Wer mit den Runen arbeitet, wird schnell begreifen, das man viel Zeit investieren muß, um sie zur Gänze zu verstehen (wenn das überhaupt möglich ist) und Ihre Geheimnisse zu schauen. Der Autor Edred Thorsson hat in seinem Buch „Die neun Tore von Midgard" versucht einen Initiationsritus aufzubauen, der sich unter anderem mit Runenkunde, Galdr, Seidr und der germanischen Mythologie beschäftigt.
Dies ist kein Buch das man auf die Schnelle durchlesen sollte, Instantwissen gibt es hier nicht, vielmehr soll Zeit und Ruhe investiert werden um jeden Abschnitt des Buches zu durchdringen.
Dies ist ein magischer Lehrplan der Runengilde (Organisation), eigentlich nur für Mitglieder doch hier als Buch für jedermann (und Frau) zugänglich. Jedes der neun Tore für den Initianten tiefer in die Geheimnisse der Runengilde. Ziele werden ebenso gut beschrieben wie Anleitungen zum Gebrauch der Tore. Manchesmal ist der Lehrplan ein wenig zu statisch, zu streng, zu regularienhaft, doch jeder mag sich seine eigene Meinung darüber bilden. Auch über die aufzuwendende Zeit kann man sich seine Gedanken machen, ob man wirklich hunderte von Tagen mit einem Abschnitt zubringen soll.
Die Weihen werden ebenso beschrieben, wie das tägliche Arbeiten, Visualisierungen, Konzentrationsübungen und die Werkzeuge. Stada Arbeit, Galdr, vokalisches Arbeiten, Tagebuchanalyse, Theorien, Atemtechniken, Runenstellungen, Segnungen, Anrufungen, Lektüren und Seidr.
Dieses Buch ist sehr umfassend und bietet einen sehr guten Blick in das was die Runengilde von Ihren Mitgliedern erwartet, den auch Berichte sollen geschrieben und an die Runengilde versandt werden. Man beginnt als Lehrling und wird nach Prüfung und dem Durchschreiten der Tore Geselle - Meister wird man, wenn eine Meisterarbeit zum Wohle der Gilde und deren Mitglieder abgeliefert hat (die auch so bewertet wurde). Schließlich soll die Gilde erweitert werden und an Wissen gewinnen. Der Ursprung der Gilde ist im englischsprachigen Raum, doch auch in Deutschland formiert sich die Gilde.
Das Verstehen von englischsprachiger Literatur wird vorausgesetzt, einige der Bücher sind stofflich ein wenig extrem (wenn man sich mit Sektenliteratur beschäftigt) hilft aber den Gesamtkontext zu verstehen.
In einem Punkt stimme ich nicht mit dem Autoren Edred Thorsson überein. Im achten Tor seines Buches „Die neun Tore von Midgard" geht der auf das Thema Seidr ein, Wahrheitsseidr, Orakelseidr und Liebesseidr. Das Thema „Seidr und Männer" ist hinlänglich bekannt und die Ausübung wird im allgemeinen gerne als "ergi" (unmännlich) für Männer bezeichnet, jedoch geht der Autor hier noch ein Stück weiter, er schreibt unter Bezugnahme auf den 18. Vers des Havamal: „Ein 18. Kann ich das ich allen hehle - sei`s es Mutter oder Maid, das beste ist immer, was nur einer weiß; das sei mein letztes Lied, außer der einen, die im Arm mich hält oder deren Bruder ich bin." Diesen Vers nimmt der Autor als Beweis das hier die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen zwei Männern gemeint sei - das sehe ich nicht so. Das lese ich auch nicht aus diesem Textabschnitt. Der Autor weist darauf hin, das die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern große Energien erzeugt und damit gräßliche Wesenheiten erschaffen werden könnten (Zauberei). Das der Aspirant sehen soll (bei der Selbstbefriedigung) wie schnell er ist oder wie lange er „es" heraus zögern kann - ist noch ein anderes Thema (inkl. Berichterstattung).... Fakt ist: zur Ausübung des Seidr ist Analverkehr überhaupt nicht notwendig - das wäre mir auch neu... und Kontrollverlust beim Seidr ist im übrigen weder männlich noch weiblich, seit wann ist es für Frauen gut, die Kontrolle zu verlieren...
Gerne stehe ich für Diskussionen in diesem speziellen Punkt zur Verfügung - an weitergehenden Begründungen zur gleichgeschlechtlichen Liebe (für die Ausübung von Seidr) bin ich sehr interessiert (aber bitte nur Fakten und ernst gemeinte/sachliche Antworten).
Insgesamt gesehen war das Buch interessant und bot einen guten Einblick in die Organisation der Runengilde. Es ist allerdings nur für die gedacht die sich näher mit der Organisation beschäftigen wollen.