.
So trüb wie das Licht war auch die Stimmung der vier Personen, die sich um
Eckhardt Willingers Krankenlager versammelt hatten und auf ihn
hinabblickten.
Der Kaufherr lag regungslos unter seiner Decke, und nur das leichte Heben
und Senken seines Brustkorbs verriet, dass er noch atmete. Mit einem Mal
aber fuhr er hoch, als wäre er aus einem tiefen Schlaf aufgeschreckt
worden, und packte den Arm des Arztes mit ausgemergelten, zu Krallen
gebogenen Fingern.
»Sorge dafür, dass ich wieder auf die Beine komme! Ich zahle dir, was du
willst. Ich brauche noch ein Jahr! Oder zumindest ein halbes! Dann kann ich
in Frieden ruhen.«
Willingers Stimme, die vor wenigen Wochen noch den Ratssaal der Stadt
ausgefüllt hatte, klang dünn und zittrig und seine blassblauen Augen waren
weit aufgerissen. Die Furcht vor dem Tod schien ihn in einem weit höheren
Maße gepackt zu haben, als man es von einem Mann erwartete, der mit klarem
Blick und kühlem Verstand eines der größten Handelshäuser seiner
Heimatstadt aufgebaut hatte.
Tilla, die Tochter des Kranken, maß Lenz Gassner mit zweifelndem Blick,
denn sie hielt nicht viel von der Wirksamkeit seiner Heilkunst. Nach ihrem
Empfinden lagen schon viel zu viele Leute auf dem Kirchhof, denen der Arzt
ein langes Leben prophezeit hatte. Doch wider alle Erfahrung hoffte sie, er
könne ihrem Vater wenigstens zu diesem einen Lebensjahr verhelfen. Lenz
Gassner war ein hochgewachsener Mann im dunklen Talar eines Gelehrten mit
dem überlegenen Habitus eines Mannes, der sich im Besitz größeren Wissens
wähnt als andere. Mit einem beruhigenden Lächeln löste er Willingers Hand
von seinem Arm und nahm ein kleines, mit einer dunklen Flüssigkeit
gefülltes Fläschchen aus seiner Tasche. »Dieses Mittel hilft Euch gewiss
wieder auf die Beine, Willinger. Es ist echter Theriak, zubereitet vom
Leibarzt des bayerischen Herzogs Stephan. Dieses Mittel hat, wie ich
bemerken darf, Seine Durchlaucht bereits zwei Mal von der Schwelle des
Todes zurückgeholt.«
Seine Worte hallten misstönend in Tillas Ohren, denn sie gaben ihr das
Gefühl, er nähme die Krankheit ihres Vaters nicht ernst.
Da sie den Siechen pflegte, wusste sie, wie hinfällig er inzwischen
geworden war, und fleißiges Beten schien ihr ein besseres Mittel gegen das
den Kranken von innen verzehrende Fieber zu sein als Lenz Gassners
Tinkturen. Eckhardt Willinger aber versetzte die Aussicht auf die Medizin
des Herzogs in freudige Erregung, und er nahm ein wenig Farbe an. »Danke,
mein Guter! Ich muss wieder gesund werden, denn ich habe noch etwas
Wichtiges zu erledigen, bevor ich vor unseren Herrn Jesus Christus treten
kann!«
Er zwinkerte dem Arzt wie einem Mitverschworenen zu und winkte ihm, noch
näher zu kommen. Gassner aber schien seinen eigenen Kenntnissen zu
misstrauen, denn er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Ich muss einfach gesund werden«, wiederholte der Kranke.
»Vor Jahren habe ich eine Wallfahrt zum Grabe des heiligen Apostels Jakobus
in Spanien gelobt, und dieses Versprechen muss ich halten. Wenn ich dort
bin, mag der Himmel mich zu sich nehmen, aber nicht früher.«
Während Willinger schwer atmend auf sein Kissen zurücksank, schnaubte sein
Sohn Otfried verächtlich. »Ich hoffe, Ihr könnt meinem Vater helfen,
Medicus. Er ist von dieser Wallfahrt so besessen, als hinge die ewige
Seligkeit davon ab.«
Tilla fuhr zornig auf. »Da diese Wallfahrt für Vaters Seelenheil notwendig
ist, müssen wir ihn mit allen Kräften unterstützen! Du aber tust gerade so,
als handele es sich um eine Narretei und nicht um ein heiliges
Versprechen.«
Der vierte Besucher an Willingers Bett, ein untersetzter, älterer Mann mit
faltigem Gesicht und dünnen, grauen Haaren, nickte Tilla zu. »Du hast
Recht, mein Kind. Keine Wallfahrt ist eine Narretei!«
»Aber muss es gleich Santiago de Compostela sein? Das liegt doch beinahe am
Ende der Welt! Eine Wallfahrt zum heiligen Kilian in Würzburg oder
meinetwegen auch nach Trier zum Heiligen Rock würde wirklich genügen.«
Tilla biss sich auf die Lippen, um nicht mit Worten herauszuplatzen, die
nur zu einem weiteren Streit mit ihrem Bruder führen würden, und atmete
tief durch. »Vater hat nun einmal versprochen, zum Grab des Apostels
Jakobus zu pilgern!«
Ihr Bruder winkte ab. »Den Weg wird er ohnehin nicht mehr schaffen. Er soll
froh sein, wenn er überhaupt am Leben bleibt.«
Das klang so herzlos, dass der ältere Herr verärgert den Kopf schüttelte.
