Mit den "Pfeilern des Glaubens" schlägt Ildefonso Falcones (
Die Kathedrale des Meeres) ein vergessenes Kapitel der spanischen Geschichte auf: Die Verfolgung der moslemischen Minderheit im 16. Jahrhundert, eine Minderheit, die eigentlich gar nicht mehr existiert, weil sie längst zwangsgetauft wurde. Aber die "Morisken", misstrauisch beobachtet von den "Alt-Christen", pflegen ihre Bräuche im Geheimen und glauben fest an den Tag, an dem einer der Ihren wieder über "Al-Andalus" herrschen wird. Hernando, der Held des Romans, gerät dabei zwischen die Fronten, denn als Sohn eines katholischen Priesters und einer moslemischen Mutter muss er immer wieder beiden Seiten seine Loyalität beweisen. Erst sehr spät kommt ihm die Erkenntnis, dass nicht Krieg, sondern Toleranz der einzige Weg zwischen beiden Religionen ist.
Aus dieser Grundkonstellation ließe sich eine hochspannende Geschichte voller aktueller Bezüge basteln. Leider kämpfen "Die Pfeiler des Glaubens" über neunhundert Seiten hinweg mit zahlreichen Problemen:
Wir haben es mit einer äußerst brutalen Periode der spanischen Geschichte zu tun, und offensichtlich waren weder Morisken noch christliche Spanier sonderlich zimperlich, was Gewaltanwendung anging. Bis zur Mitte des Romans wird fortwährend gemordet, geschändet und gefoltert, im Detail und auf die ekelhafteste Art und Weise. Die Beiläufigkeit und Häufigkeit, mit der das geschieht, stumpft den Leser aber irgendwann ab und nimmt ihm das Auge für die Tragik und Dramatik dessen, was die Menschen damals tatsächlich erdulden mussten. Irgendwann isses einem dann wurscht, ob schon wieder hundert unschuldige Frauen und Kinder niedergemetzelt werden oder ob diesmal nur ein geldgieriger Händler aufgespießt wird - man blättert genervt um, fragt sich, ob in diesem Landstrich überhaupt noch irgendjemand am Leben sein kann, und hofft, dass die Handlung irgendwie weitergeht.
Ildefonso Falcones hat sein 16. Jahrhundert auf beeindruckende Art und Weise recherchiert. Herausgekommen ist dabei aber kein rundes Bild einer Epoche, in die man eintaucht, sondern eine stellenweise lähmende Ansammlung von Details, Details, Details. Wenn Hernando sich einer Kirche, einem Kreuzgang oder einem Haus nähert, geht das nicht ohne ausführliche architektonische Beschreibung, und wenn er dort gar einer historischen Persönlichkeit begegnet, erhält der Leser vor dem Treffen noch einen umfangreichen biographischen Abriss über Herkunft und Weltbild. Dennoch prägen sich weder Orte noch Charaktere wirklich ein.
Hernando ist ständig in Bewegung, reitet von Cordoba nach Granada, von Juviles nach Ugijar, von Villariba nach Villabajo, und der Leser ist kaum in der Lage, ihm dabei zu folgen (die kleine Karte in der Umschlagklappe ist auch keine echte Hilfe). Dabei wirkt er über weite Strecken wie eine alterslose Figur, die weder am Anfang als Vierzehnjähriger noch am Ende als Sechzigjähriger überzeugt. Abgesehen davon hat er die Neigung, sich so dämlich wie nur irgend möglich zu verhalten, um sich anschließend über die Folgen zu wundern - verführt die Ehefrau seines Gastgebers und findet es erstaunlich, dass der Ehemann darüber nicht begeistert ist, sorgt dafür, dass eine schmierige Gestalt zum Krüppel wird und denkt erst hinterher daran, dass dieser ihm fortan nach dem Leben trachten könnte.
Auch einige andere Protagonisten wirken hölzern, austauschbar und klischeebeladen. Besonders hart trifft das die unvermeidlichen Bösewichter, von denen einer Hernandos hormongesteuerter und auf weibliche Brüste fixierter Stiefvater Ibrahim ist, was dann stellenweise schon lächerliche Züge annimmt. Ansonsten gilt die einfache Regel: Wer böse ist, bleibt böse, und das meist aus recht billigen Gründen.
Zusätzlich sorgt Falcones immer wieder für Wendungen, die arg nach Zufall oder Konstruktion aussehen: Hernandos Mutter arrangiert für ihren Sohn eine Nacht mit seiner großen Liebe. Erst hinterher erklärt sie ihm - und damit auch dem Leser -, dass die beiden nun gemäß der Tradition ihres Glaubens drei Monate warten müssen, bis sie heiraten dürfen. Wer will da wirklich überrascht sein, wenn während dieser drei Monate etwas geschieht, das die Hochzeit unmöglich macht?
Fazit: "Die Pfeiler des Glaubens" handelt vom Fluch der Ignoranz und Intoleranz. Die Geschichte vom Untergang der Morisken enthält durchaus bewegende und nachdenklich machende Momente. Die allzu detailversessene Erzählweise, die auswechselbaren Figuren und die Tendenz, Pointen nochmal mit einem Ausrufezeichen zu erklären ziehen die Lektüre allerdings endlos in die Länge. Die zweite Hälfte hat mich dabei mehr gefesselt als die gewaltdominierte erste.
Eigentlich gehöre ich nicht zu den Leuten, die pauschal erklären: "Das Buch hat zu viele Seiten", aber in diesem Fall lautet mein Fazit tatsächlich: Zu lang. Zu aufgebläht. Zu viele Details, die von einer eigentlich ergreifenden Geschichte ablenken.