Wirtschaftswoche, 15. Oktober 2007
Entwurzelung und Erinnerung, Selbstbefreiung und Schuld - neben den großen Themen spricht der in Kanada lebende serbische Romancier den kollektiven seelischen -Zerfall während der Milosevic-Zeit an. Anrührend schildert er das Durchhaltevermögen der sogenannten kleinen Leute.
Wirtschaftswoche, 15. Oktober 2007
Entwurzelung und Erinnerung, Selbstbefreiung und Schuld - neben den großen Themen spricht der in Kanada lebende serbische Romancier den kollektiven seelischen -Zerfall während der Milosevic-Zeit an. Anrührend schildert er das Durchhaltevermögen der sogenannten kleinen Leute.
Kurzbeschreibung
Ein nicht gedeuteter Traum ist wie ein nicht gelesener Brief »Der Größe der Literatur ist bei David Albahari so gut wie keine Grenze gesetzt.« Neue Zürcher Zeitung Der Erzähler in David Albaharis neuem Roman hat viel Zeit. Einmal die Woche schreibt er eine Kolumne für eine Belgrader Zeitung, ansonsten macht er das, was viele in zerfallenden autoritären Regimen tun: Er macht sich unsichtbar. Was bleibt, sind die kleinen, täglichen Rituale, die ihn daran erinnern, dass das Leben wirklich vergeht: der morgendliche Spaziergang an die Ufer der Donau, die von Joints befeuerten philosophischen Gespräche mit Marko, seinem besten und einzigen Freund - und die langen, dunklen Nächte in seiner kleinen Wohnung, die er mit alten Vinylplatten von Cream, den Beatles und Marianne Faithfull teilt. Den Zumutungen des Alltags begegnet er mit einer humorvollen Melancholie, die sich als stoischer Fatalismus tarnt - bis eine zufällige Beobachtung seine Neugier weckt: Ein junger Mann ohrfeigt eine junge Frau. Sein unmittelbarer Impuls, dem Übeltäter zu folgen, weicht dem Gefühl der Unsicherheit, als er einen weiteren Mann bemerkt, der ihn und die Szene gesehen hat. Kurz darauf sind beide Männer und die Frau verschwunden, und unser namenloser Erzähler versucht ein Rätsel zu lösen, das scheinbar keine Lösung hat... Ein Roman aus dem Geist von Hitchcock? Vielleicht. Aber eher ein Literatur gewordenes Mysterium von Tarkowskij, das in einer kunstvoll monologischen Sprache davon erzählt, wie das Absurde sich des Alltäglichen bemächtigt und die Wirklichkeit zu Fall bringt.
Über den Autor
David Albahari, geb. am 15.3 1948 in Pec, Jugoslawien, studierte englische Literatur und Sprache an der Universität von Belgrad. Er lebt seit 1994 in Calgary, Kanada und arbeitet als Schriftsteller und Übersetzter von bekannten amerikanischen, britischen und australischen Autoren. Weltweit wurden Albaharis Werke in viele verschieden Sprachen übersetzt, unter anderem ins Französische, Griechische, Polnische, Ungarische, Russische und Italienische. 2006 bekamen er und seine Übersetzer für ihr Werk den Preis Brücke Berlin verliehen.
Auszug aus Die Ohrfeige von David Albahari, Mirjana Wittmann, Klaus Wittmann. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Heute, sechs Jahre danach, weiß ich, dass alles sich anders hätte abspielen können, aber damals, am Sonntag, dem 8. März 1998, als der Reigen der Ereignisse, über die ich schreiben will, begann, war ein anderer Ablauf überhaupt nicht vorstellbar. Es mag sein, dass ich auch gar nicht erst versucht hatte, mir etwas anderes vorzustellen, weil ich überzeugt war, vor keiner Wahl zu stehen, sondern mit einer Unausweichlichkeit konfrontiert zu sein, auf die ich keinerlei Einfluss hatte. Doch das ist jetzt nicht mehr wichtig, denn was sich einmal abgespielt hat, egal ob gewollt oder nicht, wird zum Schicksal, das nicht mehr zu ändern ist. Ein Apfel, rot und fest, fällt vom Baum, man sieht ihn kaum im dichten Gras, aber die Ameisen, Schnecken und Wespen finden den Weg, am Ende bleibt vom Apfel nichts übrig, und auch das Gras richtet sich mit der Zeit wieder auf. Ich erwähne den Apfel vermutlich deshalb, weil ich damals, an dem Sonntag vor sechs Jahren, meine Wohnung mit einem Apfel in der Hand verließ, allerdings nicht mit einem roten, sondern mit einem gelblichen, den ich später ganz aufaß, samt Kernen und Stiel. Nein, den Stiel habe ich nicht aufgegessen, den behielt ich eine Zeitlang zwischen den Zähnen, kaute auf ihm, bis er zerfaserte. Sonntags ging ich immer an der Donau spazieren, egal bei welchem Wetter, sogar wenn es stürmte und regnete. Nicht einmal Schnee konnte mich davon abhalten. Am besagten Tag schneite es freilich nicht und es blies auch kein starker Wind; die Wolken türmten sich am Himmel, die Sonne zeigte sich gelegentlich; es war alles in allem ein ganz gewöhnlicher, obschon kühler Märztag.