Vorwort
von Jack Womack
Es ist wohl tausend Jahre her, daß ich das erste Mal von William Gibson gehört habe. Man schrieb 1987, und ich wartete darauf, daß mein erster Roman endlich erscheint.
In so einer Situation beginnt man sich für die Konkurrenz zu interessieren - nicht, daß ich auch nur die geringste Ahnung gehabt hätte, wer diese Konkurrenten sein könnten: wenn es um Science Fiction ging, war ich reichlich
ahnungslos. Die Aliens in meiner eigenen Welt waren mir fremdartig genug - und sind es noch heute. Da erschien in der Village Voice eine enthusiastische Besprechung eines Buches mit dem Titel »Count Zero« (dt. Biochips), und aus den Einlassungen des Rezensenten schloß ich, daß frühere Bücher des Autors für einiges Aufsehen gesorgt haben müssen. So eine Besprechung bringt einen ins Grübeln: Dieser Gibson da schien bereits seine Duftmarken überall hinterlassen zu haben, während mein epochales Werk noch auf Eis lag. Wie es ein glücklicher
Zufall wollte, verdiente ich mein Geld seinerzeit in einer Buchhandlung, deren Besitzer zwar lieber LITERATUR verkaufte als Literatur, aber immerhin ein Exemplar von »Count Zero« auf Lager hatte. Das habe ich dann gelesen.
Bald wurde mir klar, daß wir ähnliche Ziele verfolgten, aber durchaus in verschiedenem Schuhwerk - wie ich seine Fußstapfen bewunderte und beneidete! Ich war beruhigt. Auf dem Schutzumschlag sah ich das unvermeidliche Autorenphoto an. »Umgänglicher Zeitgenosse«, war mein erster Gedanke. Er war nicht so unerträglich autormäßig - ich denke da an Schriftsteller, die sich mit ihrem
Hund ablichten lassen oder recht fragwürdige medizinische Gerätschaften in Händen halten. Oder sich Gel ins Haar schmieren, bis die Frisur wie ein fetter Kuchen am Kopf klebt. Gibson dagegen sah ein bißchen dusselig drein, leidend auch, als würde es gerade anfangen zu regnen und der Photograph ermahnte ihn mit harschen Worten, sich keinesfalls zu bewegen. Das war mir vertraut.
Damit konnte ich mich identifizieren.
Bis das nächste Umschlagbild fällig war - für »Mona Lisa Overdrive« - hatte Gibson genug Zeit, sich in jenen Mode-Crack zu verwandeln, der er heute ist, weltmännisch, schlank, akkurat gekleidet, alles in allem unangreifbar und wasserdicht wie eine schwedische Pilotenarmbanduhr Jahrgang 1947. Post-Cyberpunk, wenn man so will, aber zu der Zeit wollte noch keiner, weil die Oberflächenbedeutung des C-Wortes erst im Entstehen war. Dafür drängelte
sich ein anderes C-Wort langsam und zugleich blitzschnell in unser Bewußtsein, das aus den Tälern südlich von San Francisco und östlich von Seattle kam.
Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war.
Große Romane haben große erste Sätze, und der erste Satz von »Neuromancer« ist schwer zu überbieten. Zwar zeigen tote Fernsehkanäle heutzutage ein anderes Geflimmer als zu der Zeit, in der Gibson diesen Satz auf seiner - man stelle sich vor - Schreibmaschine tippte, doch immer noch, ja immer noch, ist die Tönung jenes vorhergesagten Himmels aufs engste verwandt mit jenem Himmel, der
sich heute über unseren Köpfen wölbt.
Wenn ich heute als einer, der nicht wirklich dabei war, auf die Zeit zurückblicke, als »Neuromancer« erschien, und die Gunst nutze, daß seither einige Jahre vergangen sind, dann kann ich die Wirkung dieser Veröffentlichung
auf die Science-Fiction-Leser wohl nur mit der Wirkung des plötzlich elektrisch verstärkt spielenden Bob Dylan auf seine Hörerschaft vergleichen. Zwar hat Gibson das Fundament bereits mit seinen noch älteren Kurzgeschichten gelegt, von denen mir »The Gernsback Continuum« (dt. Das Gernsback-Kontinuum) die liebste ist, aber »Neuromancer« war dann doch etwas anderes. Ein Gibson, der über die volle Distanz geht, knallt einem seine Teslastarke Dröhnung nicht nur zwischen die Ohren, sondern stopft sie einem gleich noch das Rückgrat runter, daß die
Chakras bloß noch so um die Körperachse torkeln. Der Unterschied zwischen einer Gibson-Kurzgeschichte und einem Gibson-Roman ist der zwischen Kaffee und Methedrin.
