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Die Papiertiger von Paris
 
 
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Die Papiertiger von Paris [Gebundene Ausgabe]

Olivier Rolin , Sabine Herting
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die Millenniumsnacht: In seinem klapprigen Citroen DS jagt der knapp 60-jährige Martin über den Autobahnring um Paris. Neben ihm sitzt die Tochter seines besten Freundes, der vor Jahren unter sonderbaren Umständen verstarb. Während Reklametafeln und Verkehrsschilder vorbeiflirren, erzählt Martin der jungen Frau, wie er und ihr Vater als Mitglieder einer radikalen linken Gruppe die Welt aus den Angeln heben wollten. Sie hört ihm zu, unterbricht ihn mit Bemerkungen, die von zeitgemäßer politischer Ahnungslosigkeit zeugen – und trifft ihn am Ende doch mit einer scheinbar simplen Frage ins Herz.

Martin erzählt, wie er und seine Gefährten Pässe fälschten, Piratensender aufbauten, Geld für Flugblätter beschafften und sich in immer abenteuerlichere Aktionen verstrickten. Er enthüllt den Preis, den das Individuum für die vollständige Politisierung zu zahlen hat: Infantilismus, morbide Züge und Schwierigkeiten mit der Liebe. Aber er entdeckt auch die geheime Affinität der Rebellen zur „bürgerlichen“ Poesie: Wie die großen Dichter laden sie eine als leer empfundene Gegenwart mit den Ikonen der Vergangenheit auf und projizieren diese auf eine verheißungsvolle Zukunft.

Über den Autor

Olivier Rolin wurde 1947 geboren. Er ist Autor mehrerer Romane wie "L'Invention du monde" (1993) oder "Port-Soudan", für den er 1994 den Prix Fémina erhielt, schrieb Reiseberichte wie "En russie" (1987) oder Reportagen für "Libération" und den "Nouvel Observateur". Er lebt gegenwärtig in Paris und arbeitet im Verlagshaus Éditions du Seuil.

