Neue Zürcher Zeitung
Maske, paradox lx. Bei Friedrich Nietzsche findet sich die deutungsbedürftige Bemerkung, dass alles, «was tief ist», die Maske liebt. Was aber verbirgt sich hinter der Maske: ein Geheimnis, blosse Verstellung, bösartige Täuschung oder doch das wahre Gesicht? In seiner Studie geht der Zürcher Kulturwissenschafter Richard Weihe der Maske sowohl als Gebrauchsgegenstand wie auch als Begriff und Metapher nach. Von welcher Seite auch immer man sich der Maske nähert, so hängt an ihr doch der fundamentale Verdacht, das Wesentliche zu verbergen. In der Maske, so Richard Weihes theoretischer Zugriff, materialisiere sich sowohl die Differenz wie auch die Täuschung; mit der Maske verbinden wir immer ein «Dahinter». Der Autor geht seine Kulturgeschichte der Maske auf zwei verschiedenen Wegen an. Zum einen schlägt er einen kenntnisreichen Bogen vom antiken Maskentheater über die Commedia dell'arte bis hin zu Lavater und Plessner, zum anderen sind es hermeneutische Zugänge, die das Paradoxe in der Maske herausstellen: Im Griechischen bedeutet «prósopon» sowohl Maske als auch Gesicht. Es ist also kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Das treffe merkwürdig auf die Zukunftsszenarien der plastischen Chirurgie, die den Unterschied zwischen Gesicht und Maske auch aufzuheben begännen.
Kurzbeschreibung
Richard Weihe untersucht die kulturgeschichtlichen Metamorphosen der Maske und schlägt einen weiten Bogen vom antiken Maskentheater bis zur Commedia dell arte, von Cicero bis zu Machiavelli, Lavater, Plessner und gegenwärtigen Tendenzen. Während die Maske als Gesicht und Person (griech. prósopon in der Doppelbedeutung von Gesicht und Maske) in der Antike für die paradoxe Einheit des Verschiedenen stand, scheint die Gesellschaft heute diesem Konzept entgegenzuarbeiten. Im Zeichen von Körperdesign und Gentechnologie wird die Maske in die organische Struktur des Gesichts selbst inkorporiert. Damit wird die Differenz von Natur und Kultur tendenziell obsolet, und die Maske operiert nicht mehr als Zeichen dieser Differenz.