»Neuromancer«, von der Kritik gepriesen in jeder denkbaren Zeitschrift, gewann auf Anhieb drei der wichtigsten Genre-Preise; trotzdem hatte es seit den Tagen der New Wave, in den 60er Jahren also, nicht mehr soviel Konsternierung gegeben wegen eines Buches und so viele Fehleinschätzungen, was die Bedeutung des Romans angeht, durch jene, die es eigentlich besser wissen sollten,
es aber nie besser wissen.
In der Retrospektion kann man leicht feststellen, daß es nicht Gibson war und auch nicht »Neuromancer«, die jene in Gesicht und Hintern traten, denen etwas Gesicht- und Hinterntreten nicht schaden konnte. Es waren vielmehr einige Meinungsäußerungen aus Gibsons, na ja, besonders ergebener Gefolgschaft. Bruce Sterling fuchtelte die ganze Zeit wie ein Verrückter mit seinen Manifesten und
Hetzschriften herum, die mit Absicht über jedes Maß und Ziel hinausschossen, und er hatte recht mit seiner Annahme, daß ein Höchstmaß an Generve auch ein Höchstmaß an Spaß bringe. Andere - und nicht wenige darunter, die sich bis zu diesem Zeitpunkt nie mit Science Fiction abgegeben hatten und dabei hätten bleiben sollen - nahmen das, was bald Cyberpunk heißen würde, viel ernster
als es gut für sie war. Böse Spitzen prasselten allerorten auf die ebenso dickköpfigen wie einfältigen Befürworter und Gegner nieder, aber der Spaß, den das Getümmel bot, war auch nicht zu verachten: Schließlich weiß man einen guten Kampf zu schätzen, auch wenn man die Kämpfenden nicht unbedingt mag.
Am meisten hat die Leute aber die geschwinde Transformation des Wortes Cyberpunk in ein eingetragenes Warenzeichen verärgert - innerhalb, vor allem aber jenseits
des Genres -, Gibson selbst ganz besonders, der sich mit Gruseln daran erinnert, auf seinem ersten Japan-Trip - keine zehn Jahre ist das her - in einem Schaufenster Werbung für »Cyberpunk-Hosen« gesehen zu haben.
Zahllose Beutelschneider und widerliche Gierschlunde, die glaubten, auf eine Goldader gestoßen zu sein, verschwendeten keine Sekunde und klotzten mit heißer
Nadel gestrickte Produkte mit der Lebensdauer von Klopapier und der Nachhaltigkeit von Call-A-Pizza-Flyern auf den Markt. Dann waren da noch genug Unschuldslämmer und auch Bösewichte, die sich aufgerufen fühlten - Gnade ihnen Gott -, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß war, und in ihrem Metier Elaborate aus diesem vermeintlichen Subgenre »Cyberpunk« auf den Markt zu bringen, die den obengenannten Wunderwerken der Vergänglichkeit in nichts nachstanden. Aber decken wir über so dämliche Hommage-Versuche wie Billy Idols »Cyberpunk«-LP den Mantel des Schweigens - ich wette, das Teil hatten Sie bereits vergessen, oder? Das neue Monsterding hatte jedenfalls keine Chance, all das zu überstehen, speziell, als sich die Marketing-Jungs bereitmachten für den Fangschuß. Das wirkliche Ende des Cyberpunk kam jedenfalls so plötzlich und schnell, daß es den meisten von uns erst Jahre später aufgefallen sein dürfte, daß da etwas fehlt. Trotzdem - es gibt ja auch ein paar romantische Geister, die bis in die 30er Jahre hinein Brieftauben gesehen haben wollen -, trotzdem wird von Amateuren gelegentlich vermeldet, man habe sowas ähnliches wie Cyberpunk gesichtet.
Cyberpunk qua Cyberpunk hat auf lange Sicht nur ein paar faulen Journalisten und einfallslosen Klappentextschreibern als nützliche Worthülse gedient. Dabei wußten nicht einmal jene wenigstens zum Teil eingeweihten SF-Kenner, die damals debattierten, Verteidigungsschriften verfaßten oder Gibson verunglimpften, was er da eigentlich trieb - mal abgesehen davon, daß er es selbst nicht so genau wußte, jedenfalls nicht damals. Kein Schriftsteller weiß, was er oder sie da schafft, bevor das Buch nicht bei seinen Lesern angekommen ist. »Neuromancer«
war zu allererst ein Schrei in einer Nacht, die man 80er Jahre nannte, die heute 90er Jahre heißt und die, wie es scheint, bald neue Jahrzehntbezeichnungen
tragen wird. Soll heißen: Der Roman war eine Vorausahnung, eine Schätzung unserer Zukunft, die auf einer spezifischen Uminterpretation unserer Gegenwart gründet.