Wohl wusste er, dass nicht alles eitel Freude war im Hause Willinger, doch
dem Sohn hätte etwas mehr Ehrfurcht vor dem Vater durchaus angestanden.
Otfrieds Worte wären auch außerhalb des Krankenzimmers ungehörig gewesen,
sie aber dem Vater ins Gesicht zu sagen, zeugte von einem erschreckenden
Mangel an der gebotenen Ehrfurcht.
»Ich hoffe und bete, dass dein Vater wieder ganz gesund wird. Der Rat
unserer Stadt braucht ihn dringend, vor allem jetzt in diesen unsicheren
Zeiten.« Das war eine verbale Ohrfeige für den jungen Willinger, denn laut
Stadtrecht würde Otfried nach dem Tod seines Vaters dessen Ratssitz
einnehmen. Koloman Laux, Bürgermeister von Tremmlingen und der beste Freund
des Kranken, hielt nicht viel von dessen Sohn und hoffte, diesen nicht so
schnell im Hohen Rat der Stadt sitzen zu sehen. Otfried bedachte Laux mit
einem bösen Blick, senkte dann den Kopf und bemühte sich zu versichern,
auch er wäre froh, wenn sein Vater die Krankheit überwinden und das Heft im
Hause Willinger wieder in die Hand nehmen könne.
»Das wird auch geschehen!« Der Kranke blickte den Arzt auffordernd an.
»Jetzt gib mir schon deinen Theriak. Wenn er den Herzog wieder auf die
Beine gebracht hat, wird er auch mir helfen. Hol meinen Becher, Tilla!«
Während das Mädchen die Kammer verließ, gelang es Willinger, seinem Gesicht
den Anschein eines Lächelns zu geben.
»Unser Herr Jesus wird mich nicht zu sich rufen, bevor ich mein Gelübde
erfüllt habe.«
»Das walte Gott! Mögen er und der heilige Kilian dir noch viele Jahre guten
Wirkens schenken!« Laux' Stoßgebet verriet, dass sein Vertrauen in die
Himmelsmächte ebenfalls größer war als in die Fähigkeiten des Arztes.
Otfried sah nicht so aus, als wolle er sich den frommen Wünschen des
Bürgermeisters anschließen, doch er schluckte eine abwertende Bemerkung
hinunter, denn in diesem Augenblick kehrte Tilla mit dem Lieblingsbecher
ihres Vaters zurück und übergab ihn Lenz Gassner. Der Arzt maß etwas von
dem Saft ab und reichte ihn dem Kranken. Willinger war jedoch so schwach,
dass Tilla ihm das Gefäß an den Mund halten musste.
»Wenn die Medizin so wirksam ist, wie sie grässlich schmeckt, werdet ihr
mich wohl kaum mehr lange im Bett halten können«, stöhnte er, während er
sich von seiner Tochter die Kissen richten ließ.
Da sein Patient nun die Augen schloss, nahm der Arzt die Gelegenheit wahr,
sich zu verabschieden. »Es warten noch andere Kranke auf meinen Besuch«,
erklärte er bedeutungsschwer und verließ die Kammer. Otfried hielt es
ebenfalls nicht mehr in der Krankenstube. Unter dem Vorwand, einige
kürzlich eingetroffene Geschäftsbriefe lesen zu müssen, verschwand auch er
und ließ seinen Vater mit Tilla und Laux allein zurück.
Willinger wirkte eine Weile so, als sei er eingeschlafen, doch als der
Bürgermeister sich verabschieden wollte, riss er die Augen auf und befahl
seiner Tochter barsch, ihm ein weiteres Kissen in den Rücken zu stecken.
Laux hielt seinen Freund fest, damit Tilla der Bitte nachkommen konnte. Der
Kaufmann erwies sich jedoch als zu kraftlos, um ohne Hilfe aufrecht sitzen
zu können. Mit einem Laut, der weniger Schmerz als Enttäuschung verriet,
ließ er sich in die Polster sinken, die Tilla hinter ihm aufgestapelt
hatte.
