Ein Spiel der Möglichkeiten
Cesar Airas kurzer Roman "Die Nächte von Flores" beginnt als heiter-launige Erzählung.
Aldo und Rosa sind ein nettes, höfliches, älteres Ehepaar. Sie verdienen sich im Argentinien der Wirtschaftskrise als Pizzaboten in Flores, dem mit öffentlichen Verkehrsmitteln am wenigsten erschlossenen Stadtteil von Buenos Aires, ohne Motorroller einen netten Zusatz zur Pension dazu.
Ein verschwundener Junge als Kontrapunkt. Tempowechsel, Szenenwechsel, Perspektivwechsel. Virtuos lässt Cesar Aira den Leser spüren, dass da irgendetwas ist, was er nicht bereit ist auszupacken. Noch nicht jedenfalls.
Zu später Nachtstunde Pizza bestellende Nonnen, die nur akzeptieren, dass Aldo und Rosa als Zusteller fungieren, ein schräger, sprechender Miniaturparadiesvogel und ein Literaturkritiker als lang herbeigesehnter Gast beim Staatsanwalt, der damit kämpft, einen eingebildeten Promi, der Opfer eines Verkehrsunfalls mit dem Sohn des Staatsanwaltes ist, vom Verklagen des Sohnes abzuhalten; das sind weitere Mitwirkende in diesem Spiel der verschiedenen Möglichkeiten.
Einige von Zeit zu Zeit auftauchende Indizien für schräge Auswüchse aus dem Plot versucht man noch als Einbildung abzutun, während der Roman weiter heiter erzählt wird, bevor die Erzählung in einer fast hysterisch anmutenden Coda zusammenstürzt, in der nichts mehr so ist, wie erwartet, oder erhofft, oder auch nur annähernd vermutet.
Mehr will und kann ich nicht verraten, da sonst der Moment des Kippens vorab zerstört wird und damit der erwünschte Effekt wegbleibt.
Obschon nicht alles ganz schlüssig und manches überdreht ist, so ist dieser hysterische Schluss, der ein Tempo vorlegt, das den Leser scheinbar dazu bringen will, sich fast verheddernd schnell zu lesen doch ein zwingendes und überzeugendes Ereignis; "Die Nächte von Flores" am Ende ein verrückt-skurriler Roman eines originellen Schriftstellers, den ich sicherlich weiter für mich entdecken werde.