Und erst durch die Mitwirkung des Lesers, durch sein »Getroffensein«, mutiert diese Ahnung zu etwas Eigenständigem von aktueller Bedeutung. Auch wenn Gibson also, um der Wahrheit die Ehre zu geben, nichts mit der Erschaffung von Cyberpunk zu tun hatte - er hat ihn sich nicht ausgedacht, hat das Wort nicht geprägt und wollte nicht viel damit zu tun haben, als es dann in der Welt
war -, so hat er doch im ureigensten Sinn den Cyberspace erschaffen. Nicht bloß das Wort, nein, den Ort: Cyberspace.
Eine Konsens-Halluzination, tagtäglich erlebt von Milliarden zugriffsberechtigter Nutzer in allen Ländern, von Kindern, denen man mathematische Begriffe erklärt...
Das öffentliche Bewußtsein Amerikas gestattet pro Generation einem Science-Fiction-Autor ausreichend Raum für seine Vorstellungen - das war Ray Bradbury für eine Weile, dann Isaac Asimov, dann der jeweilige Typ hinter »Star Trek« und »Star Wars«. Gibson ist auf Anhieb über die Bedeutung seiner Vorgänger hinausgewachsen. Er hat das Weltbewußtsein und seine Begrenzungen in einem Maß
gesprengt, das man sich vielleicht hat ausdenken, doch niemals hat vorhersagen können - und das mit gedruckten Worten, mit den Mitteln der Science Fiction.
Ich möchte nochmals einen Punkt betonen, den ich bereits erwähnt habe: Literatur, ob Genre-Literatur oder Hochliteratur, ist eine an die Person gebundene Reinterpretation der Existenz des Literaturschaffenden während
des Zeitraums, in dem er an seinem Text gearbeitet hat.
Deswegen hat die Science Fiction so wenig vorhersagen können von dem, was die Zukunft nach der Veröffentlichung en detail und en gros bringen würde, von Zufällen oder außergewöhnlich informierten Persönlichkeiten à la Verne oder Wells abgesehen. Oder wo bitte parkt Ihr atomgetriebener Rasenmäher gerade? In seltensten Fällen allerdings - warum fängt das Hölzchen durch Reibung an zu brennen, wie kann ein Fisch an Land leben? - erfaßt etwas oder jemand haargenau und wundersamerweise die wahre Natur der Dinge. In »Neuromancer« hat meiner
Meinung nach Gibson als erster - und wie kein zweiter - erfaßt, welche Gestalt die Dinge dereinst annehmen werden.
Er sah die Schriftzeichen an der Wand. Er sah das Blut am Himmel. Er sah die Warnung in den Eingeweiden.
Um genau zu sein: Er sah den menschlichen Geist hinter den verspiegelten Brillen, und er sah voraus, was dieser Geist zu erdenken in der Lage sein wird und was nicht. Sah das Wesen der Dinge, als es sich noch hinter einem Stil verbarg. Was wäre wohl geschehen, wenn jemand im Frühjahr 1914 in Berlin-Mitte gestanden hätte, die Philosophien und Weltanschauungen vor dem geistigen Auge, denen die Macht innewohnte, jene Ereignisse hervorzurufen, für die unser Jahrhundert auf ewig erinnert werden wird? Und dann hätte er sich hingesetzt und
all dies zu Papier gebracht? Was wäre geschehen? Seien wir für einen Moment ganz Heisenbergschüler: Was wäre, wenn der Akt des Schreibens das Beschriebene erst
ins Leben rufen würde?
