Kein Denker entzieht sich so konsequent jedweder Kategorisierung, und hat doch einen größeren Einfluss auf die Ideengeschichte der Nachkriegszeit gehabt, als Michel Foucault. Psychiatrien, Krankenhäuser, Gefängnisse, Sex; vieles war Analyseobjekt seiner Schriften, doch keiner weiß so wirklich, wofür dieser Mensch eigentlich stand: Postmoderne, Poststrukturalismus, Post-Weiß-Der-Henker-Was?
"Die Ordnung des Diskurses" ist der Titel von Foucaults Antrittsvorlesung am Collège de France am 2. Dezember 1970 und gleichzeitig die beste Einführung in das Werk dieses Denkers überhaupt. Denn wenn es ein gemeinsames Bindeglied zwischen seinen Schriften gibt, dann sind es die Begriffe "Diskurs" und "Macht" und darauf konzentriert er sich auf den nur knapp 40 Seiten, die dieser Vortrag einnimmt.
Was ist der Diskurs? Foucault wäre nicht Foucault, wenn er eine glasklare Antwort auf diese Frage geben würde. Doch wird dieses Konzept hier deutlicher umschrieben als irgendwo sonst: "Was ist denn im Willen zur Wahrheit, im Willen, den wahren Diskurs zu sagen, am Werk, wenn nicht das Begehren und die Macht" (17). Man muss sich also innerhalb des Diskurses bewegen, um Macht ausüben zu können. Der Diskurs ist dementsprechend Grundvoraussetzung zur Machtkontrolle und somit selbst die alles beherrschende und kontrollierende Macht.
Den Diskurs selbst beschreibt Foucault als die Macht, die bestimmt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt werden darf. Er ist also nicht in erster Linie Inhalt, sondern vielmehr Voraussetzung zu dem, was überhaupt zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort artikuliert werden kann. Foucault gibt folgendes Beispiel: Mendel hatte mit seiner Annahme, dass Gene die Träger von Erbmerkmalen sind, recht. Heute wissen wir das. Doch seine Zeitgenossen nahmen ihn nicht ernst: "Mendel sagte die Wahrheit, aber er war nicht 'im Wahren' des biologischen Diskurses seiner Zeit" (25). Es genügt also nicht, im Recht zu sein. Man muss diese Wahrheit so formulieren, dass sie sich innerhalb der vom Diskurs vorgegebenen Rahmenbedingungen bewegt.
Ferner analysiert Foucault die "Ausschlussmechanismen", die die Produktion des Diskurses regulieren: Verbote, die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn, die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch. Dies geschehe mit Hilfe von Institutionen wie Psychiatrien und Gefängnissen, in denen diskursuntreue Individuen für verrückt erklärt oder weggesperrt würden.
Fazit: Foucault ist immer noch faszinierend und ungemein hilfreich, Machtmechanismen in unserer Gesellschaft erkennen zu lernen. "Die Ordnung des Diskurses" ist der beste Ausgangspunkt für alle, die sich in das Denken Foucaults einleben möchten. Der beigefügte Essay von Ralf Konersmann bietet eine sinnvolle Unterstützung zur Annäherung an den Text.