Es ist natürlich das gute Recht eines Autors, ohne Vorwort gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber dann sollte es wenigstens so scheppern, dass man weiss, was Sache ist. Aber wenn der Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung eine Streitschrift mit einem Zitat aus der Hamburger Dramaturgie beginnt, ohne zu erwähnen, dass er damit Gotthold Ephraim Lessing zu Worte kommen lässt, muss er sich nicht wundern, wenn ein Teil des Publikums die Aufführung schon bei Beginn verlässt. Wer nicht zum engsten Kreis dieses überholten Bildungsbürgertums gehört, fühlt eben schnell, dass er auf den folgenden Seiten belehrt und nicht aufgeklärt werden soll. Und hat er noch Zweifel, dann werden diese auf den ersten Seiten zerstreut. Denn statt sein Anliegen erst mal in aller Ruhe und Klarheit vorzutragen, deckt Patrick Bahners die Leser mit Zahlen, Namen und Fakten aus der deutschen Politik zu. Und auf seinem Feindbild rückt er Schäuble, Sloterdijk und Sarrazin nicht ganz überraschend gleich ins Zentrum.
Um nicht von der falschen Seite beklatscht zu werden, möchte ich gleich klarstellen, dass ich viele von Patrick Bahners Ausführungen für notwendig halte, damit aus Schwarz-Weiss-Bildern wieder etwas Farbenfroheres entstehen kann. Aber den Vorwurf an die Panikmachern, sie würden in Wahrheit praxisferne Lösungen anbieten, muss er sich selber gefallen lassen. Zumindest wenn man darunter auch versteht, ein Menschenbild zu propagieren, das mit der Realität herzlich wenig zu tun hat. Statt sich intensiv mit den Gründen auseinanderzusetzen, warum die Mehrheit der Wähler in der Schweiz den Bau von Minaretten ablehnte, findet Patrick Bahners das Volk lieber dumm. Von einer Streitschrift erwarte ich nicht, dass sie jedes Argument genau abwägt und Konsenslösungen anbietet, mit der sich Leser abfinden können. Doch einfach durch Zeiten und Räume zu rasen, um jede ungerechtfertigte Kritik am Islam an den Pranger zu stellen, kann es nur schon aus Gründen der Lesbarkeit nicht sein. Und die Detailbesessenheit des Autors hat etwas Verbissenes, das mir mehr Angst macht als ein salopper, dummer und vielleicht sogar rassistischer Spruch am Stammtisch.
Nach dem dritten Kapitel, in dem es primär um den Streitgegenstand "Kopftuch" geht, hoffte ich nicht mehr darauf, die Argumentationsebenen und die Logik des Autors wirklich verstehen zu können. Wer über die Ungleichbehandlung von Nonnen und Musliminnen nur den Kopf schütteln kann, wird den ganz normalen Bürgern mit seinen diffusen Ängsten und vielleicht verbohrten Ansichten kaum verstehen können. Der Umgang mit dem Fremden findet eben nicht nur in den Gerichtssälen statt. Selbst wenn Patrick Bahners juristisch gesehen vielleicht sogar Recht haben mag, sind in den Köpfen der Menschen eben noch immer neuronale Verschaltungen am Werk, die auf frühen Prägungen beruhen und sich nicht einfach umpolen lassen. Die Kopftuchdebatte als Serie versäumter Gelegenheiten zu bezeichnen ist das eine, die tieferen Gründe dafür zu erforschen das andere. Aber von Psychologie scheint der Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung erstaunlich wenig zu halten. Das ist eventuell auch einer der Gründe, weshalb Patrick Bahners mit Frauen nichts anfangen kann, die vor dem Frauenbild des Islam warnen. Nach der Abrechnung mit Necla Kelek folgen noch die Kapitel "Hier isch die Fahrkart! Der Muslimtest in Baden Württemberg", "Aussichten auf den Bürgerkrieg. Die Zerstörung der Alltagsvernunft" und "Nach dem Tabubruch. Was will die Islamkritik?"
Mein Fazit: Angetreten, um eine populistische Islamkritik zu entlarven und an den Pranger zu stellen, erweist sich Patrick Bahners in seiner Argumentation und seinem Schreibstil als eine Art Gegenaufklärer. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn er dafür vertieft auf die Gefühle und Geschichten eingehen würde, die zu verqueren Meinungen über den Islam und zu ungerechten Disqualifizierungen führen. Doch dazu müsste er aus einer Haltung ausbrechen, die mich an ein Bildungsbürgertum erinnern, von dem nicht nur ich Abschied genommen habe. Eigentlich erstaunlich, dass der Autor Mitglied der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus ist.