Kurzbeschreibung
Martin erzählt, wie er und seine Gefährten Pässe fälschten, Piratensender aufbauten, Geld für Flugblätter beschafften und sich in immer abenteuerlichere Aktionen verstrickten. Er enthüllt den Preis, den das Individuum für die vollständige Politisierung zu zahlen hat: Infantilismus, morbide Züge und Schwierigkeiten mit der Liebe. Aber er entdeckt auch die geheime Affinität der Rebellen zur bürgerlichen Poesie: Wie die großen Dichter laden sie eine als leer empfundene Gegenwart mit den Ikonen der Vergangenheit auf und projizieren diese auf eine verheißungsvolle Zukunft.
Über den Autor
Auszug aus Die Papiertiger von Paris von Olivier Rolin, Sabine Herting. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Vincennes Dorée Station-Service Johnny Walker Keep Walking Périphérique Fluide Brücken gelbe Lichter Paris zur Rechten unter dunkelviolettem Himmel vor smaragdgrünem Schild Metz Nancy Porte de Bercy Disneyland 32 KM die Reifen zerreißen die schwarz-goldbraune Seide A4-A86 Fluide A4-A104 Fluide alles fließt du auch Mr Bricolage rot Heimwerker du auch. Zwei Uhr morgens. Bercy 2 grün Carrefour blau Bercy Expo rot rechts großer in der Nacht leuchtender Riegel des Finanzministeriums 300 M N19 vorne wird der Himmel heller, nahe der Seine. Flüsse strahlen diese Art von Phosphoreszenz in den dunklen Himmel aus. Als du nach My Tho gefahren bist, hattest du den Mekong an den leuchtenden Wolken schon erahnt. Nicht wegen Marguerite Duras warst du dorthin gereist, in das kotschinchinesische Delta, nein, sondern um den Ort zu sehen, von dem der Oberleutnant eines Morgens, im Jahr nach deiner Geburt, aufgebrochen war, um auf einem Rach des Mekong zu sterben. Der Oberleutnant war dein Vater. Siehst du, Marie, sagst du zu Treizes Tochter, während ihr an den Bündeln aus glänzendem Stahl der Gare de Lyon vorbeifahrt und an den orangefarbenen und grau-blauen Kabinen, die der Tau benetzt, du siehst, ich weiß nicht mehr über meinen Vater als du über deinen. Ich bin dorthin gefahren, weil es nur noch diese fernen Orte gab, die mir vielleicht etwas sagen konnten - nicht um mir was auch immer zu berichten, nein, sondern um zu mir zu sprechen, so wie die Flüsse und die Wälder zu einem sprechen, die große Hitze, der sanfte Flug der Schmetterlinge, die Kakerlaken und die verdammten Schlangen und die bleiernen Mittagsstunden, diese unveränderlichen Zeugen. Alle anderen Stimmen waren verstummt: tot. Und so ist es oft: wirklich Lust, von Dingen zu hören, hat man erst, wenn die Stimmen, die sie euch näher bringen könnten, verstummt sind. Wer zum Beispiel ist auf einem alten Foto diese Frau neben deinem Vater am Ufer eines Flusses, von dem man unmöglich sagen kann, ob er hier in Frankreich oder dort in Asien fließt? Niemand wird dir jemals eine Antwort geben können, und dieses wenn auch nichts sagende Gesicht bekommt die Bedeutung von etwas, was für immer verstummt ist. Ich lebe noch, du hast Glück, sagst du zu Treizes Tochter. Nutze die Chance. In einem südlichen Vorort von Saigon, das nun Ho Chi Minh-Stadt hieß, warst du an Bord eines Sampans gegangen, der das Linienverkehrsmittel durch das Delta ist. Die Brücke war mit Fahrrädern und großen Strohkörben zugestellt, die Passagiere auf dem Zwischendeck waren Bauern, die gerade ihr Gemüse auf den Märkten von Ben Thanh oder Cho Lon verkauft hatten, sie betrachteten dich mit unverhohlener Neugier, ohne allzu große Sympathie. Es gab auch einen Affen in einem Vogelkäfig, den die Bauernjungen voll Vergnügen wahnsinnig machten. Die Planen, die der Brücke Schatten spendeten, knatterten im Wind, der Himmel brodelte grau und weiß über einer sehr dürftigen, von Wasser angenagten Erde. An einer Flussbiegung, jenseits der Mangroven, jenseits der Palmwedel- oder Wellblechdächer, waren plötzlich die Gebäude von Ho Chi Minh-Stadt zu sehen, an deren Dächern rote Fahnen und Werbung für japanische, koreanische und amerikanische Marken hingen, Daewoo Honda Hitachi Suzuki Canon IBM Hewlett-Packard Toshiba, dieselben wie hier am Périphérique, wie überall auf der Welt. Ho Chi Minh-Stadt war vielleicht von all den Städten, die du gesehen hattest, die, wo die Leidenschaft fürs Geld sich am schamlosesten Bahn brach. Danach kamen wir in die Schilfebene: schwimmende Dörfer, überlaufene Bambus-, Stroh- und Schilfflechtereien, Gänse, Enten und schwarze Schweine planschten unter den Pfählen, Reisfelder von fluoreszierendem Grün, ein Grün wie die Flügeldecke des Rosenkäfers oder eine Pfauenfeder, mittendrin sah man manchmal ein weißes Grab. Eisenbrücken, bewacht von Bunkern, die aus der Zeit der Amerikaner stammten oder sogar noch aus der der Phaps, der Franzosen. Reger Betrieb auf den Wasserläufen, bauchige Sampans, mit Luken in der Bordwand, durch die sich schmutzige, zahnlose Köpfe drängten, langsame Karavellen, deren Namen du nicht kanntest, deren Schiffsschrauben an langen Kardanwellen das Wasser aufquirlten und die fast zusammenbrachen unter den Lasten von Gemüsen, deren Namen du dummerweise nicht kanntest, armer Intellektueller, und dann diese Art Gondeln, beladen mit denselben, in der anbrechenden Nacht grün und mauvefarben leuchtenden Gemüsearten, die Frauen mit Tonking-Hüten durch Ruderstöße ohne Rucken dahingleiten ließen, sie standen auf dem Heck, nach vorne gebeugt, in der Bewegung ein wenig wie ein Fechter, der einen Ausfallschritt macht, sie holten mit dem Ruder aus, zogen es an sich heran, bis es ins Kielwasser glitt, dazu beugten sie die Arme, und wieder von vorn (oh, sich stets wiederholende Ewigkeit Asiens! oh, Stereotyp), and so on.
