Der Barbier Iwan Jakowlewitsch findet am 25. März, wie der Erzähler akribisch vermerkt, im frischgebackenen Brot eine Nase. Wie sie da hineingeraten ist, weiß er nicht, aber als Barbier hat er in dieser Hinsicht natürlich ein schlechtes Gewissen und lässt das mutmaßliche corpus delicti verschwinden. Damit fängt die Geschichte aber erst an -- denn zur selben Zeit erwacht der Kollegienassessor Kowaljow und vermisst seine Nase. Als ob das nicht genug des Ärgers wäre, trifft er seine Nase bald darauf wieder -- sie spaziert seelenruhig durch Petersburg und, was das Allerschlimmste ist: Sie tut das im Range eines Staatsrats, steht also in der peinlich genau beachteten Rangfolge der russischen Bürokratie einige Ränge über ihm!
Was nun folgt, ist eine aberwitzige Jagd des Herrn Kollegienassessors, in der ein satirisches Glanzlicht nach dem anderen das Zwerchfell des Lesers strapaziert; ein Meisterwerk des grotesken Humors. Man kann diese Geschichte nicht nacherzählen, man muss sie lesen.
Der Clou besteht nämlich darin, dass Gogol diese Erzählung auf idiomatischen Wendungen aufbaut; wie im Deutschen gibt es auch im Russischen zahlreiche Wendungen der Art "auf der Nase herumtanzen", "eine Nase für etwas haben" usw. Gogol nimmt seine Muttersprache wörtlich und konstruiert daraus einen burlesken Alptraum.
Ganz klar also, dass diese Erzählung, wie fast das gesamte Werk Gogols, den Übersetzer auf eine harte Probe stellt. Ich kenne einige deutsche Übersetzungen, keine davon ist misslungen, aber am Knackpunkt m ü s s e n sie allesamt scheitern: Die russische Nase ist männlich (jedenfalls, was die Grammatik betrifft), und Kowaljows Kalamitäten mit seinem alter ego lassen sich daher partout nicht kongenial eindeutschen. Daher sollte man dem Relam-Verlag für diese zweisprachige Edition die Füße küssen, denn wer ein wenig Russisch kann, hat hier die Möglichkeit, den Originaltext ohne den lästigen ständigen Griff zum Wörterbuch lesen zu können. Ein übriges tun der ausführliche Anmerkungsapparat und das kenntnisreiche Nachwort.
Wer kein Russisch kann, solte sich aber nicht abschrecken lassen, denn auch die Übersetzung rettet den Großteil der "Nase" ins Deutsche hinüber.
Also: Liebe Leser, stecken Sie Ihre Nasen in Gogol "Nase"! Sie werden's nicht bereuen.