Auszug aus Die Papiertiger von Paris von Olivier Rolin, Sabine Herting. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Smaragdgrün auf nachtblau Périphérique Intérieur Fluide Périphérique Extérieur Fluide. Smaragd, émeraude, du liebst dieses Wort, wer weiß, warum. Wegen Esmeralda, des ersten Mädchens, das dich mit dem Gesicht oder besser den Kurven von Gina Lollobrigida zum Träumen brachte? Oder weil du als Kind deine Ferien an der Côte d'Émeraude verbrachtest? Keine Segelboote, keine Außenborder noch sonst etwas auf dem Wasser, damals war das Meer leer, wie man es von Gemälden kennt. Man musste sich vor angeschwemmten Minen hüten, die Flut gab immer noch welche frei, geduldige, rostige große Kugeln des Todes, die auf ihre Stunde warteten. Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Du bist genau in der Mitte der Zeitspanne zwischen der Mutter aller Niederlagen und Diên Biên Phu geboren, das muss man erst mal schaffen. Die historische Melancholie hast du mit der Milch deiner Mutter in dich eingesogen. Sie nahm deinen Bruder und dich zu einer Felsspitze in der Nähe eures Hauses mit, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Ihr habt auf einer Bank gewartet. Nicht die Sonne gehe unter, erklärte sie euch, sondern die Erde drehe sich, kippe, versinke in der Nacht. Auf der anderen Seite der Welt, in Asien, in Indochina, wie man damals sagte, werde es hell. Das war schwer zu glauben. Ihr hofftet, den Grünen Strahl zu sehen, doch ihr habt ihn nie gesehen. Schweigend gingt ihr zurück, ratlos und enttäuscht. Du magst das Wort Nacht, ebenso navire, night, noche triste, notta continua. Glänzende Fahrbahn, schwarz-goldbraun Bobigny Lille Bruxelles Porte de Bagnolet schwarze Türme, deren Spitzen sich im Nebel verlieren Porte de Montreuil Hypermarché Auchan grün rot Novotel blau 550 M N302 Campanile grün Saint-Maclou Peugeot Paris-Nord. Die ersten Tage des 21. Jahrhunderts. Da rechts hast du mal gewohnt, in der schwarzen Nacht, oben an der Straße... welche Straße war das noch? Und vor wie vielen Jahren? In grauer Vorzeit... Mit Judith. Wohnen ist ein großes Wort. Ihr schlieft dort. Vor wie vielen Jahren? Also... vor etwa dreißig. Ist das die Möglichkeit? Es gab noch kein Internet, nicht einmal Computer. Weder die Périphériques noch den TGV noch Laptops noch Kabelfernsehen noch Walkman, nicht einmal den Anrufbeantworter, ist dir das klar? Die Pavillons Baltard öffneten ihre Schirme über dem Bauch von Paris, das Fernsehen war schwarz-weiß, es gab nur einen Sender, oder vielleicht zwei, du erinnerst dich nicht mehr, das ist so lange her, so tief versunken in den Abgründen der Zeit... Supermärkte waren etwas völlig Neues, die sozialistische Partei, die PS, eine Splittergruppe, die kommunistische, die PC, man sagte »die Partei«, kam auf 20% der Stimmen... Und Judith, hatte sie damals noch die langen Haare, die du so mochtest? Geschmeidiges Fell, das sie auf eine Seite ihres schmalen Halses, auf welche?, gedreht hatte und ihr vorn über die Brüste fiel. Wie ein kleines seidiges Tier, das auf ihrer Schulter hockte. Ein fröhliches, seidiges kleines Tier. Zog sie ab und zu eine Strähne heraus, um sie in den Mund zu stecken? Heute kurze Haare, so eine Art Igelfrisur. Ihr wohntet bei einem anämischen Blonden, vielmehr bei seiner Mutter, sie war Kurzwarenhändlerin, ein ausgestorbener Beruf. Der Blonde wohnte bei seiner Mutter und ihr bei ihnen, sie waren Freunde von La Cause, sie kochte für euch, danach spültest du oder Judith, immerhin das, nicht immer, aber oft, dann wurde eure Liege im living-room, wie man damals sagte, aufgeschlagen. Dort muss es auch eine Anrichte mit dem Geschirr gegeben haben, einen Fernseher auf einem einbeinigen Tischchen, Präsident Pompe im Fernsehen, geteilte Vorhänge aus granatrotem Samt, Teppiche mit Rankenmuster, ein Spitzendeckchen auf dem Tisch, so etwa in der Art, das war vor Habitat-Ikea. Was müsst ihr sie genervt haben... Freund von La Cause zu sein, war kein geruhsames Pöstchen. Zur Cause dazuzugehören, bedeutete alles andere als Ruhe, das muss man sehen. Es gab einen kanalisierten Wasserlauf, der durch den Keller verlief: sicher dieser Bach von Méntilmontant, der in jenem Abflussrohr endet, durch das Jean Valjean flüchtete. Heute verkauft Judith Wohnungen. Sie träumte davon, Rosa Luxemburg zu sein oder Tamara Bunke, genannt Tania, diese junge Frau, die in Bolivien an der Seite Ches getötet wurde, oder auch Tina Modotti, Fotografin, Geheimagentin, verliebt, eine Schönheit, die ein Taxi tot durch die mexikanische Nacht fährt. Sie träumte also von einem Leben voller Abenteuer. La Grande Porte rot Carrefour blau 700 M N34 Porte de Vincennes Porte Dorée décathlon blau Étap'Hotel grün 245 Francs die Nacht Hotel F1 700 M Station-Service Scheiße! Ein Lastwagen, der abrupt ohne Ankündigung ausschert, lässt dir das Herz bis zum Hals schlagen, das Auto schleudert nach links, zum Glück blockieren die Bremsen nicht, nur etwas stark gerutscht. Mörder! Treizes Tochter hat keinen Laut von sich gegeben, sie bewahrt kühlen Kopf. Das hat sie von ihrem Vater. Und du hast immer noch gute Reflexe. Sie stammen aus der Zeit, als du auf vereisten Straßen einen gestohlenen Mercedes fuhrst, mit einem kleinen, aus dem Blech ausgeschnittenen Rechteck hinter der Armlehne, damit ihr euch mit eurem Gefangenen im Kofferraum verständigen konntet, einem Abgeordneten, der zur Vichy-Miliz gehört hatte, wie hieß er noch, dieses Schwein? Dir scheint, er hatte einen Kardinalsnamen. Ihr hattet die Wagen am Bahnhof von Vesoul geklaut, das war das einzige Mal, dass du in Vesoul warst, außer im Chanson. Das Wasser in den Rinnsteinen von Vesoul war gefroren. Ihr fuhrt über die Schlitterbahnen des Départements, um euren Coup vorzubereiten, die Wagen untereinander durch Funkgeräte verbunden. Ihr trugt Westen und unbezahlbar teure Filzhüte, um wie Notare oder Landärzte auszusehen, zumindest stelltet ihr euch das so vor. Zwanzigjährige Notare! Heute könntest du vielleicht deine Umwelt täuschen, nur ist dir die Lust dazu vergangen. »Heute«, heißt das: graues Haar, bürgerliches Aussehen und vergangene Lust? Rundherum waren verschneite, vom Wind zerzauste Flächen, hin und wieder dunkle Wälder, mit Bussarden, die auf den Randpfeilern saßen und sich schwer in die Lüfte erhoben, wenn ihr vorbeifuhrt. Die vor Kälte erstarrten Kühe sahen so aus, als hielten sie euch wirklich für Notare, sie betrachteten euch ohne jede Gefühlsregung. Kühe von früher, Kühe von vor dreißig Jahren, sagst du zu Treizes Tochter. Die sind schon lange gegessen. Die kannten kein BSE. Heute interessieren sich die Leute nur noch dafür: Hast du es bemerkt? Lebensmittelsicherheit. Vorsichtsmaßnahmen. Der Tod lauert am Tellerrand. Idioten! Du glaubst, das ist die Gegenwart: die Angst, vom Essen zu sterben? Diese Gegend der Haute-Patate, wie die Einberufenen die Haute-Saône nannten, erinnerte dich an die Landschaft in einem merkwürdigen Western, Leichen pflastern seinen Weg: Trintignant, der Gute, der Verfechter der Gerechtigkeit, stumm, da ihm in der Kindheit von den Bösen die Kehle aufgeschlitzt worden war, wird am Ende niedergemäht, im Schnee. So ähnlich wie Marlon Brando am Ende von Viva Zapata heimtückisch ermordet wird. Die Revolution wird immer ermordet. Rosa Luxemburg im Schnee erschlagen, am Ufer eines Kanals, in den man ihre Leiche wirft. Che in der Schule von Vallegrande exekutiert, nackt ausgestreckt, mit wirrem Haar, mit glasigen Augen, wie vorbereitet für das Sezieren, mit abgeschlagenen Händen, die Totenmaske reißt ihm die Haut vom Gesicht. Tamara-Tania, von Kugeln durchsiebt an der Furt des Vado del Yeso, ihre Leiche in der Drift flussabwärts im Wasser des Rio Grande. Euer Kopf war voll mit diesen tragischen Ikonen. Revolution zu machen bedeutete nicht so sehr die Machtübernahme vorzubereiten, als vielmehr sterben zu lernen. Das scheint von Nutzen, wenn man sehr jung ist. Ihr gingt nicht mehr ins Kino damals, die Revolution hatte keine Zeit für diese Farcen und Attrappen, aber ihr lebtet wie in einem Film, einem Low-budget-Krimi. Du hättest dir sehr gut vorstellen können, dass Jean-Louis Trintignant deine Rolle spielt. Letztendlich hattet ihr ihm nichts durch das Souffleurloch zugerufen, diesem Milizionär-Abgeordneten mit dem Bischofsnamen, denn dieser Galgenvogel war genau in dem Augenblick verschwunden, als ihr ihn schnappen wolltet, wie euch das so oft passierte.