»Es will nicht mehr!«, stöhnte er mit bebenden Lippen. »Wenn Gott kein
Wunder tut, werde ich dieses Bett nicht mehr lebend verlassen. Aber wenn
ich die Pilgerreise nicht vollenden kann, bin ich verloren!«
»Muss es denn wirklich das Grab des heiligen Jakobus sein?«
Tillas Frage erzürnte Willinger. Er packte ihr Handgelenk und hätte sie
wohl durchgeschüttelt, wäre er bei Kräften gewesen.
»Ja! Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen, die nur in Santiago de
Compostela getilgt werden kann. Als mein Vater gestorben ist, war es sein
letzter Wille, dass ich dorthin pilgern und für seine Seele beten soll,
denn er war ein harter Geschäftsmann und hat so manchen Konkurrenten mit
rüden Methoden beiseite geschoben. Ich aber habe über seinen Wunsch gelacht
und bin im Lande geblieben. Nicht einmal einen Ersatzpilger habe ich an
meiner Stelle geschickt, wie es etliche andere tun! Stattdessen habe ich
Vaters Wunsch als Hirngespinst abgetan und ihn schließlich vergessen. Just
einen Tag aber, bevor mich dieses Fieber niederwarf, habe ich von Vater
geträumt und sah ihn im Fegefeuer leiden. Er hat mich verflucht, denn mit
meiner Wallfahrt zum Apostel Jakobus hätte ich es ihm ersparen können, und
er drohte mir das Höllenfeuer an, würde ich mich nicht ungesäumt auf den
Weg machen.«
Willingers Stimme überschlug sich, und bei seinen letzten Worten begann er
am ganzen Körper zu zittern. Die Angst um sein Seelenheil war weitaus
größer, als seine Zuhörer ahnten, denn er hatte noch um einiges härter
geschachert als sein Vater und war vor Lug und Trug nicht zurückgeschreckt.
Trotzdem war es ihm gelungen, den Anschein eines ehrbaren Handelsmanns
aufrecht zu halten. Hier in seiner Heimatstadt wusste niemand um die
dunklen Stellen in seinem Leben, auch Koloman Laux nicht, der sich für
seinen besten Freund hielt.
»Ich muss nach Santiago pilgern! Gott kann doch nicht so grausam sein, mir
dies zu verwehren. Sonst wird mir vor dem Jüngsten Gericht keine Erlösung
zuteil.« Der Kranke wimmerte vor Verzweiflung. Tilla beugte sich über ihn
und streichelte seine welken Hände. »Vater, beruhige dich doch! Es wird
alles gut werden.«
Willinger sah sie mit trüben Augen an. »Du bist ein gutes Mädchen, Tilla,
und verstehst meine Not. Ich vergehe vor Angst vor der ewigen Verdammnis.
Nur der heilige Jakobus kann mich davor erretten. Du musst mir eines
versprechen: Sollte der Tod mich ereilen, bevor ich diese Pilgerfahrt
antreten kann, sorge bitte dafür, dass mir mein Herz aus dem Leib genommen
und in der Nähe des Apostelgrabs beerdigt wird!«
»Du wirst gewiss wieder gesund werden und selbst nach Santiago wallfahren
können, Vater.« Tillas Stimme schwankte und ihr strömten Tränen übers
Gesicht. Koloman Laux trat neben sie und legte seine Hand auf ihre
Schulter. »Versprich es ihm! Du siehst doch, wie sehr sein Gewissen ihn
quält. Schließlich verlangt dein Vater ja nichts Unbilliges! Sollte Gott
ihm die Pilgerreise verwehren, kann dein Bruder sie antreten oder einen
Vertreter schicken, der das Herz nach Santiago bringt und es dort begraben
lässt.«
»Nein, kein Fremder! Es muss jemand von meinem Blut sein!«
Willinger keuchte und riss die Augen so entsetzt auf, als wäre der
Höllenwächter bereits dabei, das Tor zu Luzifers Reich für ihn zu öffnen.
Tilla befürchtete, er würde sich so sehr aufregen, dass es mit ihm zu Ende
ging, und lächelte unter Tränen. »Du wirst nach Santiago gelangen, Vater!
Gelingt es dir selbst nicht mehr, dann wird dein Herz dorthin gebracht.
Sollte Otfried sich weigern, deinen Willen zu erfüllen, dann werde ich an
seiner Stelle gehen. Das schwöre ich dir bei meiner eigenen Seligkeit und
beim Blute unseres Herrn Jesus Christus!«
Ein tiefer Seufzer brach über Willingers Lippen und er wurde sichtlich
ruhiger. »Du bist ein gutes Kind, Tilla! Dir vertraue ich, und du wirst
nicht allein stehen, wenn es so weit ist. Mein Freund Koloman und ich sind
uns einig, was deine Zukunft betrifft. Sein Damian ist ein stattlicher Mann
und braucht bald eine Frau. Möge Gott es lenken, dass ich meinen Segen zu
eurem Bunde geben kann, ehe ich diese Welt verlassen muss.« Laux ergriff
die Hand seines Freundes und drückte sie sanft.
