Yasmine Ghata Die Nacht der Kalligraphen
Meridiane Ammann ISBN 3250600865
Ungewöhnlich beginnt diese kleine Erzählung von Yasmine Ghata.
Rikkat, eine berühmte türkische Kalligraphin, beginnt mit dem Bericht über ihren eigenen Tod, um dann über ihr Leben zu erzählen.
Sie war eine der wenigen weiblichen Kalligraphinnen in Istanbul, denn diese Arbeit war eigentlich den Männern vorbehalten.
Kalligraphen sind Protokollanten der Worte Gottes, hier des Islam. Sie waren Priestern gleich gestellt, umgeben von einem Nymbus der Heiligkeit und ausgestattet mit Rezepturen für ihre kalligraphischen Arbeiten wie Tinte, Feder und Vorbereitung des Papiers, die nur Eingeweihte durch die Überlieferung kannten.
Die Erzählung beginnt geheimnisvoll. Manches klingt wie ein Traum, so als sei die Kunst von göttlicher Eingebung beflügelt.
Derwischen gleich erscheinen die Toten den Lebenden, um sie zu belehren.
Mit Attatürk veränderte sich die Türkei. Die arabische Sprache wurde abgeschafft und die traditionelle Kunst der Kalligraphie verlor an Bedeutung.
Umso aufregender ist die Geschichte von Rikkat, die mit außergewöhnlichen Gaben beschenkt war und in stiller aber überschwänglicher Liebe für diese Kunst wie geschaffen schien. Sie durfte als einzige weibliche Lehrerin diese Kunst unterrichten.
Was wie eine Geschichte der Mystik beginnt, geht über in eine ganz reale Lebensgeschichte mit dramatischen und widersprüchlichen Gegenwartsbezügen.
Da geht es um Ehen ohne Liebe, Abschiede und Trennungen, die den ganz alltäglichen irdischen Schmerz heutiger Lebensgeschichten widerspiegelt. Damit leitet die Autorin über in die heutige Welt, in der es in der Türkei neben der Zwangsheirat die Ehescheidung und den Kampf um Kinder gibt. Diese Passagen sind ungewöhnlich liebevoll und empfindsam geschrieben.
Yasmine Ghata hat mit ihrem Roman vor allem ihrer Großmutter ein Denkmal gesetzt, einer der wenigen Kalligraphinnen der türkischen Geschichte.
Ghata schreibt eine blumenreiche und poetische Sprache, die zunächst dem Inhalt nach befremdlich wirkt. Die Informationen über islamische Kunst und die Kalligraphie macht neugierig und man möchte mehr darüber erfahren.
Dieses Buch öffnet Türen, sich der Welt des Islam abseits vom politischen Alltag einmal ganz aus der Sicht der Kunst zu nähern. Ein schönes, lesenswertes und Völker verbindendes kleines Buch, das man dem interessierten Leser gerne empfehlen möchte.