In seiner mehr als 3000jährigen Geschichte hat das alte Ägypten durch seine monumentalen Hinterlassenschaften und kulturellen Einflüsse auf die griechisch-römische Welt einen die Jahrtausende noch überdauernden Eindruck hinterlassen. In ihren Büchern und TV-Dokumentationen versucht die britische Ägyptologin Joyce Tyldesley einen Einblick in diese immer noch faszinierende vergangene Welt zu gewähren, so auch im in der Reihe National Geographic History erschienenem "Die Pharaonen". Wie auch die anderen Bände dieser Reihe zeichnet sich Tyldesleys "Die Pharaonen" durch eine ausgewogene Text-Bild-Mischung sowie eine chronologische und mit Info-Kästchen zu Spezialthemen und Herrschaftsfolgen aus.
Ein Buch über das alte Ägypten und die Pharaonen zu schreiben ist angesichts der oft dürftigen Quellenlage kein leichtes Unterfangen, entsprechend muss sich Tyldesley zu manchen Dynastiewechseln und Ereignissen, zu denen die Quellen schweigen, auch bedeckt halten, wie zu den konkreten Lebenswelten der ägyptischen Bauern. Die Quellen, das sind nämlich vor allem Grabinschriften und Grabbeigaben der Mittel- und Oberschicht, soweit noch erhalten. Dennoch ist es der Ägyptologin sehr gut gelungen einen Bogen von der vordynastischen Zeit bis zum Untergang der Ptolemäer zu schlagen und dabei im Text selbst sowie den Info-Kästchen nicht nur die geschichtliche Bedeutung der Pharaonen zu würdigen, sondern auch Einblicke in die Religion und Gesellschaft des alten Ägyptens zu vermitteln.
Tyldesley beginnt nach einem knapp zweiseitigen Vorwort zunächst mit einer Vorstellung Ägyptens in der prädynastischen Zeit der Badari- und Naqada I-III Kulturen (5300-3050 v. Chr.). Am Übergang der Naqada III Kultur zur Dynastie 0 (3050-3000 v. Chr.) soll es der Kriegerkönig Menes gewesen sein, der Ober- und Unterägypten erstmals zu vereinen vermochte. Doch die Existenz Menes ist umstritten, auch wenn dessen Nachfolger Narmer und Hor-Aha versuchten den Mythos für ihre Genealogie zu nutzen. In die Dynastie 0 fällt auch der mysteriöse Skorpion-König, der schon Hollywoods Fantasien angeregt hat. Mit dem Beginn der wirklichen dynastischen Zeit und der 1. Dynastie kann anschließend das Aufkommen der Mastabas als Totendenkmäler verortet werden.
Da zu Herrschern wie Narmer, Menes oder Hor-Aha nur karge biografische Informationen existieren hält sich Tyldesley möglichst an die wenigen bekannten Fakten und versucht sie nur zeitlich einzuordnen, anstatt ihre Geschichte mit Mythen auszuschmücken. Ähnlich verfährt die Ägyptologin auch mit späteren Pharaonen. Die biografischen Daten beschränken sich auf eine Feststellung des Verwandtschaftsverhältnisses, besonderer politischer Vermächtnisse und den Verweis auf kulturelle Hinterlassenschaften. Entsprechend beschränkt sich Tyldesley über das gesamte Werk vor allem mehr mit der Geschichte des alten Ägyptens und der Abfolge der Dynastien und Dynasten. Das Buch ist also keine Sammlung hunderter Kurzbiografien sondern ein zusammenhängend erzähltes Geschichtsbuch, wodurch es sich auch viel besser lesen lässt.
Schon deutlich umfangreicher entpuppt sich die Aufarbeitung des Neuen Reichs mit dem Beginn der 18. Dynastie. Durch verbesserte Verwaltungsstrukturen wurde nun eine umfassendere Dokumentation möglich, welche durch die wachsenden Zahlen an Schreibern erledigt wurde. Einen wichtigen Beitrag dazu dass uns schon sehr viel genauere Informationen über diese Zeit bekannt sind liefert vor allem das ab der 18. Dynastie intensiv genutzte Tal der Könige, welches mit Totentempeln ergänzt wurde. Das neue Reich sollte zu einer Blütezeit Ägyptens werden, denn nach der Vertreibung der Hyksos entwickelte sich Ägypten zu einer Großmacht im östlichen Mittelmeer. Nicht zuletzt auch weil man ein Berufsheer schuf, mit dem man sogar in Nubien einmarschieren konnte. In diese Ära sollte auch der Aufstieg der Ramessiden General Ramses fallen, der als Ramses I. die 19. Dynastie begründen sollte. Doch dieser letzte Glanz vor dem Niedergang konnte Ägypten schließlich nicht vor künftigen Fremdherrschaften bewahren, neben Libyern gelangten so auch Nubier auf den Thron und die Perser annektierten Ägypten zeitweise sogar. Eine Wende sollte unerwarteterweise die Eroberung durch keinen geringeren als Alexander den Großen herbeiführen, dessen General Ptolemaios die Nachfolge Alexanders als Pharao antreten und die bis zum Untergang der Römischen Republik bestehende Dynastie der Ptolemäer begründen sollte. Deren bekannteste Tochter Kleopatra (VII.) sollte zugleich die letzte herrschende Vertreterin der Ptolemäer werden.
- Resümee -
Von den Lücken in der Geschichte Ägyptens die von der Forschung bisher nicht geschlossen werden konnten merkt man in Joyce Tyldesley "Die Pharaonen" sehr wenig. Das Buch liest sich vor allem sehr flüssig und das ist angesichts der oft sehr schwierigen Faktenlage durchaus sehr lobenswert, denn die Ägyptologin hat weder ihrer eigenen Fantasie freien Lauf gelassen noch diverse Mythen zur Schließung mancher Lücken bemüht. Wer eine Sammlung von Kurzbiografien wird etwas enttäuscht sein, denn es geht weniger um "Die Pharaonen" als die Geschichte des pharaonischen Reichs, auch wenn bedeutende und vor allem bekannte Dynasten besonders hervorgehoben vorgestellt werden.