Vincennes Dorée Station-Service Johnny Walker Keep Walking Périphérique Fluide Brücken gelbe Lichter Paris zur Rechten unter dunkelviolettem Himmel vor smaragdgrünem Schild Metz Nancy Porte de Bercy Disneyland 32 KM die Reifen zerreißen die schwarz-goldbraune Seide A4-A86 Fluide A4-A104 Fluide alles fließt du auch Mr Bricolage rot Heimwerker du auch. Zwei Uhr morgens. Bercy 2 grün Carrefour blau Bercy Expo rot rechts großer in der Nacht leuchtender Riegel des Finanzministeriums 300 M N19 vorne wird der Himmel heller, nahe der Seine. Flüsse strahlen diese Art von Phosphoreszenz in den dunklen Himmel aus. Als du nach My Tho gefahren bist, hattest du den Mekong an den leuchtenden Wolken schon erahnt. Nicht wegen Marguerite Duras warst du dorthin gereist, in das kotschinchinesische Delta, nein, sondern um den Ort zu sehen, von dem der Oberleutnant eines Morgens, im Jahr nach deiner Geburt, aufgebrochen war, um auf einem Rach des Mekong zu sterben. Der Oberleutnant war dein Vater. Siehst du, Marie, sagst du zu Treizes Tochter, während ihr an den Bündeln aus glänzendem Stahl der Gare de Lyon vorbeifahrt und an den orangefarbenen und grau-blauen Kabinen, die der Tau benetzt, du siehst, ich weiß nicht mehr über meinen Vater als du über deinen. Ich bin dorthin gefahren, weil es nur noch diese fernen Orte gab, die mir vielleicht etwas sagen konnten - nicht um mir was auch immer zu berichten, nein, sondern um zu mir zu sprechen, so wie die Flüsse und die Wälder zu einem sprechen, die große Hitze, der sanfte Flug der Schmetterlinge, die Kakerlaken und die verdammten Schlangen und die bleiernen Mittagsstunden, diese unveränderlichen Zeugen. Alle anderen Stimmen waren verstummt: tot. Und so ist es oft: wirklich Lust, von Dingen zu hören, hat man erst, wenn die Stimmen, die sie euch näher bringen könnten, verstummt sind. Wer zum Beispiel ist auf einem alten Foto diese Frau neben deinem Vater am Ufer eines Flusses, von dem man unmöglich sagen kann, ob er hier in Frankreich oder dort in Asien fließt? Niemand wird dir jemals eine Antwort geben können, und dieses wenn auch nichts sagende Gesicht bekommt die Bedeutung von etwas, was für immer verstummt ist. Ich lebe noch, du hast Glück, sagst du zu Treizes Tochter. Nutze die Chance. In einem südlichen Vorort von Saigon, das nun Ho Chi Minh-Stadt hieß, warst du an Bord eines Sampans gegangen, der das Linienverkehrsmittel durch das Delta ist. Die Brücke war mit Fahrrädern und großen Strohkörben zugestellt, die Passagiere auf dem Zwischendeck waren Bauern, die gerade ihr Gemüse auf den Märkten von Ben Thanh oder Cho Lon verkauft hatten, sie betrachteten dich mit unverhohlener Neugier, ohne allzu große Sympathie. Es gab auch einen Affen in einem Vogelkäfig, den die Bauernjungen voll Vergnügen wahnsinnig machten. Die Planen, die der Brücke Schatten spendeten, knatterten im Wind, der Himmel brodelte grau und weiß über einer sehr dürftigen, von Wasser angenagten Erde. An einer Flussbiegung, jenseits der Mangroven, jenseits der Palmwedel- oder Wellblechdächer, waren plötzlich die Gebäude von Ho Chi Minh-Stadt zu sehen, an deren Dächern rote Fahnen und Werbung für japanische, koreanische und amerikanische Marken hingen, Daewoo Honda Hitachi Suzuki Canon IBM Hewlett-Packard Toshiba, dieselben wie hier am Périphérique, wie überall auf der Welt. Ho Chi Minh-Stadt war vielleicht von all den Städten, die du gesehen hattest, die, wo die Leidenschaft fürs Geld sich am schamlosesten Bahn brach. Danach kamen wir in die Schilfebene: schwimmende Dörfer, überlaufene Bambus-, Stroh- und Schilfflechtereien, Gänse, Enten und schwarze Schweine planschten unter den Pfählen, Reisfelder von fluoreszierendem Grün, ein Grün wie die Flügeldecke des Rosenkäfers oder eine Pfauenfeder, mittendrin sah man manchmal ein weißes Grab. Eisenbrücken, bewacht von Bunkern, die aus der Zeit der Amerikaner stammten oder sogar noch aus der der Phaps, der Franzosen. Reger Betrieb auf den Wasserläufen, bauchige Sampans, mit Luken in der Bordwand, durch die sich schmutzige, zahnlose Köpfe drängten, langsame Karavellen, deren Namen du nicht kanntest, deren Schiffsschrauben an langen Kardanwellen das Wasser aufquirlten und die fast zusammenbrachen unter den Lasten von Gemüsen, deren Namen du dummerweise nicht kanntest, armer Intellektueller, und dann diese Art Gondeln, beladen mit denselben, in der anbrechenden Nacht grün und mauvefarben leuchtenden Gemüsearten, die Frauen mit Tonking-Hüten durch Ruderstöße ohne Rucken dahingleiten ließen, sie standen auf dem Heck, nach vorne gebeugt, in der Bewegung ein wenig wie ein Fechter, der einen Ausfallschritt macht, sie holten mit dem Ruder aus, zogen es an sich heran, bis es ins Kielwasser glitt, dazu beugten sie die Arme, und wieder von vorn (oh, sich stets wiederholende Ewigkeit Asiens! oh, Stereotyp), and so on.