Als »Neuromancer« erschien, kauften und verschlangen es erst hunderte, dann tausende jener Männer und Frauen, die in ihren Garagen und stillen Kämmerchen
dem zur nicht ganz einfachen Geburt verhalfen, was man auch heutzutage noch »Neue Medien« nennt. Und diese paar Tausend lasen den oben zitierten Satz und dachten sich: »Das ist ja so verdammt cool!« - und fingen an, nach Möglichkeiten zu suchen, um aus dem Gold der Vorstellungskraft bare Münze aus Silizium zu schlagen. Gibsons Vision von der Zukunft kann man nun beim besten Willen nicht optimistisch nennen - aber auch nicht pessimistisch; sie geht über beide Begriffe hinaus, und Gibson hat oft genug darauf hingewiesen, daß sein »Cyberspace« eigentlich rein metaphorischer Qualität sein sollte. Aber was soll's? Sobald der Schöpfer sein Werk in die Welt entläßt, ergeht es ihm wie den Eltern, deren Kinder ausziehen: Er hat keinen Einfluß mehr auf den einst so leicht zu kontrollierenden Nachwuchs. Alles kommt anders. »Das ist ja so verdammt cool! Mal sehen, ob wir das nicht hinkriegen.
« Und schwupps, haben wir, dank all der lieben Gibson-Leser da draußen in der Dunkelheit, statt der Matrix, eines theoretischen Konstrukts, das real existierende Web - was inzwischen keinen Unterschied mehr macht.
Zumindest mir scheint es offensichtlich, daß unsere gegenwärtige Realität - Cyber-Realität, sollte ich wohl schreiben - eine ganz andere wäre, hätte sich Gibson nicht anno 83 hinter die Schreibmaschine geklemmt und obigen Satz getippt und das Buch dazu, in dem er zu finden ist. William Gibson ist etwas gelungen, wovon jeder Schriftsteller träumt, etwas, das nur den allerwenigsten vergönnt ist: Er hat die Welt verändert. Ob zum Guten oder Schlechten, werden uns die Microsofts dieser Welt schon noch zeigen, aber das kann und darf nichts an der
Ehrfurcht ändern, mit der wir den großmächtigen Elefanten bestaunen sollten.
Charles Fort, eine andere amerikanische Institution, schrieb einst: »Ein gesellschaftliches Gebilde kann mit der Dampfmaschine nichts anfangen, bevor nicht die Zeit der Dampfmaschinen gekommen ist.« Um bei den Dampfmaschinen
zu bleiben: »Neuromancer«, das zeigt sich immer mehr, ist die Eisenbahn des 21. Jahrhunderts. Und wir fahren alle mit.
Es dauerte noch einige Jahre, bis ich William Gibson traf. Zuvor hatten wir ein paar Mal telefoniert. Er schrieb einige freundliche Zeilen für den Klappentext meines zweiten Buches. Er schickte mir persönliche Exemplare seiner Bücher »Count Zero« und »Mona Lisa Overdrive«. Und er ging in einem Interview mit der Zeitschrift Spin ausführlich auf meine Arbeit und ihr Umfeld ein. Der
Pressemensch meines Verlags lebte jahrelang von dem Zitatschatz dieses Interviews, denn Gibson versteht es wie kein zweiter, prägnante und endlos wiederverwertbare Bemerkungen fallenzulassen. Er ist ein Meister des zitierbaren Satzes, des perfekten literarischen Zitat-Häppchens.
Mit anderen Worten: Ohne uns groß anstrengen zu müssen, bestärkten wir uns gegenseitig in der positiven Meinung, die wir von Anfang an voneinander hatten.
Wir begegneten uns schließlich 1991 auf einer Party anläßlich des Erscheinens von »The Difference Engine« (dt. Die Differenzmaschine), die in New York stattfand. Alle üblichen Verdächtigen waren präsent, angezogen von der Action wie Motten vom Licht. Deshalb verzogen wir uns, wann immer es uns möglich war, in abgelegenere Teile der Räumlichkeiten, um den Jägern des verlogenen Quatsches
zu entgehen. Gibson hatte mir ein Exemplar von Cormac McCarthys »Blood Meridian« mitgebracht, und ich erzählte ihm von New Yorks damaligem Tagesgespräch, einem Behälter voller tiefgefrorener Menschenköpfe, den man unten in der Avenue A gefunden hatte und von dem es hieß, er sei wohl von einem Laster gefallen, der unterwegs zu einer kryogenischen Klinik war. Ich darf wohl behaupten, daß wir voneinander in Fleisch und Blut ähnlich angetan waren wie zuvor via Telefon und Briefverkehr.
Wir hatten beide den Eindruck, daß wir einiges gemein haben, wobei Science Fiction nur einen geringen Teil der Gemeinsamkeiten ausmacht. Kaum hatte der eine den anderen sprechen gehört, entdeckten wir in unseren Stimmen einen Gleichklang, der uns vermuten ließ, daß wir vom gleichen Stamm waren.
