Ein Hawaiianer mormonischen Glaubens, der seit seiner Kindheit für das deutsche Mittelalter schwärmt? Merkwürdig, könnte man denken. Erfährt man jedoch, dass die Deutschlehrerin dieses Hawaiianers dessen erste Liebe war und besagter Insulaner keineswegs wie einer jener Ureinwohner daherkommt, die bei „Magnum" manchmal durch das Bild laufen, sondern vielmehr ein stämmiger Blonder mit dem ganz und gar unhawaiianischen Namen Eric T. Hansen ist, rückt das Buch „Die Nibelungenreise" wieder in den Bereich des Begreifbaren.
Eric Hansen ließ Amerika, seine Kirche und schließlich seinen gutbezahlten Job als Deutschland-Korrespondent des „Hollywood-Reporter" hinter sich, sagte seiner hübschen Freundin „see you later" und machte sich auf, seinen Traum zu verwirklichen: die Suche nach dem Mittelalter. Ein VW-Bus, vom Konzern gesponsert, diente als Vehikel für eine einjährige Reise durch Deutschland, Österreich und Ungarn, eine erhellende Reise zu den Helden jener vermeintlich „dunklen" Zeit: Siegfried und Kriemhild, die kindliche Kaiserin Theophanu, der legendäre Störtebeker und - Hansens Liebling - Walther von der Vogelweide.
Auf seiner Suche nach der Gegenwart der Vergangenheit begegnet Hansen Menschen aller Couleur, Archivaren und Freaks, Rentnern und Türken, Gastwirten und Laiendarstellern, alle verbunden durch die gemeinsame Sehnsucht nach der Zeit der Ritter und der Kaiserherrlichkeit. Und er begegnet sich selbst. „Die Nibelungenreise" ist der humorvolle und doch unbestechliche Blick eines Amerikaners auf die Deutschen, persönlich und allgemeingültig zugleich, hinreißend geschrieben und wunderbar übersetzt. Eine Antwort auf die Frage, wie es möglich ist, dass ein Hawaiianer Deutschland zu seiner Heimat macht.