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Die Nacht vor der Scheidung: Roman
 
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Die Nacht vor der Scheidung: Roman [Taschenbuch]

Sándor Márai , Margit Ban
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (9 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

In der Nacht vor der Scheidung gerät Richter Christoph Kömüves ins Träumen, über sein eigenes Leben, über sein eigenes Lieben -- und das, obwohl es sich gar nicht um seine eigene Scheidung handelt. Ein Mann will sich von seiner Frau trennen: ein Mann, mit dem er in seiner Jugend gern befreundet gewesen wäre, auch wenn es trotz offenkundiger Sympathie von beiden Seiten nie zu einem wirklichen Gespräch zwischen dem angesehenen Richter und dem bekannten Arzt gekommen ist. Am Tag vor der Scheidung soll sich das ändern, und zwar aus tragischem Anlass. Denn der Arzt ist gekommen, um Kömüves sein Herz auszuschütten und ihm mitzuteilen, warum er seine Frau kurz vor der juristischen Trennung getötet hat. Der Fall ist umso prekärer, als der Richter einmal in eben jene Frau verliebt gewesen ist.

Sándor Márai ist ein Meister der leisen Zwischentöne, vor allem der zwischenmenschlichen. Es gibt wohl keinen, der die Freuden und Leiden der Liebe derart nuancenreich und präzise zu beschreiben vermag. Wer befürchtet hat, dass der Piper Verlag nach der Wiederentdeckung dieses großen Autors nach der Neuveröffentlichung seines Romans Die Glut einen nach dem anderen Márai-Roman nur deshalb neu verlegen würde, um den Erfolg des ersten finanziell auszuschöpfen, wird jedes Mal eines Besseren belehrt. Es ist schon erstaunlich, wie man der "Schreckensherrschaft der Liebe" immer wieder neue Fassetten abgewinnen kann. Márai hat das gekonnt. So ist auch der Roman Die Nacht vor der Scheidung Unterhaltung auf höchstem psychologischem Niveau: "gelassen und leidenschaftslos, furchtlos und erhaben" erzählt wie der Lebensrückblick seiner Hauptfigur. --Isa Gerck -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Ein Liebes-Beziehungs-Drama am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, psychologisch tieflotend und brillant erzählt.« Focus

Kurzbeschreibung

Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe. Und ich bin gekommen, weil ich dir alles erzählen will.« Mit dieser verzweifelten Eröffnung beginnt das nächtliche Gespräch zwischen dem Richter und seinem späten Gast. – Erschöpft ist Christoph Kömüves mit seiner Frau von einer Gesellschaft heimgekehrt. Und als sei die tiefe Unruhe, die an diesem Abend auf ihm lastet, nur eine unerklärliche Vorahnung, erhält er überraschend Besuch von einem Gefährten aus Jugendzeiten: Imre Greiner, dessen Ehe mit der schönen, verwöhnten Anna Fazebas er am folgenden Morgen würde lösen müssen, bittet ihn zu sprechen. Kömüves ist dem Freund seit Jahren nicht mehr begegnet. Doch der angesehene Arzt kommt ohne Umschweife zur Sache, und er sucht Antwort auf eine Frage, die nur der Richter ihm geben kann. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Sándor Márai, 1900 in Kaschau (Košice, heute Slowakei) geboren, lebte und studierte in verschiedenen europäischen Ländern, ehe er 1928 als Journalist nach Budapest zurückkehrte. Er verließ Ungarn 1948 aus politischen Gründen und ging 1952 in die USA, wo er bis zu seinem Freitod 1989 lebte. Mit der Neuausgabe des Romans »Die Glut« (1999) wurde Márai als einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Zuletzt erschienen die Romane »Die Gräfin von Parma«, »Wandlungen einer Ehe« und »Die Nacht vor der Scheidung«. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Auszug aus Die Nacht vor der Scheidung von Sandor Marai, Margit Ban. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Zu Anfang September war es noch sehr heiß. An einem solchen Frühherbstnachmittag, der von Sonne durchglüht war, studierte der junge Richter Christoph Kömüves in seinem Amtszimmer die Akten der Scheidungsprozesse.

Ein Fall erregte seine besondere Aufmerksamkeit, weil er das Ehepaar, das am nächsten Tag geschieden werden wollte, persönlich kannte. Der Ehemann, ein bekannter junger Arzt, Leiter des Laboratoriums einer hauptstädtischen Heilanstalt, war sein Schulkamerad gewesen. Sie hatten zusammen die Unterprima besucht und einander auch später noch bei geselligen Anlässen des Universitätslebens, bei Bällen und Versammlungen getroffen. Der Richter hatte stets gern an diesen bescheidenen, stillen, fast schüchternen Schulgenossen zurückgedacht. Jetzt, als er die Akten durchblätterte, stand die Gestalt des Arztes klar vor ihm: Er sah wieder den zwei- oder dreiundzwanzigjährigen jungen Mann, wie er bei einem längst vergangenen Universitätsball in der prächtigen Halle eines großen Hotels herumstand und mit belegtem Lächeln und der hilflosen Geste des in der großen Welt nicht beheimateten Menschen die freundlich-herablassenden Fragen der hohen Herren beantwortete. In der Gruppe befand sich auch er, der junge Rechtspraktikant, der plötzlich Sympathie für den schon fast vergessenen Schulkameraden empfand.