»Ich kümmere mich um Tilla, aber ich lasse sie nicht nach Santiago ziehen.
Otfried wird gehen! Er kann und darf sich dieser Pflicht nicht entziehen.
Dafür werde ich schon kraft meines Amtes sorgen. Es wäre jedoch besser,
wenn du die Verpflichtung zur Wallfahrt in dein Testament aufnimmst.
Weigert dein Sohn sich dann immer noch, deinen letzten Willen zu erfüllen,
bleiben ihm die Türen des Ratssaals versperrt und kein ehrlicher
Handelsmann in unserer Stadt und darüber hinaus wird noch ein Geschäft mit
ihm abschließen.«
»Danke, mein Freund! Ich werde deinen Rat befolgen. Doch jetzt bin ich müde
und will ein wenig schlafen. Wenn ich wieder wach bin, lasse ich den
Stadtschreiber kommen, damit er als Notar meinen letzten Willen
beurkundet.« Der Kranke nickte Laux lächelnd zu und bat Tilla, einige der
Kissen aus seinem Rücken zu entfernen. Sichtlich besorgt half diese ihrem
Vater, sich bequem zu betten, und wandte den Blick erst von ihm ab, als er
mit einem entspannten Gesichtsausdruck eingeschlafen war.
»Es war gut, dass du geschworen hast, deines Vaters Willen zu erfüllen. Nun
kann er unbesorgt ruhen.« Mit diesen Worten wollte Laux Tilla beruhigen,
aber als sie ihn verschreckt ansah, bemerkte er, wie zweideutig sie
geklungen hatten. Um ihr ein wenig die Ängste zu nehmen, strich er tröstend
über ihre Wange.
»Bei deiner guten Pfl ege wird er sich gewiss wieder erholen und noch viele
Jahre unter uns weilen. Schau nur! Seit du die schwere Last von seiner
Seele genommen hast, sieht er schon besser aus. Ich bin sicher, dass er auf
deiner Hochzeit den Becher heben und mir zutrinken wird. Jetzt aber muss
ich euch allein lassen.«
Laux wandte sich zur Tür, drehte sich auf der Schwelle noch einmal um und
griff nach dem Medizinfläschchen mit der Tinktur, die der Arzt Theriak
genannt hatte. Mit einem Stirnrunzeln zog er den Stöpsel, roch an dem
Gebräu und schüttelte sich angewidert.
»Bei Gott, wie das stinkt! Davon soll ein Mensch gesund werden? Da halte
ich die Kräutertränke, mit denen unser Stallknecht die Pferde behandelt,
für bessere Heilmittel. Josef sagt immer, was den Pferden hilft, nützt auch
den Menschen, und beinahe glaube ich, dass er Recht hat. Als ich mich
letztens mit einer argen Kolik herumquälen musste, hat er mir einen Trunk
gemischt - und du wirst es nicht glauben: die Winde gingen ab und meine
Därme beruhigten sich wieder.«
Tilla blickte hoffnungsvoll zu Laux auf. »Glaubst du, Onkel Koloman, Euer
Josef würde auch ein Mittel haben, das Vater helfen könnte?«
Der Bürgermeister schüttelte bedauernd den Kopf und wies auf den Kranken,
von dessen Stirn der Schweiß nun in Strömen floss. »Dieses Fieber ist keine
Kolik, mein Kind. Hier kann wirklich nur noch Gott helfen und vielleicht
auch der heilige Jakobus. Wie es aussieht, sind sie gerade am Werk, denn
mit dem Schweiß wird auch die Krankheit ausgeschwemmt. Sorge dafür, dass
dein Vater genug zu trinken bekommt. Das Trinken ist das Wichtigste im
Leben, sagt unser Josef, und damit meint er nicht nur das Bier, das er
gerne die Kehle hinabrinnen lässt!«
»Ich werde darauf achten«, versprach Tilla, die etwas Hoffnung zu schöpfen
begann. Während Laux das Zimmer und kurz darauf auch das Haus verließ, ohne
Otfried noch einmal zu begegnen, wischte sie ihrem Vater den Schweiß von
der Stirn und sagte sich, dass es gewiss kein Schaden war, wenn sie noch an
diesem Tag in die drei großen Kirchen der Stadt ginge, um für die Gesundung
ihres Vaters zu beten.
