Den Ort Vigata kennen wir aus den zahlreichen Kriminalromanen Andrea Camilleris mit seinem sympathischen und im ganzen Genre wohl einzigartigen Commissario Salvo Montalbano. Nun entführt uns Andrea Camilleri in seinem neuen Roman "Die Pension Eva" zurück in die Zeit seiner eigenen Kindheit im faschistischen Sizilien. "Die Pension Eva ist nicht autobiographisch", schreibt er in einer kurzen Anmerkung am Ende des Buches, "auch wenn die Hauptfigur den Namen trägt, den ich früher bei meiner Familie und meinen Freunden hatte. Der historische Kontext ist authentisch, und die Pension Eva hat es wirklich gegeben."
Nene ist ein etwa zehnjähriger Junge. Sein Vater arbeitet im Hafen von Vigata, und immer, wenn Nene ihn dort besucht, kommt er an einer dreistöckigen Villa vorbei, die über lange Zweit sein Interesse weckt. Niemals ist dort jemand genauer zu sehen, doch er hört oft kräftige und helle Frauenstimmen aus den Fenstern klingen. Immer wieder kommt Nene, neugierig geworden, an diesen faszinierenden Ort zurück und findet mit Hilfe seiner älteren Schulkameraden auch heraus, was sich hinter dem Haus verbirgt: ein Bordell.
Camilleri beschreibt in diesem ersten Teil des Romans sehr feinfühlig und genau die erwachende Sexualität eines Jungen, sein beginnendes Interesse am weiblichen Körper und seinem eigenen Geschlechtsteil, er beschreibt genau, wie es in dieser Zeit, damals jedenfalls, unter den Jungen zuging, wenn sie darüber sprachen. Ich selbst kann mich gut daran erinnern, wie ich, etwa Mitte der sechziger Jahre, völlig unaufgeklärt, so wie Nene auf dem großelterlichen Speicher zu suchen begann und in einem dunklen Arztbuch mit den ersten Zeichnungen nackter Frauenkörper konfrontiert war. Ich kann auch noch nachspüren, mit welchen Gefühlen, die dort erwachten, diese Suche verbunden war.
Camilleri kann es auch; und er erinnert sich auf eine Weise, die ich solidarisch nennen möchte, der erfahrene, alte Mann beschreibt mit viel Liebe und Nachsicht die erwachende Sexualität eines Jungen, der er selbst gewesen sein könnte.
Etwas älter geworden, macht Nene bei seinem Klassenkameraden Matteo Mathematikhausaufgaben, und wird dort eines Tages von dessen Mutter, Signora Bianca verführt. Später stellt sich heraus, dass sie das früher oder später mit allen ansehnlichen jungen Burschen im Ort getan hat und dass sie es offenbar auf eine Weise tat, die ihnen nicht geschadet hat.
Als irgendwann der Vater eines Freundes von Nene die Leitung der Pension Eva" übernimmt, dürfen die Jungen, die sich im übrigen prächtig verstehen, jeden Montag, dem Ruhetag des Bordells , dorthin kommen, und dürfen mit den Prostituierten essen, trinken und sich Geschichten erzählen lassen.
Die Mädchen wechseln alle paar Wochen, die Jungen werden älter und bleiben. Der Krieg draußen schreitet voran, die ersten Bomben der gegen das faschistische Italien kämpfenden Alliierten fallen auf Sizilien, doch während all dieser von Camilleri detailliert geschilderten Zeit wird die Pension Eva besonders montags zu einem Ort voll lebendiger Phantasie, spannender Geschichten und bewegenden Lebensschicksalen. Als einer der Freunde sich in eines der Mädchen verliebt, will er sie unbedingt auslösen, und ein dramatischer Wettlauf beginnt ...
Camilleri hat in seinem neuen Buch in einem "erzählerischen Ausflug", wie er das nennt, eine wunderbare Geschichte erzählt einer Jugend und der mit ihr erwachenden Sexualität. Er hat es eingebunden in einen historischen Abschnitt seiner Heimat, den er schon in anderen Büchern oft zum Thema gemacht hat.
Ein sehr empfehlenswertes Buch.