Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich vorher "Perdido Street Station" (auf deutsch 2 Bände: "Die Falter" und "Der Weber") vom gleichen Autor gelesen hatte und ich unheimlich begeistert von dem Roman war (siehe meine Rezension dort). Die Geschichte gehört mit zu den besten, die ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe. Vor allem der unglaubliche Erzählstil des Autors, der fast schon poetisch schön ist, hat mich gefesselt. Nun kaufte ich mir dieses Buch und habe (natürlich) eine ebenso schöne wie spannende Geschichte erwartet. Doch ich wurde enttäuscht.
Die Geschichte entwickelt sich unheimlich langsam und zäh, ich möchte fast sagen langweilig. Auf den ersten 200 Seiten passiert fast gar nichts, die ganze Zeit frage ich mich "ja und? Wann geht denn die Geschichte endlich los?" Freilich entfaltet das Buch schließlich seine ganze Pracht und entwickelt sich zu einer fantastischen (im wahrsten Sinne des Wortes) Geschichte, aber eben leider erst nach 250 Seiten...
Die Charaktere sind allesamt sehr fein und plastisch gezeichnet. Obwohl die Protagonistin sehr sperrig und eigen (mit meiner Meinung nach eher fragwürdigen Ansichten) ist, gelingt es dem leser doch rasch, sich mit ihr zu identifizieren. Das ist nicht zuletzt eine Leistung des hervorragenden und unglaublich inspirierten Erzählstils des Autors. Auch die Welt, in der diese Geschichte spielt, ist sehr lebendig und farbenfroh. Ich will nicht ständig mit "Perdido Street Station" vergleichen, aber die dortige Stadt (New Crobuzon) fand ich um einiges interessanter, die Einwohner waren in ihren Formen und Arten schillernder, hier in dem vorliegenden Band sind die Bewohner doch teilweise etwas zu flach und gelegentlich auch zu stereotyp und klischeebeladen. Alles in allem muss ich feststellen, dass der Erzählstil, die Sprache nicht an "Perdido Street Station" herankommt; manch einer würde sagen, Mieville hat sich weiterentwickelt, die Sprache ist "reifer" und ausgeformter geworden. Aber mir gefiel der jugendlich-frische, geradezu unbekümmerte Sprachstil im Vorgänger-Roman besser, dadurch wurde das Buch gewissermaßen zu etwas Besonderem".
Unterm Strich liefert der Autor hier eine solide Leistung ab. Ein (halbwegs) spannender Roman, wieder an der Grenze zwischen Fantasy, Science Fiction und Horror mit interessanten Charakteren und einer interessanten, glaubwürdigen Welt. Mehr aber eben auch nicht. Das Buch ist eben nicht so herausragend, wie "Perdido Street Station", kein solcher Meilenstein. Formal macht der Autor ja alles richtig, aber das reicht mir diesmal nicht. Freilich bin ich beeinflusst, da ich zuerst den anderen Roman gelesen habe und jetzt natürlich immer wieder vergleiche. Würde ich "Perdido Street Station" nicht kennen, hätte mich "Die Narbe" vielleicht weitaus mehr gefesselt und begeistert. So bleibt aber lediglich eine durchschnittliche Geschichte, ohne den bestechenden und betörenden Charme des Vorgängers. Und nicht zuletzt wird auch der äußerst lahme Anfang quasi zum Stolperstein für den Autor; wenn die Geschichte erst auf Seite 200 losgeht und anfängt, interessant zu werden, so strapaziert das doch die Nerven des Lesers. Wer es schafft, sich durch den ersten Teil durchzubeißen, wird freilich mit einer außergewöhnlichen Geschichte belohnt. Aber es zählt ja der Gesamteindruck ;-)
FAZIT:
Eine solide Leistung des Autors. Bei weitem kein solches Meisterwerk wie Perdido Streeet Station", dennoch eine interessante Geschichte mit interessanten Figuren, ähnlich imposant und betörend erzählt. Fans von Mieville müssen eh jedes Buch besitzen ;-) Für alle anderen empfehle ich ganz klar "Perdido Street Station" als Einstieg in Mievilles Werk. Wer gehobene Fantasy/SF-Kost mag, wird hier mehr als fündig, dem eher durchschnittlichen Fantasy-Fan, würde ich abraten, dafür sind Mievilles Werk zu sperrig.