Sonnenstrahl dem Kranken schaden, und die Flamme der Öllampe neben dem Bett
vermochte die Kammer kaum zu erhellen.
So trüb wie das Licht war auch die Stimmung der vier Personen, die sich um
Eckhardt Willingers Krankenlager versammelt hatten und auf ihn
hinabblickten.
Der Kaufherr lag regungslos unter seiner Decke, und nur das leichte Heben
und Senken seines Brustkorbs verriet, dass er noch atmete. Mit einem Mal
aber fuhr er hoch, als wäre er aus einem tiefen Schlaf aufgeschreckt
worden, und packte den Arm des Arztes mit ausgemergelten, zu Krallen
gebogenen Fingern.
»Sorge dafür, dass ich wieder auf die Beine komme! Ich zahle dir, was du
willst. Ich brauche noch ein Jahr! Oder zumindest ein halbes! Dann kann ich
in Frieden ruhen.«
Willingers Stimme, die vor wenigen Wochen noch den Ratssaal der Stadt
ausgefüllt hatte, klang dünn und zittrig und seine blassblauen Augen waren
weit aufgerissen. Die Furcht vor dem Tod schien ihn in einem weit höheren
Maße gepackt zu haben, als man es von einem Mann erwartete, der mit klarem
Blick und kühlem Verstand eines der größten Handelshäuser seiner
Heimatstadt aufgebaut hatte.
Tilla, die Tochter des Kranken, maß Lenz Gassner mit zweifelndem Blick,
denn sie hielt nicht viel von der Wirksamkeit seiner Heilkunst. Nach ihrem
Empfinden lagen schon viel zu viele Leute auf dem Kirchhof, denen der Arzt
ein langes Leben prophezeit hatte. Doch wider alle Erfahrung hoffte sie, er
könne ihrem Vater wenigstens zu diesem einen Lebensjahr verhelfen. Lenz
Gassner war ein hochgewachsener Mann im dunklen Talar eines Gelehrten mit
dem überlegenen Habitus eines Mannes, der sich im Besitz größeren Wissens
wähnt als andere. Mit einem beruhigenden Lächeln löste er Willingers Hand
von seinem Arm und nahm ein kleines, mit einer dunklen Flüssigkeit
gefülltes Fläschchen aus seiner Tasche. »Dieses Mittel hilft Euch gewiss
wieder auf die Beine, Willinger. Es ist echter Theriak, zubereitet vom
Leibarzt des bayerischen Herzogs Stephan. Dieses Mittel hat, wie ich
bemerken darf, Seine Durchlaucht bereits zwei Mal von der Schwelle des
Todes zurückgeholt.«
Seine Worte hallten misstönend in Tillas Ohren, denn sie gaben ihr das
Gefühl, er nähme die Krankheit ihres Vaters nicht ernst.
Da sie den Siechen pflegte, wusste sie, wie hinfällig er inzwischen
geworden war, und fleißiges Beten schien ihr ein besseres Mittel gegen das
den Kranken von innen verzehrende Fieber zu sein als Lenz Gassners
Tinkturen. Eckhardt Willinger aber versetzte die Aussicht auf die Medizin
des Herzogs in freudige Erregung, und er nahm ein wenig Farbe an. »Danke,
mein Guter! Ich muss wieder gesund werden, denn ich habe noch etwas
Wichtiges zu erledigen, bevor ich vor unseren Herrn Jesus Christus treten
kann!«
Er zwinkerte dem Arzt wie einem Mitverschworenen zu und winkte ihm, noch
näher zu kommen. Gassner aber schien seinen eigenen Kenntnissen zu
misstrauen, denn er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Ich muss einfach gesund werden«, wiederholte der Kranke.
»Vor Jahren habe ich eine Wallfahrt zum Grabe des heiligen Apostels Jakobus
in Spanien gelobt, und dieses Versprechen muss ich halten. Wenn ich dort
bin, mag der Himmel mich zu sich nehmen, aber nicht früher.«
Während Willinger schwer atmend auf sein Kissen zurücksank, schnaubte sein
Sohn Otfried verächtlich. »Ich hoffe, Ihr könnt meinem Vater helfen,
Medicus. Er ist von dieser Wallfahrt so besessen, als hinge die ewige
Seligkeit davon ab.«
Tilla fuhr zornig auf. »Da diese Wallfahrt für Vaters Seelenheil notwendig
ist, müssen wir ihn mit allen Kräften unterstützen! Du aber tust gerade so,
als handele es sich um eine Narretei und nicht um ein heiliges
Versprechen.«
Der vierte Besucher an Willingers Bett, ein untersetzter, älterer Mann mit
faltigem Gesicht und dünnen, grauen Haaren, nickte Tilla zu. »Du hast
Recht, mein Kind. Keine Wallfahrt ist eine Narretei!«
»Aber muss es gleich Santiago de Compostela sein? Das liegt doch beinahe am
Ende der Welt! Eine Wallfahrt zum heiligen Kilian in Würzburg oder
meinetwegen auch nach Trier zum Heiligen Rock würde wirklich genügen.«
Tilla biss sich auf die Lippen, um nicht mit Worten herauszuplatzen, die
nur zu einem weiteren Streit mit ihrem Bruder führen würden, und atmete
tief durch. »Vater hat nun einmal versprochen, zum Grab des Apostels
Jakobus zu pilgern!«
Ihr Bruder winkte ab. »Den Weg wird er ohnehin nicht mehr schaffen. Er soll
froh sein, wenn er überhaupt am Leben bleibt.«
Das klang so herzlos, dass der ältere Herr verärgert den Kopf schüttelte.