Zu der Zeit hatte Bill bereits zwanzig Jahre in British Columbia, Kanada, gelebt und ich zwölf Jahre in New York, aber ursprünglich sind wir beide Kinder der Berge und der Wälder, der Hügel und Täler, wie der Menschenschlag, der »dort unten« lebt, heute noch sagt. Wir waren beide auf verschiedenen Seiten jenes Gebirgszugs geboren worden, der an der Ostküste der USA von Nord nach Süd verläuft, Gibson kurz nach dem Krieg in Virginia, ich acht Jahre nach ihm in Kentucky. Die Bedeutung von Gibsons Herkunft für sein bisheriges und zukünftiges Schreiben wird jenen vielleicht nur schwer einleuchten, die Vergangenheit
und Zukunft für nicht wirklich zu vermengende Daseinszustände halten, wie etwa Öl und Wasser, aber das Ausmaß dieser Bedeutung kann und darf nicht übersehen werden. Der Cyberspace kennt keine Grenzen, aber er beginnt dort, wo eine Person sich entschließt, in ihn einzutreten. Und wir sprechen hier immerhin von der
Person, die diesen imaginären Ort in unsere Wirklichkeit herübergeträumt hat.
Der Cyberspace wurde geboren, wo der Lorbeerbaum üppig grünt, wo der Hartriegel blüht und der Ziegenmelker in den windzerzausten Tulpenbäumen seinen einsamen
Schrei ausstößt. Der Cyberspace wurde geboren zwischen aufragenden Felsen, auf verborgenen Lichtungen, an denen eiskalte Bäche in ihren Betten aus Kalkstein vorbeirauschen, wurde geboren hoch droben auf den Hügelkämmen, damals noch nicht abgeholzt und geschändet, um an ihre Kohle zu gelangen, Marslandschaften jetzt,
einst grün. »Southern Highlands« nannte man die Gegend früher, heute sagt man Appalachen. Dieser Teil der USA war seit den Tagen des Unabhängigkeitskrieges - und ist es in gewissem Sinne auch heute noch - nicht bloß ländlich, sondern abgelegen, weit weg, sowohl räumlich als auch zeitlich. Das Licht, das durch die Zweige seiner Bäume zum Boden dringt, kommt von der Sonne einer anderen Welt.
Bill Gibson kann sich an diese andere Welt erinnern, wie oft er auch - und aus welchen Gründen auch immer - versuchen mag, sie zu vergessen. Er erinnert sich an die hageren alten Männer, deren zerfurchte Gesichter ausgetrockneten
Flußbetten glichen, an ihre sonnengebleichten Hüte, an ihre weißen Hemden, die in die Arbeitshosen gestopft waren, wenn sie die Felder pflügten. Er erinnert
sich an die glattgeschliffenen Dielenböden der billigen Krämerläden und deren Theken, auf denen Behältnisse standen, randvoll mit Wunderdingen, Knöpfen oder billigem Spielzeug. Er erinnert sich an den Klang eines Gewehrschusses, der von den Hängen des gegenüberliegenden Berges über ein herbstliches Feld hallt. Er weiß noch um die grenzenlose Faszination, die eine Tonscherbe aus Großvaters Zeit ausstrahlen konnte, auf die man an einem trägen Sommernachmittag gestoßen ist, im Keller vielleicht, in einem uralten Kühlschrank aus Holz oder in der
Räucherkammer auf dem Dachboden. Er versteht noch die Kürzel und Redewendungen in Männergesprächen, die Sorte Sprache, die auf der Stelle verstummte, wenn
eine Mutter oder ein Fremder durch die Tür des Friseurladens trat. Er hat noch die Blicke der alten Frauen vor Augen, die sich an jenen Tag erinnerten, als ihr Mann nach Osten ging, um an die Westfront zu kommen. Oder den Ausdruck auf den Gesichtern der Väter, wenn sie erfuhren, daß einer ihrer Freunde nicht mehr aus der Grube zurückkommen würde. Er hat noch mit den Füßen zu Balladen gewippt, die durch den Äther kamen von einem Scheunenfest oder einem Fiddle-Festival, zwei Staaten entfernt, und ihr Rhythmus war der gleiche, den die ältesten Knacker in der Gemeinde drauf hatten - nur daß die noch aus einer Zeit stammten, als alles bloß in dem Moment gehört werden konnte, in dem es gespielt wurde.
Und dann nimmermehr. Wie Schneeflocken, die einem auf die Zunge fallen - spurlos verschwunden. Er hat noch das ferne Klagen eines pfeifenden Zuges gehört, wenn
dieser durch die Nacht jagte, eine Nacht, deren Dunkelheit nur der Mond und ein paar Glühwürmchen erhellten.
