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Produktinformation
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Aber es gibt in den fünf Erzählungen auch ein Element des Tiefgründigen, Unheimlichen, das sie so besonders interessant macht. In "Der Stab Moses" beispielsweise kauft ein junger Filmstudent auf dem Flohmarkt eben jene Filmrequisite, mit der Charlton Heston als Moses das Rote Meer teilte. Als er den Stab zum Mittelpunkt eines Kurzfilms machen möchte, gerät er in eine lebensbedrohliche Situation, aus der ihn ausgerechnet die biblische Requisite rettet.
Am beeindruckendsten ist die scheinbar autobiografisch geprägte Geschichte eines von der englischen Sprache faszinierten Schülers, der bei einer jungen Engländerin Stunden nimmt, um die Prosa Edgar Allen Poes im Original genießen zu können. Er verfällt dann ebenso der jungen Frau wie den düsteren Geschichten Poes, wobei es Roth meisterhaft gelingt, die verschiedenen Ebenen -- das Grauen der Lektüre, die Erotik der weiblichen Nähe und die Faszination der Sprache -- mit leichter Hand zu verknüpfen und zu einem verblüffenden Ende zu führen.
Mit Die Nacht der Zeitlosen gelang Patrick Roth ein sehr ungewöhnliches und glänzend geschriebenes Buch, das nur einen Nachteil hat: Es ist leider sehr schnell ausgelesen. --Christian Stahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Herz der Finsternis
Patrick Roths Triptychon «Die Nacht der Zeitlosen»
Wie lange dauert eine Nacht? Bis dreimal der Hahn kräht, 1001 Erzählung, einen Blick in die Hölle, elf Stunden lang? In Patrick Roths neuem Prosaband wird die Spanne zwischen sundown und sunrise mit fünf Geschichten gefüllt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben ausser dass diese «Nacht der Zeitlosen» ein ganz besonderes Datum trägt: Die Nacht vom 16. auf den 17. Januar 1994 nämlich, als Los Angeles von einem Erdbeben fast zerstört wurde. Es ist der apokalyptische earthquake, auf dessen Folie der amerikanische Regisseur Robert Altman in seinem Film «Short Cuts» jene neue Erzählform lose verknüpfter Alltagsgeschichten entwickelte, die das alte poetische Reigenmotiv nach Hollywood heimholte.
Heilsgeschichte und Hollywood
Doch abgesehen von diesem fixen historischen Datum ragen Patrick Roths Storys in eine mythische Zeit. In ihr werden christliche Topoi mit den dunklen Mysterien Poes, dem Märtyrertod Kennedys und dem europäischen Judenmord kurzgeschlossen und diese mit den nicht eben bescheidenen Motiven von Schuld und Verrat, Initiation, Liebestod und Erlösung vielfach verzahnt. Heilsgeschichte und Hollywood also, in einer gewagten und gleichwohl unprätentiösen Mischung.
Ja, viele Spuren legt Patrick Roth, der 1957 in Freiburg im Breisgau geboren wurde und seit 1975 in Los Angeles lebt. Mit einer Art Christus-Trilogie sowie einem Versuch über Charlie Chaplin hat er schon in seinen letzten Büchern das Land der Bibel und das Stammland des Kinos zur Stätte der Offenbarung erklärt. In der Geschichte «Der Stab Moses'», die in dem neuen Triptychon von Sonnenuntergang, Finsternis und Sonnenaufgang in der Mitte rangiert, wird nun ein Bibel-Schinken der fünfziger Jahre zum Menetekel. Bei einem garage sale einem privaten Flohmarkt erwirbt der Erzähler am Hollywood-Boulevard einen schmucklosen Holzprügel, und der vergleichsweise hohe Preis, den er dafür bezahlt, ist das Entgelt für den kindlichen Glauben, es handle sich bei dem Stock um ein Requisit aus DeMilles Film «Die zehn Gebote».
Natürlich ist man in Hollywood gerne an Wunder zu glauben bereit. Und dass Los Angeles eine Stadt ist, in der die Wüste immer noch durchscheint, kann den Hang zur Bildung alttestamentarischer Legenden kaum schmälern. Es gehört aber zu der Kunst des Erzählers Patrick Roth, dass er aufgedonnerte Parallelen nicht nur vermeidet, sondern seine Motive elegant auf alltägliche Dimensionen herunterhandelt. Auch wenn der Stab Moses' dem Helden und seiner Geliebten bei einem nächtlichen Wohnungsbrand den Weg aus dem Flammenmeer weist, steht es dem Leser doch frei, an einen Zufall genauso zu denken wie an ein biblisches Wunder.