Wohl wusste er, dass nicht alles eitel Freude war im Hause Willinger, doch
dem Sohn hätte etwas mehr Ehrfurcht vor dem Vater durchaus angestanden.
Otfrieds Worte wären auch außerhalb des Krankenzimmers ungehörig gewesen,
sie aber dem Vater ins Gesicht zu sagen, zeugte von einem erschreckenden
Mangel an der gebotenen Ehrfurcht.
»Ich hoffe und bete, dass dein Vater wieder ganz gesund wird. Der Rat
unserer Stadt braucht ihn dringend, vor allem jetzt in diesen unsicheren
Zeiten.« Das war eine verbale Ohrfeige für den jungen Willinger, denn laut
Stadtrecht würde Otfried nach dem Tod seines Vaters dessen Ratssitz
einnehmen. Koloman Laux, Bürgermeister von Tremmlingen und der beste Freund
des Kranken, hielt nicht viel von dessen Sohn und hoffte, diesen nicht so
schnell im Hohen Rat der Stadt sitzen zu sehen. Otfried bedachte Laux mit
einem bösen Blick, senkte dann den Kopf und bemühte sich zu versichern,
auch er wäre froh, wenn sein Vater die Krankheit überwinden und das Heft im
Hause Willinger wieder in die Hand nehmen könne.
»Das wird auch geschehen!« Der Kranke blickte den Arzt auffordernd an.
»Jetzt gib mir schon deinen Theriak. Wenn er den Herzog wieder auf die
Beine gebracht hat, wird er auch mir helfen. Hol meinen Becher, Tilla!«
Während das Mädchen die Kammer verließ, gelang es Willinger, seinem Gesicht
den Anschein eines Lächelns zu geben.
»Unser Herr Jesus wird mich nicht zu sich rufen, bevor ich mein Gelübde
erfüllt habe.«
»Das walte Gott! Mögen er und der heilige Kilian dir noch viele Jahre guten
Wirkens schenken!« Laux' Stoßgebet verriet, dass sein Vertrauen in die
Himmelsmächte ebenfalls größer war als in die Fähigkeiten des Arztes.
Otfried sah nicht so aus, als wolle er sich den frommen Wünschen des
Bürgermeisters anschließen, doch er schluckte eine abwertende Bemerkung
hinunter, denn in diesem Augenblick kehrte Tilla mit dem Lieblingsbecher
ihres Vaters zurück und übergab ihn Lenz Gassner. Der Arzt maß etwas von
dem Saft ab und reichte ihn dem Kranken. Willinger war jedoch so schwach,
dass Tilla ihm das Gefäß an den Mund halten musste.
»Wenn die Medizin so wirksam ist, wie sie grässlich schmeckt, werdet ihr
mich wohl kaum mehr lange im Bett halten können«, stöhnte er, während er
sich von seiner Tochter die Kissen richten ließ.
Da sein Patient nun die Augen schloss, nahm der Arzt die Gelegenheit wahr,
sich zu verabschieden. »Es warten noch andere Kranke auf meinen Besuch«,
erklärte er bedeutungsschwer und verließ die Kammer. Otfried hielt es
ebenfalls nicht mehr in der Krankenstube. Unter dem Vorwand, einige
kürzlich eingetroffene Geschäftsbriefe lesen zu müssen, verschwand auch er
und ließ seinen Vater mit Tilla und Laux allein zurück.
Willinger wirkte eine Weile so, als sei er eingeschlafen, doch als der
Bürgermeister sich verabschieden wollte, riss er die Augen auf und befahl
seiner Tochter barsch, ihm ein weiteres Kissen in den Rücken zu stecken.
Laux hielt seinen Freund fest, damit Tilla der Bitte nachkommen konnte. Der
Kaufmann erwies sich jedoch als zu kraftlos, um ohne Hilfe aufrecht sitzen
zu können. Mit einem Laut, der weniger Schmerz als Enttäuschung verriet,
ließ er sich in die Polster sinken, die Tilla hinter ihm aufgestapelt
hatte.