300 M Créteil Marne-la-vallée Metz Nancy quai d'ivry Porte d'ivry hier hätten wir eigentlich rausfahren müssen um zu ihrer Wohnung zu kommen aber schon vom Erzählfluss mitgerissen hast du die Ausfahrt verpasst, und wenn wir einfach weiterfahren?, hast du Treizes Tochter vorgeschlagen. Es sei denn, du hast es eilig, nach Hause zu kommen? Nein? Ich bin fit. Ein bisschen angetrunken, aber nicht zu sehr. Also fahren wir weiter. Wir werden diese ganze Geschichte wie eine Bleikugel in einer Wurfschleuder kreisen lassen, so dass sie weit fliegt. Rechts ähneln die mit Lichtpailletten besetzten schrägen Flügel der Nationalbibliothek Abschussrampen, links spucken die Düsen der großen Müllverbrennungsanlage die Dunststreifen eines Raumschiffs aus. Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Ausflug in den Weltraum machen? Einverstanden? Gesagt, getan. Fünf vier drei zwei eins Feuer! Wwwwooofff! Molotowcocktail! Du gibst Gas, du schwingst dich über die Gleise von Austerlitz, die Turbopumpen schnurren wie Katzen, Zündung der zweiten Stufe, du setzt die Booster, perfekt zischt es raus, fließender Périphérique, du steigst in den schwarzen Samt hinauf, du hebst die Anziehungskraft der großen eingeschlafenen Kugel zur Rechten auf: Pyjamabande! Du also zum Engel geworden, zu einem alten Engel am Steuer des Raumschiffs Remember, Treizes Tochter und du, ihr müsst eine Reihe von Experimenten über das Erinnerungsvermögen im Zustand der Schwerelosigkeit durchführen. Unter und hinter euch zieht die Erde vorbei Nantes Bordeaux Orly Rungis Évry Lyon Casino rot Castorama blau Bricolage Décoration Volvo blau Jack Daniels (hallo Jack!) Porte de Gentilly Hotel Ibis Étap Hotel Novotel blau wir spannen unsere Sonnenschilde auf, goldene Blütenblätter in der Nacht, schon zeigen sich am Horizont die Porte d'Orleans und der Kirchturm von Montrouge, der in der Schwarte des roten Himmels steckt. Du erinnerst dich an eine Szene, über die du erst sehr viel später lächeln konntest. Tatsächlich erst viele Jahre später.

