Es handelt sich bei diesem Buch keinesfalls um eine Reitlehre oder ein Sachbuch oder ähnliches. Ebenso wenig werden tiefere Einblicke in Arbeitsweisen oder Techniken gegeben.
Das Buch ist in sich zweigeteilt.
Die erste Hälfte befaßt sich mit der Biographie von Andrea Kutsch und beschreibt, was sie auf die Suche brachte nach Antworten und Lösungen.
Nämlich ihr erstes Pony, zu dem sie als Kind einen sehr intuitiven Zugang und ein sehr inniges Verhältnis hatte, mit dem sie quasi "wortlos sprechen" konnte.
Sie beschreibt, wie das Pony im Ständer gehalten wurde, welche Verhaltensauffälligkeiten es entwickelte und wie es dann später, weil angeblich gefährlich, verkauft wurde.
Und sie beschreibt ihre Ohnmacht als Kind, dagegen etwas zu unternehmen.
Es wird über ihren Werdegang von der Kauffrau zum Profi-Surfer und Aussteiger zurück zum Reitsport erzählt.
Über viele Stationen im Dressur-, Spring- und Polosport sowie der Zucht von Pferden hinweg, wurde sie immer von dieser Frage begleitet, wieso man als Erwachsener oder fortgeschrittener Reiter nicht mehr diese Verständigungsmöglichkeiten mit Pferden hat, wie man sie als Kind hat.
Und so gelangte sie auf der Suche nach Antworten an Monty Roberts.
Sie erzählt recht amüsant über ihre Ausbildungsjahre bei ihm, in denen sie in einem Pferd ihren Meister fand, weil sie eben dachte: "Ja klar, kein Problem, machen wir ein nettes kleines JOIN-UP" - und wie das Pferd sie eiskalt vor den Poller laufen ließ und sie vor dem gesamten Kurs stand und zusieht, wie langsam ein Kopf nach dem anderen wieder hinter der Balustrade auftaucht, wenn die anderen Teilnehmer vom Lachkrampf geschüttelt wieder aufstehen können.
Sie stellt auch die Leute vor, die auf der Flag is Up Farm von Monty Roberts einen Großteil der Ausbildung übernehmen, während Monty Roberts selber auf Tournee ist.
Sie spricht auch über das Unverständnis, daß ihr, wieder in Deutschland angelangt, entgegenschlug, wenn sie versuchte, es anders zu machen, wie viele Leute sich von ihr abwandten.
Besonders nett fand ich die Episode über Andrea Kutsch als City Slicker, wie sie schildert, wie doch der Traum und die Realität ein wenig auseinanderklaffen.
Im zweiten Teil des Buches schildert sie einzelne Pferdepersönlichkeiten, die ihr zum Training überlassen wurden und wie die Besitzer teilweise darauf reagierten.
Nie tappt sie in die Falle, eine Reitweise oder einen Reitstil zu verunglimpfen, sich selber oder Monty Roberts oder andere Menschen über andere hinauszuheben.
Sie läßt sehr geschickt mittlerweile wissenschaftlich belegte Erkenntnisse über das Pferdeverhalte einfließen, sagt aber auch dazu, daß viele Pferdemenschen das schon immer wußten und sich zunutze gemacht haben, ohne es begründen zu können, sondern einfach intuitiv mit Gespür für die Kreatur das richtige taten.
Gerade dieses Einstreuen von Informationen macht Lust, sich mehr mit der Materie zu beschäftigen, sich wirklich intensiv in die Studien und Abhandlungen einzulesen.
Mein Fazit:
Eine Frau, die ich um ihre Entschlossenheit beneide, denn es ist nicht leicht, mehrfach alles hinter sich zu lassen, um dem Lebensweg eine ganz neue Wendung zu geben:
Ein Buch, das sich leicht und gut lesen läßt und Interesse weckt, tiefer in die Materie der Verhaltensforschung einzusteigen.
Es hat kaum Längen, liest sich schnell und flüssig und trotzdem werden zwischen den Zeilen wertvolle Informationen, stets mit Quellenangabe, geliefert.
Besonders gut gefällt mir, wie freimütig sie auch über Ihre Fehler und Rückschläge erzählt, wie sie damit umging und was sie daraus für sich selber mitnehmen konnte.
Sie räumt auch mit dem Mißverständnis auf, daß mit angeblich einer einzigen Show von Monty Roberts die Probleme gelöst seien, sondern sagt deutlich, daß daran ein weiteres Training anschließen muß und sich der Mensch ändern muß und all zu oft auch die Haltungsbedingungen. Und das wurde endlich mal Zeit.