Der Neandertaler kommt. Also weg mit der Keule, denn unser Vorfahre ist nicht so, wie er in den Schulbüchern und Köpfen umhergeistert. Doch in diesem hervorragenden Buch geht es nicht nur um längst notwendige Korrekturen, sondern auch um spannende Wissenschaftsgeschichte. Denn der Autor zeigt immer wieder auf, weshalb überholtes Wissen in den Lehrbüchern kleben bleibt, wo Verbindungen zwischen Politik, Kirsche und Forschung primär zur Machterhaltung dienen und das Neue bekämpfen. Dabei ist List noch die harmloseste Waffe in diesem Krieg der Vorstellungsbilder und Glaubensbekenntnisse.
Der Autor studierte Ur- und Frühgeschichte, klassische Archäologie und Ethnologie, bevor er sich mit Haut und Haaren dem Wissenschaftsjournalismus verschrieb. Für uns Leser ist sein Auszug aus dem Elfenbeinturm ein Glücksfall. Oder wurde er gar von seinen Kollegen vertrieben, weil er einfach zu gut schreiben kann? Weil er allzu selbstgefällige und forsche Forscher kritisiert? Weil er auch die Grenzen menschlicher Erkenntnis sieht? Wie auch immer, Dirk Husemann lässt in 25 Kapiteln Welten auferstehen, die uns geprägt haben und daher unser Verhalten noch immer beeinflussen. Und wer glaubt, solche Bücher seien überflüssig, weil wir über unsere Abstammung doch längst Bescheid wissen, soll wenigstens bis Seite 37 lesen. Denn nicht nur die italienische Bildungsministerin versuchte, im 21. Jahrhundert die Evolutionslehre aus den Schulstuben zu verbannen.
Mein Fazit: Trotz guter Vorkenntnisse noch viel dazu gelernt, viel Spass an den Formulierungen des Autors gehabt und mich nur gewundert, weshalb das Buch ein so grosses Format und durchschnittliches Layout hat.