Also: Du sitzt im Flur einer Wohnung, die dir ein Freund in einem dieser Sozial-Backsteinbauten an der Porte d'Orléans überlassen hat, es ist 1967, vielleicht? Du sitzt an einem Tisch und verfasst ein Flugblatt. Das könnte womöglich das längste Flugblatt in der ganzen Geschichte des Agitprop werden, denn: links die Tür, die zum Schlafzimmer führt, steht offen. Wie spät ist es wohl? Ein Uhr, zwei Uhr morgens? In jener Zeit gab es keine Nacht, die Nacht für den Schlaf war eine Erfindung der Bourgeoisie (diese Überzeugung hast du dir bewahrt). Nachts hieltet ihr Versammlungen ab (tagsüber auch: verrückt, wie viel Zeit ihr mit Diskutieren verbracht habt. Ihr musstet »die Spatzen sezieren«, laut einer Formulierung des Großen Steuermanns - das war eine elegante Art zu sagen: »Fliegen ficken«). Morgens wart ihr auf Strohsäcken, Schaumstoffmatratzen, Schlafsäcken zusammengesunken, inmitten von Kaffeetassen, randvoll mit Kippen. Alter kalter Nescafé und Zigarettenbrühe, eine der abstoßendsten Erinnerungen an diese Zeit. Bestimmt hat an diesem Abend an der Porte d'Orléans eine Versammlung stattgefunden, und nun verfasst du gerade ein Flugblatt. Ein Flugblatt, ihr Internetbenutzer, (ein Flugblatt, erklärst du Treizes Tochter) machte man folgendermaßen: Man tippte mit der Schreibmaschine auf so eine Art Durchschlagpapier, das Matrize hieß. Die Maschine, auf der man ohne Farbband schrieb, schlug Löcher in die Matrize. Okay? Dann zog man sie über die Tintenrolle einer Vervielfältigungsmaschine (techn.: Gerät, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) und drehte die Handkurbel - bei einigen Luxusmodellen drückte man den Schalter: ein kleiner Schwebeflug, und die Flugblätter stapelten sich, tintenverschmiert, schwarz vor bissigen Worten, fertig zum Verteilen zur abscheulichen Stunde, wenn die Proletarier unter erbleichendem Himmel ihrer Schinderei entgegengingen.

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