Auf dem Zenith ihrer Macht beherrschten die Osmanen ein Reich, das dem der Byzantiner zur Zeit seiner größten Expansion ebenbürtig war. Hierzu gehörten neben Kleinasien der Balkan, Teile Nordafrikas und ein großer Teil dessen was heute als Naher Osten bezeichnet wird. Nebn den Muslimen hielten auch viele Christen den osmanischen Sultan für den legitimen Nachfolger der christlich-orthodoxen Kaiser von Byzanz. Historisch verband Byzantiner und Türken tatsächlich eine lange Beziehung, deren Wurzeln bis in die Zeit des Zerfalls des Römischen Reiches zurückreichen. Während das Weströmische Reich aufgrund inneren und äußeren Druckes zusammenbrach, konnte sich das Oströmische Reich konsolidieren. Während sich seine Bürger weiterhin als Römer ansahen, wurde das erste Turkvolk das Anatolien erobern konnte und sich dort niederließ als Rumseldschuken bezeichnet. Diese Bezeichnung ging keineswegs auf die gleichnamige hochprozentige Spirituose zurück, sondern leitete sich von der türkischen Bezeichnung für Rom ab. Nachdem die Seldschuken am 26. Juni 1242 eine verheerende Niederlage gegen die Mongolen erlitten hatten, konnten diverse nomadische und halbnomadische Stämme ihre Unabhängigkeit erringen und eigene "Beyliks" gründen. Aus der Ansammlung dieser türkischen Kleinstaaten sollte sich, die nach ihrem Gründer Osman benannte Dynastie der Omanen zur mächtigsten Nation aller Turkvölker erheben......
.....von Bursa aus eroberten sie zuerst kleinasiatische Gebiete und schnürten Byzanz ein, bevor sie in den 1350er Jahren auch nach Europa übersetzten. Innerhalb der nächsten 30 Jahren dehnten sie ihren Herrschaftsbereich bis zu den Bulgarischen Staaten aus. Von dort aus drangen sie weiter auf dem zersplitterten Balkan vor und schlugen sich siegreich in der Schlacht von Ploznik (1387) und der ersten Schlacht auf dem Amselfeld (1389). Sieben Jahre später sollte es am 24. - 25.09.1396 zur Schlacht von Nikopolis kommen, bei der Sultan Bayezit und seine Vasallen, zu denen auch der serbische Fürst Stephan Lazarev gehörte, einem aus ganz Europa zusammengetrommelten "Kreuzfahrerheer" eine Niederlage bereiteten. Nachdem auch die Walachei und Bosnien zu Vasallen der Osmanen geworden waren, und lediglich Skanderbegs albanisch-serbische Koalition erfolgreichen Widerstand leisten konnte, wurde 1444 in der Schlacht bei Warna das letzte Kreuzfahrerheer des Mittelalters geschlagen. Es folgten Feldzüge nach Ungarn, das damals bis zum Mittelmeer reichte und große Teile Kroatiens einschloss. Die Belagerung und Eroberung Konstantinopels, bei der die Osmanen eine moderne Artillerie einsetzten, machte den Sultun Mehmet II. (der Eroberer) endgültig zum Nachfolger der Byzantiner. Nachdem auch Griechenland fiel, Moldau zum Vasall wurde (1504) konnten die Osmanen auch die Herrschaft über das Schwarze Meer erringen. Mit der Eroberung Ägyptens gelang der neuen Militärmacht etwas, womit sich mehrere Kreuzfahrerheere vergeblich abmüht hatten und was seit Sultan Saladin niemanden mehr gelungen war. Syrien, Libanon, Palästina, Mesopotamien bis zum Persischen Golf und die Heiligen Stätten der Arabischen Halbinsel bis zum Golf von Aden wurden erobert oder gerieten in den osmanischen Einflussbereich. Im Westen wurde Stützpunkte bis über die Straße von Gibraltar hinaus errichtet. Nach dem Sieg bei Mohacs fällt der größte Teil Ungarns und öffnet den Weg zur ersten Belagerung Wiens (1529). Unter der Herrschaft Sultan Süleymans II. (auch Kanuni oder der Prächtige) hat das Osmanische Reich seinen Höhepunkt erreicht.....
Der auf Militärgeschichte spezialisierte englische Historiker und Mitherausgeber des bis Januar 2005 erschienenen "Medieval History Magazine" präsentiert die 600jährige Geschichte des Osmanischen Reiches auf 185 Seiten, die er in elf Kapitel untergliedert hat. Im Mittelpunkt stehen 61 exzellente Landkarten, aus denen wesentliche Ereignisse ablesbar sind. Inhaltlich ergänzt werden sie durch ansprechende Textpassagen, sowie farbige Fotos und andere Abbildungen. Daneben gibt es noch farblich abgesetzte Übersichten/Tabellen zu Themen wie "Freiwillige Auswanderung und Deportationen" (S. 101), "Die Feldzüge Sultan Süleymans" (S. 109) etc. Besonders interessant sind die Beträge zu den Janitscharen, den Anfängen der Osmanischen Luftwaffe und der "Unheiligen Allianz" mit König Franz I. von Frankreich. Darüber hinaus werden auch Aspekte angesprochen, die sich z. B. auf dem Balkan, dem Nahen Osten und im Kaukasus bis in die Gegenwart negativ auswirken.
Der Atlas lässt jedoch eine Notiz darüber vermissen, dass die Osmanen im Jahre 1480 im süditalienischen Otranto/Apulien landeten und nach Rom marschieren wollten. Ein toller Anhang mit Übersichten aller Seldschukischen und Osmanischen Dynastien, Byzantinischen Kaisern ab Basileios II., der Husanyniden-Beys Tunesiens, den Karamanlis Tripolitaniens, den Herrschern des Lateinischen Kaiserreiches und den Herrschern Ägyptens ab 1250, sowie ein Register bilden den Abschluss eines höchst anschaulichen Geschichtsbuches.
"Die Osmanen" von David Nicolle sollten ihren Platz in jeder Sammlung historischer Atlanten finden. Auch als Reisebegleiter in Länder, die zum einstmaligen Machtbereich des zuletzt als "Kranker man vom Bosporus" bezeichneten Reiches gehörten, empfehlenswert. Mit fünf Amazonsternen zu bewerten, weckt der "ultimative Osmanen-Atlas" zudem das Interesse für die zahlreichen anderen Publikationen des Autors.