Und der Klang des Zuges hat in sein Herz die Gewißheit eingepflanzt, daß auch er eines Tages weit fortreisen würde von diesem Land des Herzens, fliehen eher wie
unter Zwang, gehetzt wie von Bluthunden, weg von diesem Land, dessen Überwindung und Ausmerzung Ehrensache sein mußte. Verlockend war der Klang, unendlich
traurig auch, der Sirenengesang einer größeren Welt dort draußen. Und diese Welt hat auf ihn gewartet.
Ich kann mich an all dies auch noch erinnern - und deswegen weiß ich, wo der Cyberspace herkommt.
Die örtliche Nähe unserer Herkunft hat sich als die tiefste Gemeinsamkeit zwischen uns beiden herausgestellt. Erst während der letzten paar Jahre haben wir beide herausgefunden, wie oft uns dieses Land, das unsere Seelen geformt
hat, im Kopf herumgeht und wie diese Erinnerung jeden Gedanken, den wir denken, jedes Wort, das wir zu Papier bringen, durchdringt. Langsam wird uns bewußt,
daß mit jeder Stunde, die vergeht, die Vergangenheit und ihre Orte immer mehr in jenen Schatten verschwinden, mit denen sich die Zeit mumiengleich einwickelt. Gibson nennt diese versinkende Epoche »die Welt vor dem Fernsehen«.
Das Talent zum perfekten Satz, ich hab's schon angesprochen.
Das Vergangene klebt noch auf unerwartete und unvermeidliche Art an unseren Fersen, auch wenn wir der festen Überzeugung sind, es längst hinter uns gelassen zu haben. Heute ist unser geschichtliches und kulturelles Erbe für jedermann leicht zugänglich, falls man sich entschließt, es »downzuloaden« oder abzurufen. Und umgekehrt: Wer diesem Erbe aus dem Weg gehen will, kann de facto und für sich selbst so tun, als hätte es nie existiert.
Unsere vielfältigen Möglichkeiten der Information gleichen ein wenig der Müsli-Ecke im Supermarkt: vorbeigehen oder sich bedienen. Mit der persönlichen Vergangenheit ist es nicht ganz so einfach. Man mag sie für eine kurze Zeit ausblenden können, aber ganz kann man ihr nicht entfliehen - sie gleicht darin den Radios in russischen Hotelzimmern: man kann sie leiser stellen, aber nie
abschalten. Gibsons Charaktere - und damit meine ich uns - wissen das jedesmal, wenn sie es wieder versuchen.
Man lese Gibsons Bücher, gerne mehrmals, und man wird feststellen, wieviele Bezüge es gibt auf Vorkommnisse und Begebenheiten, die sich zu nicht genau definierten Zeiten vor Beginn der Handlung ereignet haben, wieviele fast nostalgische Erinnerungen an Das-was-nicht-mehr-so-ist-wie-früher. Wie oft müssen Gibsons Figuren unterbewußt feststellen, daß sie etwas nachtrauern,
für das sie keinen Namen haben. Als würden sie bis an ihr Lebensende verfolgt von Erinnerungen, nicht nur den eigenen, nein, auch fremden. Liest man die Bücher unter diesem Gesichtspunkt, wird man feststellen, in welch hohem Maß und mit welchem Ziel Gibson Szenarios aus einem beziehungsreichen Wirrwarr konstruiert, vor denen wiederum das Handlungsumfeld präziser sichtbar werden kann, wenn, wie im richtigen Leben, vereinzelte Bruchstücke vergangener Tage lang genug nicht verschwinden wollen, um schließlich durch ihre Gleichzeitigkeit
zu einem Aspekt, auf vielschichtige Art dem Hauptaspekt, der jeweiligen Gegenwart zu verschmelzen und konkrete Form anzunehmen.