Dies war der Augenblick einer jäh aufflammenden, durch nichts begründeten Zuneigung. Dann jedoch, als wären sie durch unüberwindliche Schranken getrennt, gingen sie mit wenigen oberflächlichen Worten und höflichem Lächeln aneinander vorbei. Die unbeholfenen und zaghaften Annäherungsversuche wiederholten sich: Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der Straße, begrüßten sich freundlich, wußten aber zugleich, daß auch diese Begegnung nur zu einem flüchtigen Händedruck und einigen verlegen gestammelten Worten führen würde, obgleich sie über mehr und »anderes« sprechen wollten.

Worüber eigentlich? Der Richter verlor sich in Gedanken und trat versonnen ans Fenster. Vom Gefängnishof drang das Rumpeln eines Lastwagens zu ihm hinauf. Er hörte die Befehle der Gefängniswärter, dann den dumpfen Fall schwerer Gegenstände, wahrscheinlich waren es Säcke. Diese Zeichen menschlicher Betriebsamkeit drangen in die Stille seines Amtszimmers, dessen Fenster gegenüber der von kleinen Luftlöchern unterbrochenen Feuerwand des Gefängnisses lag. Er, als ein im Rang untergeordneter, am Anfang seiner Laufbahn stehender Beamter, hatte vorerst diesen wenig komfortablen, im Sommer stickigen, an Winternachmittagen schon frühzeitig dunklen Raum erhalten. Die straßenseitig gelegenen größeren Zimmer wurden von den älteren und höhergestellten Beamten genutzt, und er hielt dies auch für durchaus angemessen. Ja, nun sah er es deutlich, im Hofe hoben Gefangene Säcke von einem Lieferwagen und verschwanden mit ihrer Last auf den Schultern im Gänsemarsch hinter der Falltür des Untergeschosses.

Der Richter arbeitete bereits seit drei Jahren in diesem Zimmer und beobachtete täglich einige Minuten lang das Leben und Treiben dort unten. Die Sträflinge wurden zum Spaziergang auf diesen Hof geführt, die Angehörigen der Verhafteten und Verurteilten eilten in der Besuchszeit hierher, und dies war auch der Weg der Gefangenen, wenn sie zum Verhör oder zur Verhandlung ins Gerichtsgebäude bestellt waren. Bis zum Überdruß kannte Kömüves die eintönige Melodie dieser traurigen, düsteren Welt, aber es verging trotzdem kein Tag, an dem er sich nicht ans Fenster gestellt und dem Treiben eine Weile zugesehen hätte, als wollte er sich immer wieder vom Gleichmaß des Geschehens überzeugen. Das Leben im Gefängnishof schien ihm wie der Betrieb in einer Fabrik, in der sich täglich, auf die Minute genau, dasselbe vollzieht – und vielleicht ist das Vollzogene gar nicht so furchtbar, wie der Außenstehende meint; es ist vielleicht nur traurig und hoffnungslos. Immer wenn er die Feuerwand des Zuchthauses und den mit Eisentüren gesicherten Hof sah, überkam ihn dieses Gefühl.

Imre Greiner, Doktor Imre Greiner, dachte er zerstreut, denn so hieß der Arzt, der sich jetzt von seiner Frau scheiden lassen wollte. Kömüves las noch einmal aufmerksam die Personalien des Arztes, suchte nach gemeinsamen Erinnerungen. Doktor Greiner stammte aus Oberungarn, seine Vorfahren waren von Deutschland eingewandert. Er war, obwohl ein Mitschüler von Kömüves, ein halbes Jahr älter und bereits im Juni achtunddreißig geworden, während der Richter erst im Dezember Geburtstag hatte, was ihn, ohne daß er es hätte begründen können, ein wenig verstimmte.

