Wenn erfolgreiche Romanautoren hierzulande Kurzgeschichten veröffentlichen, hat das irgendwie immer den Beigeschmack einer verlegenen Schreibübung, der behelfsmäßigen Überbrückung einer Roman-Sendepause oder vergeblichen Bemühungen des Verlags, mediale Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Man könnte fast meinen: Kurzgeschichten können keine Bestseller werden, ihr literarischer Wert ist irgendwo zwischen einem Artikel aus der Schülerzeitung und dem wöchentlichen Fortsetzungsroman in der Fernsehzeitschrift anzusiedeln. Dieses (Vor-)Urteil, sofern es denn überhaupt prinzipiell berechtigt ist, widerlegt Clemens Meyer für sich selbst höchst schlagkräftig. Die Vorfreude auf "Die Nacht, die Lichter" konnte gar nicht groß genug sein nach dem melancholischen Porträt einer Leipziger Gruppe von verlorenen Jugendlichen zur Wendezeit namens "Als wir träumten". Meyer erstickt die Befürchtungen, man habe es mit einem "One-Hit-Wonder" zu tun, im Keim.
Auch in "Die Nacht, die Lichter" verschreibt sich Meyer ganz den Verlierern der Gesellschaft: Kriminelle, Übergewichtige, Hartz-IV-Empfänger, Witwer, Schläger, Alkoholiker - sie alle bekommen die Einsamkeit und Trostlosigkeit zu spüren, die ungefilterte soziale Kälte. Sie sind Außenseiter. Meyer hat sich durch die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen schon in "Als wir träumten" eine Nische, eine Marktlücke geschaffen. Sonst bekommt man zu gesellschaftlichen Randfiguren vorwiegend Statements von Politikern oder akademischen Feuilletonisten aus dem Elfenbeinturm zu hören. Doch eine Kurzgeschichte aus Meyers Feder genügt, um solche Äußerungen als selbstgefällig, zynisch und herablassend zu entlarven.
Im Gegensatz zu vielen Links-Politikern glorifiziert Meyer jedoch auch nicht die andere Seite, die Rebellion gegen das System, das Leben ohne Leistung, das Nichts-Tun als tauglichen Lebensentwurf - all das erfährt hier eine gründliche Desillusionierung. So ist auch der Traum von Kuba in der Geschichte "Warten auf Südamerika" lediglich ein künstlicher Fluchtort ohne Perspektive; und Rebellion, nun ja, die findet ohnehin kaum statt in Meyers Welt. Seine Protagonisten - und das kommt der Wahrheit vermutlich näher - sind stattdessen zur Auflehnung, zum Kampf gegen das System schlicht und ergreifend zu müde.
Stilistisch ist Meyer ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Seine lakonische Schreibe legt jede Schwachstelle eines Charakters offen. Abgebrochene Sätze, Verlegenheits-Dialoge, aus dem Zusammenhang gerissene Erinnerungsfetzen, die allesamt Hilflosigkeit und Unsicherheit konnotieren. Meyers Figuren sind von einer Fehlbarkeit, die in Grisham-Romanen keinen Platz findet. Jede Geschichte hat eine Pointe, eine Doppeldeutigkeit, die zu Spekulation und Interpretation einlädt. Erdrückend der verzweifelte Versuch des Erzählers in "Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe", sein Verhalten nur selektiv zu offenbaren, sich ständig vor dem Leser zu rechtfertigen, grausames zu relativieren und die unfassbare Wahrheit aus Scham, Angst und Verantwortungslosigkeit bis zum bitteren Ende zu verdrängen, um nicht zu sagen: zu leugnen.
Meyer hat eine Sammlung an Kurzgeschichten vorgelegt, die in ihrem Stil und in Bezug auf die genaue Beobachtung einer gesellschaftlichen Gruppe - es geht tatsächlich nicht eine Nummer kleiner - an Wolfgang Borchert erinnert. Und nebenbei den vielleicht wichtigsten Beitrag zur "Unterschichts"-Debatte geleistet - wichtiger jedenfalls als das Meiste, was man im Feuilleton dazu lesen kann.