Die in letzter Zeit zahlreicher werdenden Versuche von Verlagen, alte Sagen und andere Überlieferungen in Bilderbüchern für Kinder zu fassen und sie so vor dem Vergessen zu bewahren, ist sehr zu begrüßen. Helga Kratzer hat in diesem Buch, nachdem sie schon eine Version für ältere Kinder veröffentlicht hat, mit eindrucksvoll gezeichneten Bildern von Laurence Sartin die alte Sage der Nibelungen für kleine Kinder nacherzählt. Die Geschichte der schönen Königstochter Kriemhild aus Worms und des starken und attraktiven Königssohns Siegfried aus Xanten am Rhein.
Siegfried, Sohn des Königs und der Königin der Niederlande, beschließt, als er erwachsen geworden ist, in die Fremde zu ziehen, um dort seine schon in seiner Jugend vorhandenen unermesslichen Kräfte zu erproben. Nachdem er unterwegs bei einem Schmied angefangen hatte zu arbeiten, schickt ihn dieser wegen seiner Kräfte, die nur Unfrieden in seiner Schmiede stiften, wieder weg, und Siegfried begegnet in einer dunklen Schlucht einem Feuer speienden Drachen. Er besiegt ihn, badet in seinem Blut, nachdem er gemerkt hat, dass das Drachenblut seine Haut hart wie Horn und unverletzlich macht. Nur eine einzige Stelle, wo ein Lindenblatt auf seine Schulter gefallen war, bleibt vom Blut des Drachen unbenetzt. Mit fatalen Folgen, wie sich später herausstellen wird.
So gestärkt gewinnt er von den Nibelungen deren Schatz und reitet nach Worms. Er will mit dem dortigen König Gunter, dem Vater Kriemhilds kämpfen, doch der ziert sich und sagt: "Sei unser Gast. Später werden wir entscheiden, ob wir kämpfen wollen oder nicht."
Siegfried und Kriemhild verlieben sich ineinander und kurze Zeit später besiegen die Burgunder mit Siegfrieds entscheidender Hilfe die ins Land eingefallenen Feinde. Als Belohnung erhält er von Gunter Kriemhild zur Frau. Doch auch Gunter hat Ehegelüste. Er hat von der schönen Königin von Island, Brünhild, gehört und will sie für sich gewinnen.
Siegfried, Hagen von Tronje, ein treuer Knappe Gunters und Gunter selbst brechen auf nach Island in dem Wissen, dass jeder, der um Brünhilds Hand anhält, sie im Kampf besiegen muß. Mit Hilfe Siegfrieds und dessen von den Nibelungen erhaltenen Tarnkappe wird Brünhild tatsächlich besiegt und muß mit nach Worms kommen, wo die Doppelhochzeit gefeiert wird. Brünhild spürt täglich die Schwäche Gunters und kann sich nicht erklären, wieso er sie besiegt hat. Noch einmal hilft Siegfried seinem Schwiegervater, indem er an seiner Stelle Brünhild im Bett niederringt und so dessen angebliche Manneskraft unter Beweis stellt.
Doch wie das so ist mit dem falschen Zeugnis, es begibt sich, daß der Betrug herauskommt. Hagen von Tronje bietet sich der Königin als Rächer an und tötet Siegfried an einer Quelle, nachdem er, das Vertrauen Kriemhilds schamlos ausnutzend, die Schwachstelle Siegfrieds herausgefunden hatte.
Und dann entfaltet sich ein Lehrstück von Gewalt und Gegengewalt, von Rache und enttäuschter Liebe. Am Ende sind alle tot:
"Der Mord an Siegfried war gerächt und Kriemhild hatte dafür mit ihrem Leben und dem Leben von Hunderten Unschuldigen bezahlt. Von den Nibelungen kehrte keiner mehr in die Heimat zurück."
Die Vorschulkinder in dem Kindergarten, in dem ich ehrenamtlich arbeite, denen ich diese Geschichten mehrmals vorgelesen habe, haben immer wieder fast fassungslos gestaunt darüber, wieso sich da alle gegenseitig ungebracht haben. Das Vorlesen bot die Gelegenheit darüber zu reden, wozu es führt, wenn keiner einmal klein beigibt, und jeder auf seinem Recht und seiner Rache besteht. Die Kinder haben auch sehr schnell begriffen, daß alles seinen verhängnisvollen Anfang nahm, als der erste Beteiligte log und andere mit seiner List täuschte.
So ist diese begrüßenswerte Neuausgabe der Nibelungensage für Kinder nicht nur ein wichtiges Bildungsgut, sondern auch ein guter Einstieg für Gespräche über friedliche und wahrhaftigere Formen der Konfliktlösung zwischen Menschen.