Trilogie der menschlichen Abgründe: Erschütternd, wie Elischa von Leben und Sterben im Konzentrationslager erzählt. Beklemmend dann im zweiten Teil Elischas Gefühle als Terrorist, als er das erste Mal selbst einen Menschen aus der Nähe töten soll. Bewegend schließlich sein Neuaufbruch ins alltäglich gelebte Leben im dritten Teil.
Leitmotiv ist die Nacht. Der erste Teil heißt so, "Nacht", und es ist tiefste Nacht über der Maschinerie des Todes. Der zweite Teil heißt "Morgengrauen", allerdings ist es ein Morgengrauen ohne Hoffnung, denn es ist die Stunde der Hinrichtungen. Der dritte Teil heißt endlich, endlich!, "Tag", den allerdings die Angst der Nacht ständig noch überschattet.
Nacht.
In knapper, präziser, karger Sprache erzählt Elie Wiesel von Tod und Sterben im KZ. Elischas kleine Schwester Tsipora und die Mutter sterben zuerst, zuletzt stirbt der Vater.
Und eigentlich stirbt auch der Ich-Erzähler Elischa selbst, fünfzehn Jahre alt. Im Spiegel sieht er am Ende: einen atmenden Leichnam. Und eigentlich stirbt auch Gott, dem Elischa als Kind so sehr vertraut hatte: jetzt ist Gott ausgebrannt aus seiner Seele, ein leerer, schwarzer Fleck nur noch.
Dieses Erzählen des Unaussprechlichen, das hat Elie Wiesel hier geleistet. Authentisch. Ehrlich. Ohne eine Wort zu viel oder zu wenig. Das Entsetzen damit dem Vergessen zu entreißen, das macht den tiefen Wert des ersten Teils aus. Erschütternd.
Morgengrauen.
Beklemmend die Szenerie im zweiten Teil der Trilogie. Ein enges, stickend heißes Zimmer in Palästina. Jetzt ist Elischa achtzehn Jahre alt, von Terroristen geworben, und er kämpft gegen die englischen Besatzer Palästinas. Jetzt steht er auf der anderen Seite: "Morgen werde ich einen Menschen töten ... Ich, ich werde einen Menschen töten."
Immer wieder spielt die Nacht des Konzentrationslagers, spielen die Toten ins Leben des Terroristen hinein. Mit keiner Frage ist er fertig, nicht mit der Frage nach Gott, nicht mit der Frage nach Gerechtigkeit. Aber endlich ist er am Zug, ist nicht mehr Opfer, sondern Gestalter. Auch wenn er dabei ein Leben vernichtet, ein Leben, dem er zunehmend Sympathien entgegenbringt.
Den inneren Kampf Elischas bis zum Morgengrauen erzählt Elie Wiesel beklemmend und konsequent. Er öffnet eine Innenwelt, die sonst verborgen liegt. Gibt es Parallelen zu Terroristen bis heute? Dieses Befreiungsgefühl, endlich Herr des Handelns zu sein? Und wie ein Gott Herr über Leben und Tod?
Tag.
Jetzt lebt Elischa als Journalist in New York. Die Schatten der Nacht sind stark, doch gerade der nahe Tod bringt Elischa ins Leben zurück, ein schwerer Verkehrsunfall. Noch einmal ist Elischa Opfer und dem Tod geweiht. Im Koma, ans Bett gebunden, hilflos.
Doch jetzt ist alles anders: ein Arzt kämpft um sein Leben, weil das seine Berufung ist, dem Tod Menschen zu entreißen. Ein Freund holt ihn trocken aus seiner Jammerlaune heraus. Und vor allem hat er hat eine Freundin, die um ihn bangt. Letztlich ist es Liebe, die Elischa ins Leben zurückbringt. Allerdings wird er auf Krücken gehen, die Nacht und ihre Dämonen werden nie ganz verschwinden. Und sollen es auch nicht.
Ein Paradoxon ist der Titel der Trilogie: Die Nacht zu begraben, Elischa. Der Nacht ein Grab! Das Verschwinden der Nacht des Todes hat mit Tod zu tun.
Dem Buch sind viele, viele Leserinnen und Leser zu wünschen. Denn sie werden Träger der Erinnerung von Erlebtem, das nie vergessen werden darf.
P.S. Sehr lesenswert auch das Geleitwort des französischen Literaturnobelpreisträgers Francois Mauriac, der Elie Wiesel zum Schreiben gebracht hat.
P.P.S. Zu Recht haben andere geschrieben, dass "Die Nacht" im weitesten Sinne so etwas wie die Fortsetzung von Anne Franks Tagebuch ist (
Anne Frank Tagebuch). Wo Anne Frank endet, hört Elie Wiesel nicht auf.
P.P.P.S. Und zuletzt noch die leicht zu ergoogelnde Rede in Buchenwald vom 5. Juni 2009 lesen und mit Respekt vor diesem zerrissenen Leben des Elie Wiesel stehen.