Ich meine damit nicht die überwältigend dekadenten, postapokalyptischen Trümmerszenarien, die heutzutage so oft in Filmen aufgetürmt werden, wenn der Regisseur uns so richtig die Zukunft geben will, indem er sich bei »Blade Runner«, »Road Warrior« und zu allererst bei »A Clockwork Orange« bedient - obwohl diese Art von Bilderwelt natürlich schon immer zu Geschichten gehört
hat, die in naher Zukunft spielen. Nein, mir geht es da eher um Gegenstände, die hier und dort und überall auftauchen können: in einer Bar in Chiba City, auf einem Straßenmarkt, in Skinners Zimmer. Alles Beweise für die Vergänglichkeit der Welt, wertvoll geworden, weil Zeit vergangen ist, alle von Gibson mit der Genauigkeit eines Uhrmachers beschrieben und mit einer großen Hingabe und Liebe: schwarz-weiße Familienphotos in verrottenden Alben, völlig anachronistische Toaster, angegammelte Taschenbücher, verkratzte LPs, die man heute auf dem Flohmarkt nicht loswird, die aber irgendwann einmal als unbezahlbare Schätze gelten mögen. Die Schachtel voller Krempel hinten im Wandschrank, unnützes
Zeug, das sich in den unteren Schubladen einer Kommode ansammelt, die Fussel im Nabel der ganz persönlichen Zivilisation, die auf eine Apokalypse verweisen,
die eben nichts anderes als eine ganz persönliche Apokalypse wird sein können. Wenn die Vergangenheit immer um einen ist, kann man sie gleich Gegenwart nennen;
und wenn das die Gegenwart ist, dann wird es genausogut die Zukunft sein.
Mit Sicherheit ist es jene ständige Präsenz einer entlegenen Vergangenheit, in der er einst so intensiv, wenn auch nicht immer glücklich, gelebt hat, die Bill Gibsons Sinne dafür schärft, was die Zukunft bringen wird. Und was wir in dieser Zukunft am meisten vermissen werden.
Vor wenigen Jahren mußte ich einen Monat auf der Isolierstation eines New Yorker Krankenhauses zubringen, weil ich mir eine Tuberkulose eingefangen hatte, die
gegen jedes Mittel immun zu sein schien (also eine Art Cyberpunk-Tuberkulose, auch wenn der sehr schmerzhafte Witz auf meine Kosten geht). Und obwohl Bill,
genau wie ich, etwas heikel ist, wenn es um Krankenhäuser und ihre Atmosphäre geht, hat er mich trotzdem besucht.
Vielleicht habe ich ihn dadurch zu mir locken können, daß ich ihm weismachte, mein isoliertes Zimmer gleiche mehr dem ultimativen Phillipe-Starck-Hotelzimmer
als dem üblichen Krankenabstellkämmerchen. Er schritt durch die doppelten Türen, befestigte sich eine Schutzmaske vor dem Gesicht und setzte sich an mein Bett, um mit mir über die ewigen Ausflüchte von Ärzten zu sprechen oder über die perfekte Bedrohlichkeit, die dem Piktogramm innewohnt, das vor biologischen Gefahren warnt. Wir sahen der Sonne zu, wie sie über New Jersey unterging. Ich gab mir Mühe, nicht zu husten. Sein Besuch hat mir viel bedeutet.
Es ist das Wesen der Freundschaft, daß man vorher nie weiß, wer sich als Freund erweisen wird, aber wenn man sich kennengelernt hat, kann man sich nicht mehr vorstellen, durch das Leben gegangen zu sein, ohne denjenigen gekannt zu haben. Sowohl Bill als auch ich hatten unsere schweren Lebenskrisen. Ich hoffe, daß ich für ihn dagewesen bin, wenn er mich brauchte - aber eins steht fest, er war für mich da. Und ganz sicher bin ich nicht der einzige, der das für sich reklamieren kann. Wer ihn gut kennt, weiß, daß es keinen besseren Freund, keinen
großzügigeren Menschen und Schriftsteller gibt als Bill Gibson. Seine kreative Intelligenz kann ziemlich fies sein, seine Seele aber ist rein.
Ein paar Monate nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus kam Harry Smiths »Anthology of American Folk Music« auf CD heraus. Ein Kritiker schrieb, daß jeder Amerikaner eine besitzen sollte, und ich bin völlig seiner Meinung, speziell was die Amerikaner angeht, die aus jenem Teil unseres Landes kommen, wo ein Großteil der Aufnahmen einst gemacht worden ist, auf Bergeshöh', im
tiefen, tiefen Tal. Sobald ich körperlich dazu in der Lage war, habe ich ein Exemplar für Bill besorgt und es ihm geschickt.
Er höre die »Anthology« oft, sagt er. Er fahre häufig durch Vancouver bei Nacht, gern mit seinem Sohn, und lausche immer und immer wieder diesen Klängen, die heute so gar nicht mehr zu seiner oder irgendeiner Landschaft passen zu scheinen (tun sie aber!) - mehr als 70 Jahre, nachdem die Aufnahmen gemacht worden sind.
