Darf man Hitler zur Witzfigur machen? -- Rhetorische Frage, denn keine Geringeren als Charles Chaplin und Ernst Lubitsch haben es fürs Medium Film bewiesen: Man darf, wenn nicht sogar soll, aber nicht mit Klamauk, sondern mit todernster Analyse im Narrengewand. Herbert Rosendorfer beantwortet die Frage fürs Medium Buch mit einem ebenso klaren "Ja". Und das, obwohl Hitler auf der allerobersten Handlungsebene nur eine lächerliche Nebenfigur ist. Vielleicht aber auch gerade, weil er zur lächerlichen Nebenfigur degradiert wird.
Hitler als feiger, rückgratloser, bestechlicher, den Süßigkeiten grotesk ergebener Drückeberger: "Die Nacht der Amazonen" beginnt damit, dass ein heruntergekommener Kriegsinvalide 1919 einem notorischen Zechpreller, vom Hausknecht "der Brüller" genannt, sein Eisernes Kreuz verscherbelt, samt zugehöriger Blanko-Verleihungsurkunde. Fünf Mark hat's den Brüller gekostet, immerhin. Im weiteren Verlauf taucht der Invalide nicht mehr auf, dafür aber umso markanter der "Brüller", der im Laufe der Zeit folgenreich führen wird, freilich ohne dem Brüllen abzuschwören. Und dem Hausknecht, der den Brüller gerade aus dem Wirtshaus hinausgeworfen hat, wird man viele hinterlistige Seiten lang dauernd begegnen: Er ist nämlich die Hauptfigur des Romans, heißt unauffällig Christian Weber und kennt nun Hitlers gutgehütetes Geheimnis, wie er zum Eisernen Kreuz gekommen ist. Im Laufe des Romans wird er außerdem noch so manch anderes Geheimnis profitabel zu nutzen wissen.
"Die Nacht der Amazonen" verfolgt die Karriere eines prototypischen Nazis von den 20er Jahren bis zu seinem banalen Ableben kurz nach Kriegsende. Man liest, wie eine nicht nur äußerlich abstoßende Knallcharge stets weiß, wie er zu seinem Vorteil kommt, egal unter welchen Bedingungen: Eisners Räterepublik oder gescheiterter Nazi-Putsch; Inflation oder politisch relativ stabiles Interim während der 20er Jahre; Weltwirtschaftskrise oder "Machtergreifung"; "Nacht der langen Messer", "Arisierung", "Reichskristallnacht" oder Zweiter Weltkrieg incl. höchst profitlich in die eigene Tasche gelenkte Kriegswirtschaft -- Weber etabliert sich, steigt auf und riecht stets, wo es was zu holen gibt. Vermutlich hätte er's auch unbehelligt ins Wirtschaftswunder geschafft, aber gerechtigkeitsstiftende Böschungen kann man garnicht genug würdigen.
Nein, nicht ich habe hier soeben das Romanende angedeutet, sondern der Autor nimmt es selber im Roman vorweg. Spannend ist er dennoch bzw. eben deswegen, der Roman, denn es geht um ganz anderes: Es geht ums "wie", und das "wie" hat's in sich -- wie immer, wenn Rosendorfer die Finger an der Schreibmaschine hat. Aber im Gegensatz zu so manch anderem schwergewichtig Anspruchheischendem liest sich dieser Roman höchst unterhaltsam, trotz seines Themas.
Die deutsche Geschichte, diesmal als Sittengemälde bzw. Sittencollage: Christian Webers steiler Aufstieg, vom Kaschemmen-Hausknecht zum Pferdehändler zum Kaufmann zum Stadtrat und so weiter, findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist eingebettet in Münchner Stadtgeschichte, Lokalkolorit und exakte Topographie. Etliche historische Personen, lokale Nazi-Granden zumal, begleiten Webers fiktiven (und dabei nur allzu plausiblen) Werdegang, dazu erfundene und womöglich wahre Anekdoten rund um den Münchner Sumpf. Daneben liefert Rosendorfer veritable Psychogramme verschiedener Täter-Typen, führt die Schibboleths diktatorischen Sprachgebrauchs ad absurdum, verdeutlicht überhaupt viel allein schon dadurch, dass er seine Romanfiguren authentisch sprechen lässt (und der Bildungsbürger darf auch schonmal Odalisken mit Obelisken verwechseln...). Wie sagt's eine von Webers Huren so treffend: "Alle wissen von allen gewisse Dinge. Das schweißt sie, sagt mein Weber, zu einer unverbrüchlichen Gemeinschaft zusammen. Blutbann heißt man das oder so ähnlich."
