Buch der 1000 Bücher
Die Nadel
OT The Eye of the Needle OA 1978 DA 1979Form Agentenroman Epoche Moderne Gegenwart
In seinem ersten großen Bestseller nutzt Follett das populäre Interesse an zeithistorischen Stoffen, besonders aus dem Zweiten Weltkrieg, für eine spannungsbetonte Erneuerung des traditionellen englischen Agentenromans.
Inhalt: Im Jahr 1944 planen Briten und Amerikaner die Invasion in der Normandie und zugleich ein gigantisches Täuschungsmannöver, das den Deutschen eine andere Angriffszone suggerieren soll. Der einzig hoch qualifizierte deutsche Geheimagent, ehemaliger Offizier mit dem Decknamen »Die Nadel«, dem sogar Hitler persönlich vertraut, hat die Täuschung entdeckt und versucht mit Fotodokumenten die deutsche Heeresleitung zu überzeugen. Ein U-Boot soll ihn vor der schottischen Küste aufnehmen und zurückbringen. Auf seiner Flucht durch Großbritannien begeht er skrupellos mehrere Morde. Währenddessen rückt ihm die britische Spionageabwehr MI5 immer näher. Für die operativen Einsätze ist der ehemalige Scotland-Yard-Kommissar Bloggs zuständig. Am Ende seiner Flucht gerät die »Nadel« mit einem Fischerboot in einen Orkan, der ihn an den Strand von Storm Island wirft. Auf der Insel lebt Lucy mit ihrem Ehemann David, einem Jagdflieger, der bei einem Autounfall beide Beine verloren hat. David entdeckt das Geheimnis der »Nadel« und wird in einem Kampf getötet. Während die Verfolger die Spur der »Nadel« aufgenommen haben und sich dem Eiland nähern, gelingt es Lucy, den Eindringling von der Felsenkante in den Tod zu stürzen. Die Täuschung der deutschen Heeresleitung und des Führers gelingt, die Invasion kann beginnen. Der Epilog zeigt Lucy und Bloggs 1970 als glückliches Großelternpaar. England hat gerade ein Fußball-Weltmeisterschaftsspiel gegen die Deutschen verloren.
Aufbau / Wirkung: Follett scheint zunächst ein traditionelles Muster des Spionageromans aufzugreifen, das nach Graham R Greene und John R le Carré bereits als eher überholt galt. Die historische Konfrontation Großbritannien-Deutschland wird als Kampf zwischen Gut und Böse gestaltet, auf eine Problematisierung der »eigenen« Seite fast völlig verzichtet.
Der Kunstgriff, der entscheidend zum Bestsellererfolg des Romans beitrug, ist jedoch die Kombination mit Handlungselementen anderer populärer Genres insbesondere des historischen Romans, des Polit- und Erotik-Thrillers sowie der Horror-Story. Dadurch werden verschiedene Leserinteressen bedient und zusätzliche Spannungselemente eingebaut. Ähnlich wie auch in Frederick R Forsyths Bestseller Der Schakal von 1971 ist die Kombination eines historischen Rahmens (Invasion 1944) und authentischer Figuren (Churchill, Hitler, Rommel) mit einer erfundenen »Geheimgeschichte«, die dem Leser die »wahren« und dramatischen Ursachen des allgemein bekannten historischen Geschehens verspricht. J. V.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Klappentext
Horst Frank liest die gekürzte Romanfassung.
4 Kassetten,
Gesamtspieldauer ca. 360 Minuten -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug
Es war der kälteste Winter seit fünfundvierzig Jahren. Die Dörfer waren eingeschneit, und die Themse war zugefroren. An einem Tag im Januar verspätete sich der Zug von Glasgow nach London sogar um 24 Stunden. Der Schnee und die Verdunklung ließen das Autofahren immer gefährlicher werden: Die Zahl der Unfälle verdoppelte sich, und die Menschen erzählten sich Witze darüber, daß es gefährlicher sei, mit einem Austin Seven nachts durch Picadilly zu fahren, als mit einem Panzer durch den Westwall zu stoßen.
Als der Frühling endlich kam, war es herrlich. Sperrballons trieben majestätisch am hellen, blauen Himmel, und Soldaten auf Heimaturlaub flirteten mit Mädchen in ärmellosen Kleidern auf den Straßen von London.
London wirkte kaum wie die Hauptstadt eines Landes, das sich im Krieg befand. Natürlich gab es Anzeichen dafür. Henry Faber, der mit dem Rad von Waterloo Station nach Highgate fuhr, bemerkte sie: Haufen von Sandsäcken vor wichtigen öffentlichen Gebäuden, Anderson-Schutzräume in den Gärten der Vorstädte, Propagandaplakate über Evakuierung und Luftschutz. Faber fielen diese Dinge auf -er war weit aufmerksamer als ein durchschnittlicher Eisenbahnangestellter. Er sah Scharen von Kindern in den Parks und schloß daraus, daß die Landverschickung ein Fehlschlag gewesen war. Ihm entging nicht die Zahl der Autos, die trotz der Benzinrationierung auf der Straße fuhren, und er las, welche neuen Modelle die Autofirmen ankündigten. Faber wußte, was es bedeutete, daß Arbeiter zur Nachtschicht in die Fabriken strömten, in denen wenige Monate zuvor die Tagschicht kaum genug zu tun gehabt hatte. Vor allem beobachtete er die Truppenverschiebungen per Eisenbahn: Alle Papiere gingen über sein Büro. Daraus ließ sich eine Menge erfahren.