Auf dem Arnoldhof herrschte Hochbetrieb. Fast alle Reiter und Pferdebesitzer waren da, und überall sah man betroffene Gesichter. Der Tod von Arogno hatte wohl schon die Runde gemacht.
Sarah schlich möglichst unauffällig zu Saschas Box und begann ihr Pony zu putzen.
Aber schon nach einer Minute war sie nicht mehr allein. Solveig, die manchmal mit Sarah zusammen Unterricht hatte, und ihre nervige Mutter tauchten bei ihr auf.
"Was ist denn nun wirklich mit Arogno gewesen?", wollte Solveig wissen.
Sarah bemühte sich, gelassen zu bleiben. "Er ist 24 Jahre alt geworden, das ist ein recht alt für ein Pferd. Dr. Wiegand meinte, dass sein Kreislauf nicht mehr mitgemacht hat. Das kann passieren."
"Aber sicher ist das nicht?", mischte sich Solveigs Mutter ein.
"Woher soll ich das wissen?", gab Sarah zurück. "Ich kann nur wiederholen, was Dr. Wiegand gesagt hat. Und die geht von einem Kreislaufversagen aus Altersgründen aus. Sie ist die Tierärztin, ich helfe nur hin und wieder in der Klinik."
Ein dickliches Mädchen mit Zahnspange, das Sarah noch nie gesehen hatte, stellte sich dazu. "Meine Mutter hat gesagt, dass die Scholz den Arogno schon vor Jahren hätte einschläfern lassen sollen. Sie meinte, es sei Geldverschwendung, ein so altes Pferd zu behalten."
"Das ist doch Blödsinn!", fuhr Sarah sie an. "Arogno ging es bis vor ein paar Tagen wunderbar. Frau Scholz hat sich perfekt um ihn gekümmert und ihn heute Morgen auch nicht leiden lassen. Das schaffen nicht viele!"
Das Mädchen wandte sich beleidigt ab. Aber es vergingen nur wenige Augenblicke, bis Herr Arnold, der Besitzer des Hofes, auf Sarah zukam.
"Du arbeitest doch in der Klinik, richtig?"
Sarah nickte und striegelte weiter Saschas Kruppe.
"Arogno starb an Altersschwäche, oder? Ich habe Frau Scholz noch nicht gesprochen ..."
Sarah seufzte und drehte sich ihm zu. "Ja, die Tierärztin glaubt, dass es ein Kreislaufversagen war. Ich weiß auch nicht mehr."
Der drahtige Mann nickte. "Entschuldige, dass ich dich so ausfrage. Aber wenn ein Pferd stirbt, dann gibt es immer schnell Gerüchte."
In dieser Sekunde tauchte Jenny vor Saschas Box auf. "Na, fertig geputzt? Dann können wir ja gleich los. Bei Lavinia bürste ich nur schnell die Sattellage, in dem Regen werden wir sowieso geduscht!"
Wenige Minuten später ritten Jenny und Sarah vom Hof.
Sarah blies die Backen auf. "Puh. Noch länger hätte ich dieses Gerede im Stall nicht ertragen. Ich finde es ja auch schlimm, dass Arogno tot ist, aber ich will nicht ständig darüber reden!"
Jenny nickte. "Das kann ich verstehen." Sie sah ihre Freundin mitfühlend an. "Wenn du Tierärztin werden willst, wird dir das öfter passieren. Dass ein Pferd stirbt, meine ich. Ich würde das nicht aushalten."
"Ich glaube auch nicht, dass man sich daran gewöhnt oder so", antwortete Sarah. "Aber vielleicht begreift man ja irgendwann, dass es zum Leben dazugehört. Das hat zumindest Dr. Wiegand gemeint." Sie deutete auf einen weichen, nadelbedeckten Weg, der in den Wald führte. "Sollen wir da lang reiten? Im Wald sind wir ein bisschen geschützt vor dem Regen. Und wir könnten etwas traben oder galoppieren."
"Gute Idee!" Jenny lenkte Lavinia in den Weg und trabte an. Lavinia schnaubte und fiel nach ein paar Tritten in einen gemütlichen Galopp. Sascha setzte sich an ihre Seite.
Mit dem Wind prasselten Sarah die Regentropfen ins Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Tag fiel die gedrückte Stimmung von ihr ab. Sie legte ihre Hand auf Saschas Nacken und spürte seine Muskeln arbeiten. Ihm ging es gut, Dr. Wiegand hatte sein Leben retten können.
Als sie am Ende der Galoppstrecke ihr Pony durchparierte, lächelte sie. "Das hat jetzt gut getan. Einfach mal den Kopf ein bisschen durchpusten lassen."
"Stimmt." Jenny nickte. "Lass uns doch die längere Runde über die alte Mühle reiten. Ich möchte nicht so schnell in den Stall zurück, die Stimmung da ist schrecklich." Jenny sah an sich herunter und lachte. "Nass sind wir jetzt sowieso. Da können wir auch noch länger im Gelände bleiben."
"Du kannst wohl Gedanken lesen!", rief Sarah. "Genau das habe ich auch gerade gedacht. Wenn wir Glück haben, dann ist in zwei Stunden niemand mehr im Stall. Und wir haben ja die Regenreitmäntel, da werden wir schon nicht zu nass."
Die beiden Mädchen lenkten ihre Pferde auf einen geschotterten Weg, der zu der alten Mühle führte.
"Wo warst du eigentlich gestern Abend?", fragte Jenny. "Ich habe versucht dich anzurufen. Du bist aber nicht rangegangen."
"Da war wohl die Musik zu laut!" Sarah kicherte.
Jenny platzte jetzt fast vor Neugier. "Musik? Du willst mir doch nicht erzählen, dass du unterwegs und womöglich tanzen warst? Da würdest du doch nicht ohne mich wagen!"
"Stimmt! Ich war auch nur bei der Probe von Bens Band."
"Ben? Bei dem du auf dem Konzert warst? Ich dachte, der Typ wäre so ätzend. Macht sich immer lustig über deinen Pferdefimmel und so. Das hast du zumindest erzählt!"
Sarah wurde rot, aber das konnte Jenny in dem Dämmerlicht zum Glück nicht erkennen.
"Ach, so schlimm ist Ben gar nicht", winkte sie ab. "Er kann toll singen, und es macht wirklich Spaß, der Band zuzuhören."
"Und warum hat er ausgerechnet dich eingeladen?"
Sarah zuckte mit den Schultern. "Sie brauchten ein Test-Publikum." Hastig fuhr sie fort: "Das bedeutet gar nichts, ich war bloß gerade zu Hause und hatte Zeit. Wahrscheinlich hatten die anderen Freunde der Band keine Lust oder so."
Jenny musterte ihre Freundin grinsend, schwieg dann aber lieber. Stattdessen nahm sie die Zügel auf. "Sollen wir noch einmal galoppieren?"
Sekunden später liefen die kleine braune Stute und das gescheckte Pony wieder Seite an Seite durch den Regen.
Es dämmerte schon, als Jenny und Sarah endlich zum Arnoldhof zurückkehrten. In der Stallgasse herrschte Ruhe, die aufgeregten Pferdebesitzer waren inzwischen alle nach Hause gegangen.