Auch das Alter der Frau überraschte ihn. Frau Imre Greiner, geborene Anna Fazekas, war schon über dreißig. Er rechnete nach und überließ sich seinen Gedanken. Nun, da Menschen von Fleisch und Blut aus den Akten heraustraten, entsann er sich auch verschiedener Begebenheiten. Zum Beispiel eines besonders heißen und schwülen Sommertages vor neun Jahren, als er auf der Margareteninsel – jener reizvollen Insel inmitten der Donau zwischen den beiden Ufern von Buda und Pest – dem Mädchen Anna Fazekas begegnet war. Damals hatte sie wohl Doktor Greiner noch nicht gekannt, er zumindest wußte nichts von einem Verlöbnis. So wanderten sie eines Abends, gemeinsam mit Annas Freundin und deren Vater, nebeneinander auf dem Inselpfad. Christoph Kömüves trug Annas Tennisschläger, blau und weiß gestreift war ihr Sommerkleid, dunkel beschattet der Weg, auf dem sie gingen und über einen Ausflug auf der Donau sprachen. Im Schein einer Bogenlampe betrachtete er ihr Profil, ihr Antlitz, das sich ihm in der schwachen Beleuchtung zugewandt hatte, und er hörte ihre Stimme, die weich und zärtlich war – aber vielleicht bildete er sich diese Sanftheit, den unbestimmten, schwebenden Ton in ihrer Stimme auch erst jetzt, nachträglich, ein. Vor dieser Begegnung hatte er sie nur zwei- oder dreimal gesehen. Ihr Vater war Schulinspektor in der Provinz gewesen. Nach seiner Pensionierung war er mit der Familie nach Budapest gezogen. Schon vordem aber war das Mädchen in einem Pensionat in der Hauptstadt erzogen worden.

Worüber sprachen sie damals eigentlich? Er erinnerte sich der Worte nicht mehr, aber die Stimme des Mädchens – sie war doch weich und zärtlich gewesen – klang ihm auch jetzt noch im Ohr... Sie waren dann eine Zeitlang schweigend auf den dämmrigen Wegen gegangen, bei einer Biegung war er stehengeblieben, und sie hatte sich ihm sofort zugekehrt, als wollte sie etwas sagen. Aber wortlos waren sie dann weitergewandert bis zur Brücke, wo sie voneinander Abschied nahmen.

Am nächsten Morgen fuhr er auf Urlaub, blieb vier Wochen in einem österreichischen Kurort und lernte dort seine Frau kennen, die er dann im folgenden Jahr heiratete. Während der Monate, in denen er seiner zukünftigen Frau schon den Hof machte, verkehrte er noch in der Gesellschaft und bei Familien mit erwachsenen Töchtern – jedoch glaubten die interessierten Mütter und Mädchen durch ihren geheimnisvollen weiblichen Nachrichtendienst bereits zu wissen, daß er verlobt sei. Während dieser Zeit sah er Anna Fazekas wieder. Eine auffallend schöne Gestalt hatte dieses Mädchen, vielleicht war sie sogar eine Schönheit? Der Richter blickte wieder auf den Hof hinab, als suche er jemanden; nun war der Lieferwagen leer, und die Gefängniswärter begleiteten die letzten der beiden Lastenträger zu der Eisentüre. Kömüves sah noch, wie sich das Tor hinter ihnen schloß, dann kehrte er zu den Akten zurück.

Die Unterlagen entsprachen den gesetzlichen Vorschriften. Die Eheleute hatten sechs Monate lang getrennt gelebt und verlangten die Scheidung der Ehe wegen »böswilligen Verlassens«.

Der Richter kramte aus der unteren Lade seines Schreibtischs eine Schachtel mit selbstgedrehten Zigaretten hervor und füllte sein ledernes Etui. Einer anderen Lade entnahm er eine bessere Sorte, die eigentlich nur seinen Besuchern zugedacht war – denn er selbst begnügte sich mit den billigen, die Hertha und das Kinderfräulein zu Hause drehten –, jetzt aber ging er in Gesellschaft und würde vielleicht anbieten, also gab er für alle Fälle noch einige mit goldenem Mundstück in die Tabatiere. Er ordnete sie in eines der Fächer ein und bedachte dabei, daß diese kleinen, gefälligen Verpflichtungen jenen geringen Gehaltsüberschuß aufbrauchten, durch den sein und seiner Familie Leben etwas bequemer, ruhiger und ökonomischer hätte gestaltet werden können. Er begnügte sich mit billigem Tabak, und er hätte sich auch mit einfacherer Kleidung, bescheidenerer Wohnung begnügt. Die repräsentativen Zigaretten mit goldenem Mundstück war er der Welt schuldig!

Dieser Überlegungen war er allmählich überdrüssig, und jetzt, da sie ihm wieder einfielen, weil er an einer Gesellschaft teilnehmen wollte, bei der er pflichtgemäß zu repräsentieren hatte, seufzte er kurz auf und lächelte verbittert. Er seufzte, weil ihm die meisten gesellschaftlichen Pflichten lästig waren, und er lächelte, weil er wußte, daß er an alldem nichts ändern konnte. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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