Winter auf den Shetland-Inseln: Die 16-jährige Catherine Ross wird kurz nach Neujahr auf einem Feld im Schnee erdrosselt aufgefunden, umbringt von Raben.
Als Schuldigen sehen die Insulaner sofort den alten Einsiedler Magnus Tait, dem vor mehreren Jahren schon einmal zugeschrieben wurde, etwas mit dem mysteriösen Verschwinden der kleinen Catriona Bruce zu tun gehabt zu haben, dem jedoch nie etwas nachgewiesen werden konnte.
Catherine Ross war mit ihrer besten Freundin Sally Henry in der Silvester-Nacht - nach einer großen Party - bei Magnus Tait vorbeigeschneit, um dem alten Mann ein frohes neues Jahr zu wünschen. Am Folgetag wurde Magnus von Fran Hunter, die auch die Leiche von Catherine fand, dabei beobachtet, wie er mit Catherine gemeinsam aus dem Bus stieg und Richtung Hillhead ging, wo Magnus wohnt und das direkt neben dem Feld liegt, auf dem Catherine später ermordet aufgefunden wurde.
Ist Magnus wirklich der Täter? Hat der Mord damit zu tun, dass die zugezogene Catherine für ein Schulprojekt einen Film über die Shetlander drehen wollte? Hat sie etwas gefilmt, was sie nicht hätte filmen sollen? Hat sie ein Geheimnis aufgedeckt? Ist es Zufall, dass beide Mädchenvornamen mit "C" anfingen?
Diesen Fragen geht Detective Inspector Jimmy Perez nach, der - sein Nachname deutet es schon an -, genau wie Catherine unter Integrationsproblem und Einsamkeit auf Shetland litt.
Das Thema Einsamkeit zieht sich sowieso wie ein roter Faden durch das Buch: Die alleinerziehende Fran Hunter, die ihrer Tochter Cassie zu liebe nach Shetland zog, damit diese näher bei ihrem Vater lebt. Mr. Ross, Catherinse Vater, der seiner vor Kurzem an Krebs verstorbenen Frau nachtrauert und dadurch völlig aus dem Blick verliert, was Catherine eigentlich so neben der Schule treibt... bis er sie schließlich auch verloren hat.
Sally Henry, Catherines beste Freundin, die als Tochter der Grundschullehrerin immer eine Außenseiterin war, weil sie von Gleichaltrigen gemobbt wurde. Magnus Tait, der nach dem Tod seiner Schwester und seiner Mutter ein Einsiedlerleben führt und von den anderen Insulanern quasi nur noch geduldet wird.
Ganz besonders gefallen - neben Jimmy Perez - haben mir dabei die Kapitel, die sich um Catherines Freundin Sally Henry drehen, mit der man sich als Leser sehr gut identifizieren kann.
Auch Fran Hunter hat mir sehr gut gefallen.
Und so lebt dieser Krimi weniger von seinem Plot, der dennoch spannend bis zur letzten Seite ist und dann mit einer grandiosen Auflösung endet, die genauso überraschend wie plausibel ist, sondern von seinen Figuren. Ann Cleeves, die für Die Nacht der Raben 2006 mit dem Duncan Lawrie Dagger Award, einem der hochdotiertesten Preise der Kriminalliteratur, ausgezeichnet wurde, lässt uns in jedem Kapitel an den Gedanken und Gefühlen einer Figur teilhaben, sodass man manche Handlungen nochmal parallel aus anderer Sichtweise erlebt. Sie haucht den Figuren leben ein, eine große Backstory, ohne dabei zu sehr ins Nebensächliche abzudriften.
Genau das hat mir daran gefallen, man taucht so richtig tief ein in das Beziehungsgeflecht auf Shetland, einer Gemeinschaft, wo quasi jeder jeden kennt, aber unter der Oberfläche jeder ein dunkles Geheimnis mit sich trägt.
Hinzu kommt natürlich das tolle Ambiente, die düster-kalte Atmosphäre einer winterlichen Insel-Isolation.
Das Finale findet übrigens statt beim Up Helly Aa, einem Wikinger-Fest auf Shetland, das jeden letzten Dienstag im Januar stattfindet und zeigt, dass die Shetlands kulturell nicht nur durch Schottland, sondern vor allem auch durch die Zeit geprägt wurde, als die Inselgruppe ein Teil Skandinaviens war.
Die Nacht der Raben ist der erste Roman von Ann Cleeves Shetland-Quartett. Jeder Krimi soll eine Jahreszeit auf den Shetland-Inseln abdecken. Ob jeder davon - den sehr einfühlsam und menschlich ermittelnden - Jimmy Perez als Protagonist und Ermittler beinhalten wird, ist wohl noch nicht bekannt. Fakt ist aber, dass Ann Cleeves gesagt hat, dass sie noch mehr über Jimmy Perez schreiben möchte. Gleichzeitig begrenzt sie Reihe bewusst auf vier Bücher, jeder mit einer Jahreszeit, weil es ihr zu unplausibel und konstruiert erscheinen würde, wenn man daraus eine Endlosserie machen würde wollen, da die Shetlands nun mal ein begrenztes und isoliertes Gebiet sind.
Der zweite Shetland-Krimi, der bei uns Der längste Tag heissen wird, erscheint im Juni 2008, also ein gutes halbes Jahr nach Erscheinen des ersten Shetland-Krimis in Deutschland.
Ich bin darauf schon sehr gespannt, freue mich auf ein Wiedersehen mit Jimmy Perez und eventuell auch einigen anderen wiederkehrenden Charakteren.
Ich kann Die Nacht der Raben wirklich nur jedem empfehlen, der gerne Krimis liest, die nicht vor Action strotzen, sondern durch die vielschichten und nahe bringenden Figuren motiviert werden sowie eine kalte, düstere Insel-Atmosphäre haben.