Wenn ein musikalisches Werk ein Buch von über 350 Seiten verdient, so muss es ein wirklich ganz besonderes sein. Und es gibt, so meine ich, kein anderes, dass dieses Vorhaben mehr verdient als die neunte Sinfonie von Beethoven, ein Meilenstein der Kulturgeschichte, das wohl bekannteste Werk der gesamten Musikgeschichte.
Der Schriftsteller Dieter Hildebrandt hat sich an dieses Vorhaben gewagt und in neun Kapiteln auf 347 Seiten plus Quellenapparat und Register die Geschichte dieses musikalischen Ausnahmeereignis wiedergegeben. Er beginnt mit der Uraufführung 1824 in Wien, erklärt die Entstehungsgeschichte sowohl des Gedichts als auch der Sinfonie und beschreibt ausführlich ihre Rezeption, zunächst in der Dekade nach ihrer Uraufführung in Deutschland, London, Paris und New York, allerdings belässt er es keineswegs dabei. Er beschreibt auch den Missbrauch, der mit der Neunten getrieben wurde von dem Egomanen Richard Wagner, der keine Skrupel hatte, Eingriffe in die Partitur vorzunehmen, den Patrioten, die sie jeweils als Manifestation ihrer Staatsform nutzten und den Nationalsozialisten, die sie für sich als Bollwerk deklamierten. Hildebrandt erläutert weiterhin ihre Bedeutung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, darunter vielseitige Verwendung in der Literatur und im Kino (Thomas Mann, Anthony Burgess, Stanley Kubrick), ihr Weg zur Europa-Hymne und die zunehmende Trivialisierung u .a. durch die Werbung.
Er endet mit einem Ausblick und kommt zu dem Schluss: Die Neunte ist nach wie vor hoachktuell. "Wie, ohne Leidenschaft, wollt ihr etwas erreichen? Wie, ohne Pathos des Zorns, wollt ihr gehört werden? Wie, ohne Courage, wollt ihr frei werden zur Freude?" (S. 343). Doch im selben Kapitel erkennt er, dass das Ziel "Alle Menschen werden Brüder" zwar durch die Globalisierung und elektronische Vernetzung niemals so nahe war wie heute, doch gerade im Zuge der jüngsten globalen Entwicklungen auch noch nie in so weiter Ferne. Schillers Ziel mag letztendlich utopisch oder eschatologisch sein, doch ändert es nichts an der Bedeutung gerade dieser Sinfonie für unsere Zeit: "Im Zeitalter der Datenflut, in der kein Mensch wissen will und kann, was gestern war, ja daß es ein Gestern gab, wird diese Sinfonie zur Dokumentation des Unaufhörlichen, der aufgehobenen Zeitlichkeit, des immerwährenden Einspruchs" (S. 346).
Hildebrandts Darstellung richtet sich nicht an Musikwissenschaftler, sondern vor allem an Liebhaber von Beethovens neunter Sinfonie. Diese werden voll zufriedengestellt, die Lektüre ist stets motivierend, nie trocken, liefert zahlreiche Anekdoten und geht auch Gerüchten nach, wie z. B. dem, das Gedicht hieße ursprünglich "Freiheit schöner Götterfunken". Man wird keine systematischen Form- und Harmonieanalysen finden, auch die genauen Auswirkungen auf Komponisten der Romantik werden nur angerissen, doch diesen Anspruch erhebt dieses Buch auch nicht, zumal diese Arbeit schon von anderen geleistet wurde. Diese Buch will den singulären musikalischen Welterfolg der Neunten vor Augen führen - "Die Neunte als Urkunde der Menschheit, und andererseits als Folie ihrer Dummheit" (S. 336) - und das ist Dieter Hildebrandt vortrefflich gelungen, noch dazu in einer wunderschönen Sprache, fast so schön wie Beethovens Musik.
Die 9 Kapitel des Buchs:
I: Sternstunden mit dunkler Materie - Die Uraufführung der neunten Sinfonie
II: "An die Freude" - Neun Expeditionen in ein Weltgedicht (Schiller)
III: "Es ist nun gefunden ... Freude!" - Der Leidensweg zum Jubel (Beethoven)
IV: "Diesen Kuß der ganzen Welt" - Berlin, London, Paris, New York
V: "Ahnest du den Schöpfer, Welt?" - Der Auftritt der Retuscheure
VI: "Was die Mode streng geteilt..." - Kult, Konflikte, Klassenkampf
VII: "Ihr stürzt nieder, Millionen..." - Wie die neunte Sinfonie zum Teufel ging...
VIII: "Nicht diese Töne!" - Kubrick, Kagel und Europa-Hymne
IX: Finale - Die Freude nach dem Fun