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Die Namen der Nummern
 
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Die Namen der Nummern [Gebundene Ausgabe]

Hans-Joachim Lang
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

„Wir wollen diesen Menschen ihre Identität zurückgeben, sagte ein Organisator der Konferenz „Der Schrecken der Nazimedizin 2003 in Straßburg. Dann las Hans-Joachim Lang die Namen der 86 von ihm identifizierten Ermordeten vor. Stehend würdigten die Teilnehmer in später Verneigung die Toten. 1943 wurden im Auftrag der SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe 86 ausgewählte jüdische Frauen und Männer im KZ Natzweiler (Elsass) mit Gas getötet. Der Zweck der Exekution: Die Skelette der Opfer sollten im Anatomischen Institut der „Reichsuniversität Straßburg ausgestellt werden und in künftigen „judenfreien Zeiten Forschungszwecken dienen. Allerdings konnten die Verantwortlichen, der Anatomie- Professor August Hirt und beteiligte Kollegen, ihr Unternehmen nicht zu Ende führen. Die sterblichen Überreste der Ermordeten wurden nach dem Krieg in einem Massengrab beigesetzt – anonym, es existierten von ihnen nur Nummern. „Mir war der Gedanke unerträglich, dass die Opfer dieser Tat – mit einer Ausnahme – namenlos geblieben waren, schreibt der Journalist und Historiker Hans-Joachim Lang. Nach fünf Jahren Recherche, die ihn in zahlreiche Archive und acht europäische Länder führte, hatte er den Ablauf des Verbrechens rekonstruiert, alle 86 Ermordeten identifiziert und ihre Herkunft ergründet. Davon erzählt das Buch, das auch reichlich dokumentarisches Material enthält. Ein in seiner ganzen Sachlichkeit erschütternder Bericht, der die Unmenschlichkeit des NS-Terrors aus nächster Nähe beleuchtet.

Über den Autor

Hans-Joachim Lang, 1951 geboren, studierte in Tübingen Germanistik, Kultur- und Politikwissenschaft. 1980 Promotion (Germanistik). Seit 1982 Wissenschaftsredakteur beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen. 1989 Wächterpreis der deutschen Tagespresse. Lehraufträge an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen.

Auszug aus Die Namen der Nummern von Hans-Joachim Lang. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

