Das Einfache ist wahrhaftig Kunst - wie eine Illustration zu diesem Satz klingt die Ostererzählung von Rainer Oberthür. Als Theologe habe ich von Seite zu Seite mit wachsendem Staunen entdeckt, wie viele Reflexionen in dieses Buch eingeflossen sind: Poetologische und exegetische Feinheiten, das Nachdenken über den jüdisch-christlichen Dialog, die entscheidende Rolle der in der Theologie oft übersehenen Frauen - um nur einige Aspekte zu nennen.
Dennoch oder gerade deshalb entwickelt das Buch eine erzählerische Kraft, die federleicht anmutet, zugleich wunderbar tief ins Leben greift. Diese Geschichte um Tod und Auferstehung ist einfach, niemals aber flach. Wunderschön, wie sehr der Autor der Kraft der Bibel traut, wahrscheinlich auch deshalb, weil er selbst sorgsam erzählen kann. Sogar die Sätze, die erklärenden Charakter haben, klingen wie geprägt. Viele Wendungen - wie etwa die von "Jesu Freunden, die nichts verstehen" - hallen in mir nach, man liest sie erneut, legt sie sich auf die Zunge, so lange, bis sie sich einem Gedicht ähnlich ins Innere senken. Dort sind sie aufbewahrt, auf dass man in ihnen aufgehoben ist.
Der Höhepunkt dieser Sprachkraft ist die anaphorische Reihung der Sätze, die in die Kreuzigung mündet, sie wirken wie Schläge, schmerzhaft, hart und scharf. Genau das wollen Kinder hören, behaupte ich, weil sie bestimmt noch nicht alles wissen, aber längst und besser als manche Erwachsene ahnen, wie tief das Geheimnis von Tod und Leben ist. In diesem Buch wird ihr Ahnen ernst genommen, sie müssen damit nicht alleine bleiben. Entsprechend ist es bestimmt kein Zufall, dass Rainer Oberthür die Geschichte ausgerechnet von einem Kind in Bewegung setzen lässt: "Mama, ich möchte etwas wissen vom Ende, wie Jesus gestorben ist."
Intelligent die Komposition des Buches - auch von den Bildern her betrachtet. Das hat sich mir gerade am Ende der Geschichte erschlossen: Denn das letzte Bild des Buches führt zurück zum Buchumschlag, der Osterfreude, mit der ja auch das Christentum seinen Anfang nahm. Jesus, der Auferstandene selbst, ist allerdings nirgendwo zu sehen oder zu betasten, eine Leerstelle, die das neue Leben nur noch größer macht. Auf irritierende, aber auch eigentümlich befreiende Weise kam mir ein wiederkehrendes Detail in den Illustrationen von Renate Seelig nahe: Die Mimik einiger Figuren, vor allem von Kindern (aber auch die der Frauen am leeren Grab!), ist zurückgenommen, in der Schwebe, oft noch nicht mal angedeutet. Warum mich diese nahezu ungestalteten Mienen anziehen? Weil ich Sehnsucht habe nach solcher Offenheit, nach Gesichtern, die noch nicht für alle Zeiten festgelegt sind. Das Leben steht ihnen bevor, und diese Geschichte glaubt daran, dass ihre Gesichter frei sind und immer schöner werden, weil sich Ostern in ihr Leben schreibt - oder um es mit einem dieser meisterhaft einfachen Sätze von Rainer Oberthür zu sagen: "Die Geschichte ist lange traurig, doch sie hat ein gutes Ende."