»Es will nicht mehr!«, stöhnte er mit bebenden Lippen. »Wenn Gott kein
Wunder tut, werde ich dieses Bett nicht mehr lebend verlassen. Aber wenn
ich die Pilgerreise nicht vollenden kann, bin ich verloren!«
»Muss es denn wirklich das Grab des heiligen Jakobus sein?«
Tillas Frage erzürnte Willinger. Er packte ihr Handgelenk und hätte sie
wohl durchgeschüttelt, wäre er bei Kräften gewesen.
»Ja! Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen, die nur in Santiago de
Compostela getilgt werden kann. Als mein Vater gestorben ist, war es sein
letzter Wille, dass ich dorthin pilgern und für seine Seele beten soll,
denn er war ein harter Geschäftsmann und hat so manchen Konkurrenten mit
rüden Methoden beiseite geschoben. Ich aber habe über seinen Wunsch gelacht
und bin im Lande geblieben. Nicht einmal einen Ersatzpilger habe ich an
meiner Stelle geschickt, wie es etliche andere tun! Stattdessen habe ich
Vaters Wunsch als Hirngespinst abgetan und ihn schließlich vergessen. Just
einen Tag aber, bevor mich dieses Fieber niederwarf, habe ich von Vater
geträumt und sah ihn im Fegefeuer leiden. Er hat mich verflucht, denn mit
meiner Wallfahrt zum Apostel Jakobus hätte ich es ihm ersparen können, und
er drohte mir das Höllenfeuer an, würde ich mich nicht ungesäumt auf den
Weg machen.«
Willingers Stimme überschlug sich, und bei seinen letzten Worten begann er
am ganzen Körper zu zittern. Die Angst um sein Seelenheil war weitaus
größer, als seine Zuhörer ahnten, denn er hatte noch um einiges härter
geschachert als sein Vater und war vor Lug und Trug nicht zurückgeschreckt.
Trotzdem war es ihm gelungen, den Anschein eines ehrbaren Handelsmanns
aufrecht zu halten. Hier in seiner Heimatstadt wusste niemand um die
dunklen Stellen in seinem Leben, auch Koloman Laux nicht, der sich für
seinen besten Freund hielt.
»Ich muss nach Santiago pilgern! Gott kann doch nicht so grausam sein, mir
dies zu verwehren. Sonst wird mir vor dem Jüngsten Gericht keine Erlösung
zuteil.« Der Kranke wimmerte vor Verzweiflung. Tilla beugte sich über ihn
und streichelte seine welken Hände. »Vater, beruhige dich doch! Es wird
alles gut werden.«
Willinger sah sie mit trüben Augen an. »Du bist ein gutes Mädchen, Tilla,
und verstehst meine Not. Ich vergehe vor Angst vor der ewigen Verdammnis.
Nur der heilige Jakobus kann mich davor erretten. Du musst mir eines
versprechen: Sollte der Tod mich ereilen, bevor ich diese Pilgerfahrt
antreten kann, sorge bitte dafür, dass mir mein Herz aus dem Leib genommen
und in der Nähe des Apostelgrabs beerdigt wird!«
»Du wirst gewiss wieder gesund werden und selbst nach Santiago wallfahren
können, Vater.« Tillas Stimme schwankte und ihr strömten Tränen übers
Gesicht. Koloman Laux trat neben sie und legte seine Hand auf ihre
Schulter. »Versprich es ihm! Du siehst doch, wie sehr sein Gewissen ihn
quält. Schließlich verlangt dein Vater ja nichts Unbilliges! Sollte Gott
ihm die Pilgerreise verwehren, kann dein Bruder sie antreten oder einen
Vertreter schicken, der das Herz nach Santiago bringt und es dort begraben
lässt.«
»Nein, kein Fremder! Es muss jemand von meinem Blut sein!«
Willinger keuchte und riss die Augen so entsetzt auf, als wäre der
Höllenwächter bereits dabei, das Tor zu Luzifers Reich für ihn zu öffnen.
Tilla befürchtete, er würde sich so sehr aufregen, dass es mit ihm zu Ende
ging, und lächelte unter Tränen. »Du wirst nach Santiago gelangen, Vater!
Gelingt es dir selbst nicht mehr, dann wird dein Herz dorthin gebracht.