LEBEN VOR DEM TOD

Besichtigung einer verlassenen Wohnung
Joachimsthaler Straße 12 in Berlin-Charlottenburg, nur wenige Meter vom Kurfürstendamm entfernt. Starker Verkehr flutet durch die vierspurige Hauptstadtstraße, vom Glockenturm der nahen Gedächtniskirche weht der volle Klang des Stundenschlags herüber. Hier wohnte bis Anfang 1943 Alice Simon. Vor dem Gebäude wacht jetzt ein Polizist, Maschinenpistole in der Hand und durch eine kugelsichere Weste aufgepolstert. Dass er oder einer seiner Kollegen tagaus, tagein hier Posten stehen, hat keinen unmittelbaren Bezug zu Alice Simon. Es gibt ihre Wohnung nicht mehr, nicht einmal das Haus ist noch, wie es war.
Aber Geschichte verbindet. Mit undurchschaubarer Miene patrouilliert der Polizist vor dem vierstöckigen Wohnblock, den Blick immer wieder auf die Buchhandlung im Parterre gerichtet. Es ist eine jüdische Buchhandlung. Wie alle jüdischen Einrichtungen in der Stadt bedarf sie des besonderen Schutzes.
Als ich vor dem Haus stehe, das nicht mehr das Haus ist, in dem Alice Simon gelebt hat, ergreift mich ein seltsames Gefühl von Vertrautheit. Unzählige Male schon bin ich in Gedanken durch ihre verlassene Wohnung gelaufen. Die Treppe hinauf in die erste Etage gestiegen, in die weiträumige Diele einer menschenleeren Wohnung eingetreten. Und wieder einmal habe ich die Tür geöffnet. Ich gehe am Wohnzimmer vorbei, schaue ins Arbeitszimmer, werfe Blicke in zwei Gästezimmer, ins Esszimmer und in die Küche. Einrichtungsgegenstände lassen das großbürgerliche Ambiente erahnen: Kronleuchter, schwere Möbel, Vitrinen, Anrichten, Schränke mit Schnitzereien oder Spiegeln, Kleiderkommoden, Bücherborde, Likörschränkchen, Eistruhe. Hohe Regale, jede Menge Ess-, Arbeits- und Ziertische, Sofas, lederbespannte Stühle, Plüschsessel, Backensessel. Großflächige Teppiche (der im Esszimmer beispielsweise bedeckt sieben mal dreieinhalb Meter), Läufer und Brücken, Ölbilder, Gobelins und Wandteller, Tisch- und Stehlampen, Bodenvasen, Marmorbüsten, Uhren.
Meinen Rundgang durch die sieben Räume nebst Küche und Korridor möbliert einzig und allein ein Formblatt des Oberfinanzpräsidiums Alt-Moabit. Penibel ausgefüllte zehn Seiten listen das gesamte Inventar auf, das am 23. Juni 1943 ein Finanzbeamter zusammen mit einem freiberuflichen Schätzer "gewissenhaft aufgenommen und bewertet" hat. 162 Positionen werden aufgeführt und, gemäß den Richtlinien für die "Verwertung des eingezogenen Vermögens von Reichsfeinden", weit unter Wert taxiert. Alice Simon war Protestantin. Aber wegen ihrer jüdischen Abstammung galt sie wie alle Juden als Reichsfeindin.
Das alte Haus, das heute nur noch als Gedankengebäude besteht, hat für mich kein Gesicht. Im Buchladen suche ich nach einem Fotoband mit Berliner Ansichten aus den 1920er oder 1930er Jahren. Die Händlerin nennt einen Titel, den sie nicht vorrätig hat. Ich verlasse das Geschäft, werfe einen letzten Blick auf die fremd gebliebene Fassade und entferne mich in Richtung Kurfürstendamm. Die Suche verläuft sich. Hier ist nicht der Ort, um einer ausgelöschten Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen.
Alice Simon arbeitete zuletzt als Buchhalterin bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, unbesoldet. So hat sie es in einer Vermögenserklärung angegeben. Bis 1939 hieß diese Organisation noch Reichsvertretung der deutschen Juden, die zwangsweise Umbenennung durch die Nazis lässt bereits die Ausgrenzung der Juden erkennen: Juden waren, wie schon in den Nürnberger Gesetzen festgelegt, keine Deutschen mehr. Also redete man nicht mehr von deutschen Juden, sondern nur noch von Juden in Deutschland. Bald sollte es auch keine Juden in Deutschland mehr geben. Deutschland sollte, wie es hieß, "judenfrei" werden. Erst entzog man ihnen die Existenzgrundlage, die dennoch Verbliebenen verschleppte die Gestapo von 1942 an in die Vernichtungslager im Osten.
Das nur wenige Gehminuten von Alice Simons Wohnung entfernte Zentralbüro der Reichsvereinigung in der Kantstraße musste am 10. Juni 1943 schließen. Ihre Buchhalterin hatte die Reichsvereinigung bereits kurz zuvor verloren. Irgendwann im Frühjahr 1943 hatte sie ihr Heim in der Joachimsthaler Straße für immer verlassen. Sie zog nicht aus, wie man üblicherweise seine Wohnung verlässt, denn ihre Habe blieb zurück. Kaum jemand erfuhr noch, dass die 55Jährige nun in einem Altersheim in der Großen Hamburger Straße wohnte. Man alterte schnell, wenn man in jenen Wochen als Jude in Berlin lebte, denn Tausende von ihnen, gleich welchen Alters, hatte die Gestapo dort eingeliefert. Das im Scheunenviertel gelegene jüdische Altersheim war im Spätjahr 1942 ebenso wie die benachbarte Jüdische Knabenschule in ein vergittertes Sammellager umgewandelt worden. Für einen großen Teil der mehr als 55000 Berliner Juden, die in Vernichtungslager in Osteuropa deportiert wurden, war dies der letzte Wohnort in der Heimat.
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