Dass man unterm Lesen vor lauter Begeisterung nicht merkt, wie raffiniert durchdacht das alles aufgebaut ist, ist bei diesem Autor zwar nichts Neues, aber sogar er geht selten derart scharfsinnig vor. Es ist das Spiel mit den verschiedenen Perspektiven und Inszenierungen, die den Leser haargenau dahin dirigieren, wohin Rosendorfer sie haben will. Die "Nacht der Amazonen" liest sich nicht nur wie ein grandioser Roman, sondern auch wie eine Steilvorlage für ein Hörspiel der allerobersten Liga: Formal aufgebaut ist der Roman durch ein Wechsel einander kommentierender und kontrastierender Nahaufnahmen.
Wie ein narrativer roter Faden referiert ein Kommentator mit ungerührtem Scharfblick und mit bitterbösen politischen und soziologischen Überlegungen das Geschehen, und natürlich liest sich das bei Rosendorfers scharfer Zunge nicht wie ein Hauptseminars-Referat, sondern... à la Rosendorfer eben. Mit einem "gegen Robespierre war Calvin der reinste Sittenstrolch" ködert er am Kapitelanfang seine Leser, und sie sollten nicht zögern, sich ködern zu lassen, weil man selten so pointiert formulierte Meinung zu lesen bekommt. Es geht in diesem Exkurs um einen möglichen Zusammenhang zwischen der Prüderie der Diktatoren und ihrer Machtgier. Über das Thema referiert ein höchst belesener und scharfsinniger Autor, der seine Worte zu setzen weiß wie nur sehr, sehr wenige andere. En passant nimmt er auch gleich die Bauchlandungen pompöser Diktatorendiktion nach Strich und Faden auseinander: "Asketik [...] verdichtete sich [...] in der Figur des Führers Schicklgruber [d.i. Hitler], des einsamen düsteren Wolfes, der -- um, wie es damals üblich war, ein falsches Bild über das andere zu häufen -- wie ein steinerner Aar über seinem Volk schwebte, ruhelos, aber dennoch wachend, daß nicht jüdisch-bolschewistisch-plutokratische Schmutzkrallen ihre gierigen Saugnäpfe..." So geht Satire! Und Wagnerfeinde dürften allein schon wegen dieses "der irdischen Liebe eines waberwohligen Weibes entsagt der wehrwillige Wolf, entschädigt nur durch die laberlodernde Liebe des Volkes" auf ihre Kosten kommen, aber freilich wird noch viel mehr geboten in diesen thematischen Vorgaben über die Glaubwürdigkeit unkritisch übernommener Zeitdokumente und Geschichtsklitterung, den Zusammenhang zwischen Diktatur und Korruption und weitere Themen.
Also zurück zum Roman-Aufbau: Das Thema dieses vielstimmigen Romans gibt ein kluger Dirigent mit viel Sinn für Akzentuierung und Dynamik vor. Die Exkurse und Erläuterungen dieses personifizierten Roten Fadens werden gespiegelt, variiert und kommentiert, mit verbalen Gemälden aufgelockert: Mal spricht ein zwischen Harmlosigkeit und Heimtücke oszillierender Zeitzeuge mit viel Talent zu und noch mehr Streben nach Selbstrechtfertigung; "schließlich konnte man das ja nicht ahnen". In das Geschehen mischt sich gewiefter Volksmund ein mit rhetorischem Hakenschlagen, dessen Logik gelegentlich fast an Karl Valentin erinnert. Und dann gibt es noch diese decouvrierenden Dialoge, mal zwischen zwei Huren über ihre Zuhälter und Kunden (der Leser kennt sie aus anderen Handlungssträngen); mal zwischen den gutbürgerlichen Biedermännern Dirrigl und Kammerlander (in anderen Zeiten wären sie wohl die belanglosen Spießer geblieben, die sie im Grunde sind), die ihre jeweilige Münchner Gegenwart beim Dackelausführen repräsentieren und in eben dieser ihrer Perspektive auch widerspiegeln; und dann auch diese Dialoge zwischen den beiden Juden Peschmowitzer und Davidsohn (hier stößt man ausnahmsweise mal auf eine Rosendorfer'sche Schusselei: der eine heißt gelegentlich auch Peschmowitz, der andere gar Blumenthal oder Zwirnberg): der eine ein Skeptiker, der andere ein Optimist. Auch sie dürften viele deutsche Juden der 30er Jahre gut repräsentieren, die sich in ihrem Patriotismus nicht ausmalen konnten, dass ausgerechnet in Deutschland ein nie dagewesener Holocaust drohte.
Einmal nimmt Rosendorfer indirekt selber Stellung zur Frage, ob eine Satire dieses Kalibers über Hitler verantwortbar ist, in eine Erörterung "Chaplin vs. Hitler" eingebettet: "der eine ein fauler Hanswurst, der versuchte, den ernsten Volksführer und Staatsmann zu spielen, so war der andere, der immer den traurigen Clown spielte, ein großer, fleißiger, ernster Künstler, vielleicht der wahre Shakespeare des 20. Jahrhunderts".
Eine würdevolle Verbeugung vor dem Großmeister Chaplin dieser Satz; eine gepfefferte Analyse der grausamen Lächerlichkeit eines Massenmörders dieser Roman.