Sollte Otfried sich weigern, deinen Willen zu erfüllen, dann werde ich an
seiner Stelle gehen. Das schwöre ich dir bei meiner eigenen Seligkeit und
beim Blute unseres Herrn Jesus Christus!«
Ein tiefer Seufzer brach über Willingers Lippen und er wurde sichtlich
ruhiger. »Du bist ein gutes Kind, Tilla! Dir vertraue ich, und du wirst
nicht allein stehen, wenn es so weit ist. Mein Freund Koloman und ich sind
uns einig, was deine Zukunft betrifft. Sein Damian ist ein stattlicher Mann
und braucht bald eine Frau. Möge Gott es lenken, dass ich meinen Segen zu
eurem Bunde geben kann, ehe ich diese Welt verlassen muss.« Laux ergriff
die Hand seines Freundes und drückte sie sanft.
»Ich kümmere mich um Tilla, aber ich lasse sie nicht nach Santiago ziehen.
Otfried wird gehen! Er kann und darf sich dieser Pflicht nicht entziehen.
Dafür werde ich schon kraft meines Amtes sorgen. Es wäre jedoch besser,
wenn du die Verpflichtung zur Wallfahrt in dein Testament aufnimmst.
Weigert dein Sohn sich dann immer noch, deinen letzten Willen zu erfüllen,
bleiben ihm die Türen des Ratssaals versperrt und kein ehrlicher
Handelsmann in unserer Stadt und darüber hinaus wird noch ein Geschäft mit
ihm abschließen.«
»Danke, mein Freund! Ich werde deinen Rat befolgen. Doch jetzt bin ich müde
und will ein wenig schlafen. Wenn ich wieder wach bin, lasse ich den
Stadtschreiber kommen, damit er als Notar meinen letzten Willen
beurkundet.« Der Kranke nickte Laux lächelnd zu und bat Tilla, einige der
Kissen aus seinem Rücken zu entfernen. Sichtlich besorgt half diese ihrem
Vater, sich bequem zu betten, und wandte den Blick erst von ihm ab, als er
mit einem entspannten Gesichtsausdruck eingeschlafen war.
»Es war gut, dass du geschworen hast, deines Vaters Willen zu erfüllen. Nun
kann er unbesorgt ruhen.« Mit diesen Worten wollte Laux Tilla beruhigen,
aber als sie ihn verschreckt ansah, bemerkte er, wie zweideutig sie
geklungen hatten. Um ihr ein wenig die Ängste zu nehmen, strich er tröstend
über ihre Wange.
»Bei deiner guten Pfl ege wird er sich gewiss wieder erholen und noch viele
Jahre unter uns weilen. Schau nur! Seit du die schwere Last von seiner
Seele genommen hast, sieht er schon besser aus. Ich bin sicher, dass er auf
deiner Hochzeit den Becher heben und mir zutrinken wird. Jetzt aber muss
ich euch allein lassen.«
Laux wandte sich zur Tür, drehte sich auf der Schwelle noch einmal um und
griff nach dem Medizinfläschchen mit der Tinktur, die der Arzt Theriak
genannt hatte. Mit einem Stirnrunzeln zog er den Stöpsel, roch an dem
Gebräu und schüttelte sich angewidert.
»Bei Gott, wie das stinkt! Davon soll ein Mensch gesund werden? Da halte
ich die Kräutertränke, mit denen unser Stallknecht die Pferde behandelt,
für bessere Heilmittel. Josef sagt immer, was den Pferden hilft, nützt auch
den Menschen, und beinahe glaube ich, dass er Recht hat. Als ich mich
letztens mit einer argen Kolik herumquälen musste, hat er mir einen Trunk
gemischt - und du wirst es nicht glauben: die Winde gingen ab und meine
Därme beruhigten sich wieder.«
Tilla blickte hoffnungsvoll zu Laux auf. »Glaubst du, Onkel Koloman, Euer
Josef würde auch ein Mittel haben, das Vater helfen könnte?«
Der Bürgermeister schüttelte bedauernd den Kopf und wies auf den Kranken,
von dessen Stirn der Schweiß nun in Strömen floss. »Dieses Fieber ist keine
Kolik, mein Kind. Hier kann wirklich nur noch Gott helfen und vielleicht
auch der heilige Jakobus. Wie es aussieht, sind sie gerade am Werk, denn
mit dem Schweiß wird auch die Krankheit ausgeschwemmt. Sorge dafür, dass
dein Vater genug zu trinken bekommt. Das Trinken ist das Wichtigste im
Leben, sagt unser Josef, und damit meint er nicht nur das Bier, das er
gerne die Kehle hinabrinnen lässt!«
»Ich werde darauf achten«, versprach Tilla, die etwas Hoffnung zu schöpfen
begann. Während Laux das Zimmer und kurz darauf auch das Haus verließ, ohne
Otfried noch einmal zu begegnen, wischte sie ihrem Vater den Schweiß von
der Stirn und sagte sich, dass es gewiss kein Schaden war, wenn sie noch an
diesem Tag in die drei großen Kirchen der Stadt ginge, um für die Gesundung
ihres Vaters zu beten.