300 M Créteil Marne-la-vallée Metz Nancy quai d'ivry Porte d'ivry hier hätten wir eigentlich rausfahren müssen um zu ihrer Wohnung zu kommen aber schon vom Erzählfluss mitgerissen hast du die Ausfahrt verpasst, und wenn wir einfach weiterfahren?, hast du Treizes Tochter vorgeschlagen. Es sei denn, du hast es eilig, nach Hause zu kommen? Nein? Ich bin fit. Ein bisschen angetrunken, aber nicht zu sehr. Also fahren wir weiter. Wir werden diese ganze Geschichte wie eine Bleikugel in einer Wurfschleuder kreisen lassen, so dass sie weit fliegt. Rechts ähneln die mit Lichtpailletten besetzten schrägen Flügel der Nationalbibliothek Abschussrampen, links spucken die Düsen der großen Müllverbrennungsanlage die Dunststreifen eines Raumschiffs aus. Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Ausflug in den Weltraum machen? Einverstanden? Gesagt, getan. Fünf vier drei zwei eins Feuer! Wwwwooofff! Molotowcocktail! Du gibst Gas, du schwingst dich über die Gleise von Austerlitz, die Turbopumpen schnurren wie Katzen, Zündung der zweiten Stufe, du setzt die Booster, perfekt zischt es raus, fließender Périphérique, du steigst in den schwarzen Samt hinauf, du hebst die Anziehungskraft der großen eingeschlafenen Kugel zur Rechten auf: Pyjamabande! Du also zum Engel geworden, zu einem alten Engel am Steuer des Raumschiffs Remember, Treizes Tochter und du, ihr müsst eine Reihe von Experimenten über das Erinnerungsvermögen im Zustand der Schwerelosigkeit durchführen. Unter und hinter euch zieht die Erde vorbei Nantes Bordeaux Orly Rungis Évry Lyon Casino rot Castorama blau Bricolage Décoration Volvo blau Jack Daniels (hallo Jack!) Porte de Gentilly Hotel Ibis Étap Hotel Novotel blau wir spannen unsere Sonnenschilde auf, goldene Blütenblätter in der Nacht, schon zeigen sich am Horizont die Porte d'Orleans und der Kirchturm von Montrouge, der in der Schwarte des roten Himmels steckt. Du erinnerst dich an eine Szene, über die du erst sehr viel später lächeln konntest. Tatsächlich erst viele Jahre später.
Also: Du sitzt im Flur einer Wohnung, die dir ein Freund in einem dieser Sozial-Backsteinbauten an der Porte d'Orléans überlassen hat, es ist 1967, vielleicht? Du sitzt an einem Tisch und verfasst ein Flugblatt. Das könnte womöglich das längste Flugblatt in der ganzen Geschichte des Agitprop werden, denn: links die Tür, die zum Schlafzimmer führt, steht offen. Wie spät ist es wohl? Ein Uhr, zwei Uhr morgens? In jener Zeit gab es keine Nacht, die Nacht für den Schlaf war eine Erfindung der Bourgeoisie (diese Überzeugung hast du dir bewahrt). Nachts hieltet ihr Versammlungen ab (tagsüber auch: verrückt, wie viel Zeit ihr mit Diskutieren verbracht habt. Ihr musstet »die Spatzen sezieren«, laut einer Formulierung des Großen Steuermanns - das war eine elegante Art zu sagen: »Fliegen ficken«). Morgens wart ihr auf Strohsäcken, Schaumstoffmatratzen, Schlafsäcken zusammengesunken, inmitten von Kaffeetassen, randvoll mit Kippen. Alter kalter Nescafé und Zigarettenbrühe, eine der abstoßendsten Erinnerungen an diese Zeit. Bestimmt hat an diesem Abend an der Porte d'Orléans eine Versammlung stattgefunden, und nun verfasst du gerade ein Flugblatt. Ein Flugblatt, ihr Internetbenutzer, (ein Flugblatt, erklärst du Treizes Tochter) machte man folgendermaßen: Man tippte mit der Schreibmaschine auf so eine Art Durchschlagpapier, das Matrize hieß. Die Maschine, auf der man ohne Farbband schrieb, schlug Löcher in die Matrize. Okay? Dann zog man sie über die Tintenrolle einer Vervielfältigungsmaschine (techn.: Gerät, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) und drehte die Handkurbel - bei einigen Luxusmodellen drückte man den Schalter: ein kleiner Schwebeflug, und die Flugblätter stapelten sich, tintenverschmiert, schwarz vor bissigen Worten, fertig zum Verteilen zur abscheulichen Stunde, wenn die Proletarier unter erbleichendem Himmel ihrer Schinderei entgegengingen.