Als Bill die drei CDs auswendig kannte, unterhielten wir uns, neben anderen Aspekten, über jene Songs, die den stärksten Eindruck auf uns machten, und die Menschen, deren elektronisch bewahrte Stimmen am deutlichsten davon kündeten, was verloren gegangen ist. Und wie man diesen Stimmen etwas entlocken kann, um dieses Verlorene doch wiederzugewinnen, wenigstens teilweise, und es zu neuem Leben zu erwecken.
Ich glaube, jeder Schriftsteller träumt davon, mit tausend Worten soviel auszulösen, wie eine Songzeile auszulösen vermag. Vom »East Virginia Blues« gibt es zahlreiche Textvarianten, aufgenommen während der großartigen
Periode zwischen 1927 und 1932. Die Fassung auf der »Anthology« ist von Buel Kazee, und natürlich ist sie gut, auch wenn ich es lieber höre, wenn Clarence Ashley dieses Lied singt. Bei einer Zeile aus dem »East Virginia Blues«, die ihren Weg in ganz andere Lieder anderer Sänger gefunden hat, krampft sich mir jedesmal das Herz zusammen, wenn ich sie höre, egal, wer singt. Auch Bill hat
sie zitiert, glaube ich. Es ist einer dieser Sätze, für den ich eine Million eigener Worte geben würde, hätte nur ich ihn schreiben dürfen:
I'd rather be in some dark holler
where the sun don't never shine.
(Lieber lebe ich im finstersten Loch,
wo die Sonne niemals scheint.)
Die Grundstimmung, die in der amerikanischen Science Fiction jahrelang vorherrschte, war purer Optimismus: ein nicht zu hinterfragender Glaube, daß, wie schlimm es im Moment auch stehen mag oder wie ausweglos die Situation
auch scheint, ein gerüttelt Maß an Vernunft, kombiniert mit jeder Menge kaltschnäuzigem Einfallsreichtum, das Problem schon lösen kann. Man mußte bloß
drauf kommen - und schon war das Leben besser und schöner. Diese Einstellung macht, wie wir wissen, immer noch das aus, was als archetypische amerikanische Art durchgeht. Natürlich durchzieht dieser blinde Optimismus auch heute noch genau die Art Science Fiction, die sich am besten verkauft, aber die Vernunft ist uns trotzdem irgendwie abhanden gekommen und der kaltschnäuzige Einfallsreichtum zeigt sich nur noch, wenn es darum geht, die besten Merchandising-Möglichkeiten für Nebenprodukte auszuloten. Ihren Erfolg bei der Kritik in allen Ehren, aber die Kraft von Bills Büchern erweist sich auch
in ihrem kommerziellen Erfolg inmitten von »Star Wars«oder
»Star Trek«-Fortsetzungsorgien und Ballerspielen für den Heimcomputer. Vielleicht gibt es ja in einem Paralleluniversum Molly-Action-Figuren mit ausfahrbaren Fingernägeln, aber bei uns sucht man diese Dinge vergeblich.
Also konzedieren seine Leser auf eine vielleicht nur unbewußte Weise, daß es in William Gibsons Büchern mehr zu holen gibt als klasse Figuren und eine gute Geschichte.
Um es wirklich mit der Zukunft aufnehmen zu können - mit der wirklichen oder einer erfundenen, mit der Zukunft der Gesellschaft oder der persönlichen Zukunft
-, und um in ihr auch bestehen zu können, wenn sie denn da ist, muß man zuerst ein Bündnis mit der Vergangenheit geschlossen haben. Und die Vergangenheit ist
immer das Erschreckendere von beiden. Um von der Vergangenheit in die Zukunft zu gelangen, muß man erst schauen und dann springen, allerdings dann doch blind
und ins Leere hinein, mitten durch das tiefste und finsterste aller Täler. Manchmal erscheint der Sprung, der einem abverlangt wird, als zu weit, die Leere zu grenzenlos, das Tal zu komisch vertraut in seinem Dunkel. Aber man hat
dann doch keine Wahl und hofft, auf der anderen Seite mit einem Minimum an traumatischen Erlebnissen anzukommen.
Man mag stark sein im Glauben, man mag beten, fromme Wünsche haben, aber gerade ein Science-Fiction-Schriftsteller weiß, daß sich nichts vorhersagen läßt. Klischees werden deshalb Klischees, weil sie zumindest ein Körnchen Wahrheit enthalten. Und folgendes Klischee trifft besser zu als die meisten: Man wird nicht wissen, wo man hingeht, wenn man nicht weiß, wo man herkommt.
Das gilt für die Leser und für die Schreiber.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.