Filmische Stilmittel Es ist aber noch etwas anderes, das die mysteriösen Geschichten des Patrick Roth von der metaphysischen Hochrüstung eines Botho Strauss oder dem poetischen Fundamentalismus Peter Handkes massgeblich unterscheidet nämlich die filmischen Stilmittel, die Roth in fünf unterschiedlichen Variationen Kamerazoom, Zeitlupe, Action, Rücklauf, Abspann exemplarisch durchdekliniert. Es beginnt, bei sundown, mit einem Film im Film, als Mr. Talmadge, die Hauptfigur der ersten Erzählung, aus einem bösen Fiebertraum aufwacht. Durch das Fenster hört man das Plätschern des Swimmingpools und «kleine Schreie», so dass der imaginäre Blick gewissermassen mit einem Kameraschwenk über den Beckenrand gleitet, wo zwei Weinkühler «rotfeucht» glühen. Um dann «irgendwas Wirkliches, dachte Talmadge, und presste den Lautstärkeregler nach oben» beim Channelhopping auf Kanal 34 an einem Vierziger-Jahre-Bild hängen zu bleiben:
Da sass Ronald Colman in einer schwarzweissen Studiolandschaft vorm Teichufer, war eingeschlafen, an eine Ulme gelehnt, während die Kamera wie auf Zehenspitzen von ihm zurückwich, immer weiter zurück, auf den spiegelglatt schattenfleckigen Teich hinaus, bis der Kameramann zwei Baumsilhouetten fand, die das Bild von den Rändern her dunkel fassten und unter verschlungener Ästekuppel gleichsam beschützten.
Der Schläfer im Film erwacht, wie der stille Beobachter, in einen zweiten Traum, bevor er, nach einem Verkehrsunfall, der Nacht des Gedächtnisverlusts anheim fällt und Talmadge mit ihm. «Amnesie. Das hiess Weltuntergang», und ein erstes zaghaftes Beben kündet ihn an. Da «sah er in einer Schau von Sekunden die bodenlose Verheerung, die allem bevorstand. Im selben Moment wusste Talmadge: Es ist wegen mir. Damit ich mich nicht mehr entferne.» Ist Talmadge eine reanimierte Christusfigur?
Zumindest ist der Kreuzweg im Tiefenfokus dieses von den Rändern her dunkel gefassten Altarbildes erkennbar bis zu einer Art Gotteserscheinung und Auferstehung am Schluss. Doch die Erzählungen eröffnen zwischen Abenddämmern und Morgengrauen immer auch weltliche Bühnen, wie beispielsweise die erotische Szenerie einer zweisamen Lektüre von Poes abgründiger Geschichte «Das verräterische Herz». Man liest Roths gleichnamiges Stück buchstäblich mit angehaltenem Atem: so suggestiv ist der Spannungsaufbau, so dicht wird der Leser ans pochende Herz des Erzählers geführt. Roth beherrscht die subtile Entfaltung einer tastenden Wahrnehmung ebenso wie den Kunstgriff einer halsbrecherischen Beschleunigung, doch das klopfende Herz, welches der Mörder in Poes Erzählung unterm Dielenboden vernimmt, verrät sich in all diesen so hellhörigen wie echoreichen Geschichten.
Als Kind, heisst es in der Titelgeschichte, habe sich der Erzähler von einem Freund oft mit geschlossenen Augen in den verdunkelten Kinosaal führen lassen und sie bis zu Filmbeginn nicht geöffnet, um so ungestört der Vorstellung erliegen zu können, «der Film gehöre zur selben Wirklichkeit und sei durch nichts als einen verlangsamten Wimpernschlag von mir getrennt». Es ist aber kein artistischer Mutwillen, wenn die Spanne zwischen Wahrnehmung und Illusion, Kino und Kirche, sundown und sunrise in diesen fünf lose verknüpften Geschichten 1001 Nacht und einen verlangsamten Wimpernschlag dauert.
Andrea Köhler -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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