Der Aufbau unserer Füße und Gehörknöchelchen lässt sich evolutionär aus Flossen und Kiemenbögen ableiten. Und wie verhält es sich mit jenem Organ zwischen unseren Ohren, das zwanzig Prozent der aufgenommenen Energie großzügig für sich in Anspruch nimmt? Es soll Zeitgenossen geben, die zwischen "evolutionär und deshalb biologisch" einerseits und "erlernt und deshalb kulturell" andererseits unterscheiden. Ist diese Unterscheidung haltbar? Wenn ja, woher kommt dann das Gehirn, das unsere sozialen und kulturellen Leistungen hervorbringt?
Eckart Voland, Professor für Philosophie der Biowissenschaften an der Universität Gießen erläutert, warum der Mensch nur das lernt, was sein evolviertes limbisches System zulässt. Latein, Mathematik oder Ethik gehören nicht immer dazu. Wir finden Spuren, die aus unserer Vergangenheit in unsere Gegenwart führen. Aus einer Millionen von Jahren zurückliegenden Vergangenheit.
* Rundkurs durch die Soziobiologie *
Das überschaubare Büchlein bietet zwar keinen Grundkurs in Soziobiologie, wie der Untertitel eher augenzwinkernd suggeriert, aber als einen kurzweiligen Rundkurs durch die Soziobiologie möchte ich es schon bezeichnen. Der Inhalt beruht auf Essays, die ursprünglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen sind. Das hatte für den Autor den Vorteil, dass er nicht so viel Arbeit damit hatte. Dem Leser nützt es, indem er dröge wissenschaftliche Materie feuilletonartig aufbereitet und in achtzehn bekömmlichen Häppchen von jeweils nur einigen Seiten vorgesetzt bekommt. Nach jedem neuen Schreck über tierische Wurzeln seines Verhaltens kann er sein Bierchen trinken, sich beruhigen und entspannt noch einmal darüber nachdenken.
Es geht um Verwandtschaftsbeziehungen, Egoismus und Altruismus, um Moral, das Wir-Gefühl, um Männer und Frauen natürlich, die Ehe (auch um den Ausnahmefall "Monogame Beziehung"), Kinder und Elternliebe, Großeltern, Angeberei, Glück und um die transkulturelle Fähigkeit zur Religiosität, die sich in eine der zigtausend Religionen dieser Welt entfaltet; eine Universalie, ähnlich der Sprachfähigkeit. Und wozu gibt es Großeltern? Bei Tieren kommt eine nennenswerte postgenerative Lebensspanne nicht vor; warum beim Menschen? Die Antwort auf die Frage, warum es Großväter gäbe ist ebenso flapsig wie, beim gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand, treffend: Um die Großmutter bei guter Laune zu halten. Die Großmütter mütterlicherseits allerdings ... aber lesen Sie doch selber nach. Vielleicht interessiert es Sie auch, warum sich für Blaumeisen-Weibchen Seitensprünge lohnen (psst, nicht verraten: weil die außerhalb der Paarbildung gezeugten Nachkommen lebenstauglicher sind).
Während ich dies schreibe werden gerade Studien veröffentlicht die belegen, dass die Anzahl der Männer steigt, die eine Babypause einlegen. Und zwar passiert dies am oberen Gehaltsrand der Gesellschaft. Eine der angebotenen Erklärungen ist, dass diese Familien sich die kleinen Gehaltsverluste leisten könnten. Eine andere, dass bei diesen Einkommensklassen auch die Partnerinnen oft über ein beträchtliches oder gar höheres Einkommen verfügen. Die traditionell männliche Argumentation ("Ernährer") am häuslichen Flachbildschirm gerät ins Wanken. Vielleicht kommen wir damit der Sache schon näher. In Kapitel zwölf dieses Buchs hier beantwortete Eckart Volmer die Frage, wann Väter zu Familienvätern werden, aus soziobiologischer Sicht: Wenn Männer nicht mit Besitz oder Einkommen werben können, preisen sie verstärkt ihre familiären Tugenden an. Ei der Daus.
* Ein Schmankerl *
Soziobiologie häppchenweise, das klingt im ersten Augenblick nach einer Art Fastfood. Ist es aber nicht; wenn schon, dann sind es Schmankerln. Eckart Voland gelang mit erfrischender Schreibe eine Leichtigkeit, die aber nicht oberflächlich bleibt. Man muss nicht allen Gedankengängen folgen, aber mit den etwa zweihundert Quellen gibt das Buch den Lesern die Gelegenheit, sich selbst von den Ergebnissen zu überzeugen oder die Interpretationen zu verwerfen. Wer bereits mit einer widerstandsfähigen Meinung zum Thema Soziobiologie ausgerüstet ist, hat diese Lektüre natürlich nicht nötig (an dieser Stelle fällt mir Volands Bemerkung ein, dass in mancher Hinsicht der Altersstarrsinn mit der Geburt beginnt). Was mich betrifft - ich war begeistert.