Zunächst: ich wünsche jedem der Tiplers Buch mit Freuden und Genuß gelesen hat und noch lesen wird von ganzem Herzen viel Spaß bei der Lektüre und meine das ganz ohne Ironie. Dennoch: Ich gehöre zu den bedauerlichen Zeitgenossen, die sich in Spitzfindigkeiten ergehen und bin doch relativ unerregt, in der Feststellung, daß Tiplers Buch tatsächlich zutiefst reduktionistisch ist. Dies ist keine wütende Diffamierung, sondern etwas was Tipler selbst an unzähligen Stellen im Buch erwähnt und dem er sogar ein ganzes Kapitel "Die Definition von Reduktionismus" gewidmet hat. Und so folgt in diesem Kapitel denn auch der Satz: "Meine Behauptung, der Mensch sei ein quantenmechanisches Objekt, exakt beschreibbar durch ein Computerprogramm, das 10 hoch 45 Informationsbits codieren könnte, ist eine ontologisch reduktionistische Aussage." Kein Frage, Tipler bekennt sich zu seinem Reduktionsmus, das kann also nicht ernsthaft der Streitpunkt sein. Spannender ist doch die Frage, ob der Mann damit Recht hat. Ontologie, das ist richtig, ist die Lehre vom Sein, aber Tiplers Definition von Ontologie ist eine eigenwillige, zumindest nicht die einzig mögliche. Heidegger hat sich zu diesem Thema in "Sein und Zeit" ausgelassen. Es ist für mich keine Frage, daß ein Computer irgendwann den Turing-Test bestehen wird, aber Tipler meint, daß die Gesamtheit aller menschlichen Erfahrungen (also die Weltseele) dereinst, abgespeichert werden kann. Die Weltseele ist dann also im Computer. Dies ist eine Spekulation, eine mögliche, aber immerhin eine Spekulation. Die mystischen Erfahrungswissenschaftler kommen gerade zu dem umgekehrten Schluß, alles ist in der (Welt)Seele. Ob heute oder gestern, dies ist nun einmal die Botschaft der Mystik, nicht durch verklärte Träumerei sondern durch ein Gehen von Schritten hin zur Seele (und darüber hinaus). Das Problem einer Behauptung die religiöse Dimensionen auf physikalische Bereiche reduzieren will ist immer dasselbe: Die Physik beschäftigt sich mit den simpelsten Bausteinen (auch wenn sie hochkompliziert und immens spannend sind, das sei nicht in Abrede gestellt), nämlich der toten Materie. Wenn aus dieser toten Materie Leben wird, zum Beispiel ein Hund, dann kommen ganz andere Gesetzmäßigkeiten, als rein physikalische, hinzu. Biologie ist in diesem Sinne schon metaphysisch, wer's nicht glaubt möge sich von einem Physiker erklären lassen, warum ein Hund mit dem Schwanz wedelt. Eine Ebene drüber finden wir die menschlichen Interaktionen, fragen Sie mal einen Physiker, warum, aus physikalischer Sicht, ein Krieg ausbricht. Oder wie eine Neurose entsteht. All dies kann die Physik nicht. Ausgerechnet zu den tiefsten Fragen der Sinnsuche und Unsterblichkeit will die Physik dann wieder kompetent sein. Ist sie es? Nein, sie bügelt alles platt, zerrt alles aus dem viel höheren Kontext auf die platteste aller Ebenen, eben der toten Materie, und dies ist in der Tat Reduktionismus. Tipler versucht sicherlich in bester Absicht, die Dimensionen und den Blickwinkel der Physik zu erweitern und die Absicht ist wunderbar. Mir stellt sich die Frage, ob dies mit den Mitteln der Physik gelingen kann und das glaube ich nicht, aus oben genannten Gründen. Tipler ist mit Sicherheit ein exzellenter Physiker, ich habe nur den starken Verdacht, daß wenn Tipler über Religionen und Jenseitsvorstellungen schreibt, er den Fehler macht alles seinem Lieblingskonzept unterzuordnen. Tipler bedient damit die Menschen, die von herkömmlichen Religionen enttäuscht, trotzdem den Wunsch nach mehr Tiefe haben, als die übliche Naturwissenschaft vermitteln kann und es ist insofern eine wunderbare Diskussionsgrundlage. Deshalb würde ich niemandem abraten, sein Buch zu lesen und zu diskutieren, ich würde nur dazu raten, auch andere Positionen zur Kenntnis zu nehmen, deren Grundansatz nicht allein auf der Physik beruht. Wenn Tipler über Religionen schreibt, so ist dies nicht unbedingt falsch nur entsetzlich oberflächlich. Desweiteren hat Tipler gelinde gesagt eigenwillige Vorstellungen über Moral. Wer ein wenig Kohlberg, Habermas, Kant, Wilber, Gilligan, Piaget, Freud oder so gelesen hat wird über Tiplers Ansicht, Auseinandersetzungen würden in Fragen der Moral nicht über "grundlegende moralische Prinzipien bestehen, sondern über Tatsachen" (S.398) geführt, nur wundern. Moral fragt nie ob etwas gemacht werden kann, sondern ob und warum (oder nicht) etwas gemacht werden sollte. Sollte man Menschen klonen, warum ist Mord schlecht, wie entwickeln sich moralische Prinzipien, gibt es primitive und hohe moralische Ansichten, zu all dem findet man in Physikbüchern schlicht nichts. Tipler hat das Recht all die Fragen auf seine Art zu beantworten und die Antworten aus Gebieten der Psychologie, der Moralforschung, der Spiritualität nicht in Tiefe zur Kenntnis zu nehmen, aber nur deshalb (weil sein Wissen dieser Gebiete keine Tiefe besitzt) passen sie ja scheinbar so perfekt in sein System. Das Buch hat sicher auch Stärken und es ist ganz interessant geschrieben, man lernt eine Menge und vielleicht wird ja in Menschen die wissenschaftlich zu denken verstehen, noch eine andere Dimension geweckt, immerhin hat uns alle ja etwas dazu bewogen das Buch zu lesen oder lesen zu wollen. Es ist nicht das Problem, daß Tipler religiöse Aspekte miteinbezieht, sondern wie es sie miteinbezieht. Wäre Tipler nun der erste seiner Zunft der einen Brückenschlag versuchte, wäre das alles ja noch verzeihlich, aber es sind inzwischen zu viele, die leider häufig gleichermaßen fragwürdig Synthesen zu erzwingen suchen. Es geht aber auch anders, wenn man schlicht erkennt, daß die Physik in religiösen Breichen ihre Gültigkeit verliert und umgekehrt. Selbst die großen Physiker der vorletzten Jahrhundertwende, waren nie der Meinung, Physik, könnte/würde/sollte die Mystik beweisen oder untermauern, sie alle waren sowohl Physiker als auch Mystiker, aber keiner warf diese beiden Dinge in einen Topf. Und das ist ein kolossaler Unterschied zu Tiplers gescheitertem Versuch. Damit will ich es bewenden lassen und freue mich über die Diskussion, die das Buch auslöst.