Die Flut vom Sommer 1997 ist ein gravierendes Datum im Lebenslauf der Oder, das so schnell keiner an ihren Ufern vergessen wird. Die Bilder dieser Jahrhundertflut haben die Oder wieder ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gerufen. Sie ist kein majestätischer Strom, kein nationaler Mythos wie der Rhein, die Donau oder die Elbe. Vielmehr schrieb der Heimatdichter Paul Keller vor hundert Jahren: "Die Oder ist ein edles Bauernweib". Und nach dem Zweiten Weltkrieg und der Grenzziehung der Alliierten war die Oder nur Synonym für die deutsche Ostgrenze. Sie trennte Deutschland und Polen, ehe sich nach dem Fall der Berliner Mauer eine europäische Zukunft auftat.
Nun hat der taz-Redakteur und Buchautor Uwe Rada (Jg. 1963), der bereits mehrere Bücher zur Geschichte Osteuropas veröffentlicht hat, den Lebenslauf der Oder verfolgt und dabei spannende Geschichten dieses ehemaligen deutschen Schicksalsstroms entdeckt. Daneben schildert er persönliche Erlebnisse und Begegnungen.
Der Fluss entspringt im tschechisch-polnischen Odergebirge. Die längste Wegstrecke seiner insgesamt 866 km strömt er durch Polen. Ab dem Zusammenfluss mit der Neiße bei Ratzdorf bildet die Oder dann auf 180 km die Grenze zwischen Deutschland und Polen, ehe sie schließlich ins Stettiner Haff und damit in die Ostsee mündet.
Uwe Rada unternimmt keine touristische Reise entlang der Oder, er führt den Leser auf abwechslungsreichen Wegen durch die Kulturlandschaften des Oderraumes. Dabei entdeckt er Überraschendes und Kurioses aus der langen Geschichte. So beleuchtet er die Bedeutung der Oder im Mittelalter, als Kaufleute hier einen gemeinsamen Wirtschaftsraum schufen.
Ein weiteres Kapitel "Fluss des Geistes" befasst sich mit der Oder und ihren Universitäten. So ist die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) die östlichste Universität Deutschlands. Mit ihrer Wiedergründung im Jahre 1991 schließt sie an die reiche Tradition als erste brandenburgische Landesuniversität (Alma mater Viadrina - 1506 bis 1811) wieder an und stellt sich heute in besonderem Maße den Herausforderungen des neuen Europa.
Das Buch von Uwe Rada ist mehr als eine Reisebeschreibung. Von Ortsbeschreibungen und Reiseerlebnissen ausgehend schweift er immer wieder in die Kulturgeschichte und Geografie ab, erzählt von Krieg, Trennung und Versöhnung. Außerdem reichert Rada seine Berichte mit vielen persönlichen und philosophischen Gedanken an. Die Oder ist in diesem Buch, das mit einigen Fotos illustriert ist, so etwas wie ein roter Faden durch unser multikulturelles Erbe im Osten Deutschlands.
Manfred Orlick