Wow. Dieses Buch.
Eines ist gewiss, nämlich, dass es Mütter (es werden wohl vornehmlich Mütter sein, die dieses Buch lesen) polarisiert.
Genau wie Amy Chua selbst am Anfang Ihres Buches von Ihren Töchtern vorgeworfen bekommt, sie sehe alles nur schwarz und weiß, so wurde dieses Buch auch extrem schwaz und weiß in den Medien besprochen. Nicht zwingend in chinesische und westliche Mütter unterteilt, aber zumindest in stark leistungsorientierte (die das Buch lieben) und eben die anderen (die es hassen).
Ich glaube einer der wirklichen Gründe, warum man sich von diesem Buch so ungeheuer angegriffen fühlen kann, ist die Tatsache, dass man selbst, wenn man als Mutter alle Leistung der Welt von seinen Kindern fordert, diesen Leistungsbegriff und -gedanken auch in seiner eigenen Person verkörpern muss. Man muss selbst zu höchsten Leistungen angetrieben worden sein oder alleine herausragende Leistungen gebracht haben, um dem unglaublichen Druck standzuhalten, der von den Kindern über die Jahre zurückkommen wird, die immer und immer wieder die Mutter an Ihrem eignenen Maßstab messen werden.
Für Amy Chua ist das natürlich kein Problem. Mit zwei Harvard-Abschlüssen in der Tasche, einer Anstellung als Professorin für Recht an der Yale-Universität und als Autorin zweier weltweit erfolgreicher Bücher in Ihrem Fachgebiet, hat Sie schließlich die höchste Stufe intellektueller Anerkennung der westlichen Welt erreicht. Auch deshalb kann Sie von Ihren Kindern größte Leistungen fordern, da Sie selbst durch Ihre Leistung alles Denkbare erreicht hat.
Wie stellt sich dagegen die Situation dar, wenn eine halbtags berufstätige Mutter mit mittlerem Abschluß mit mittelmäßigen Noten in einem unbekannten Unternehmen nun der Tochter abverlangt keine Note unter einer 1+/1 nach Hause zu bringen und zusätzlich 6 Stunden Geige zu üben bei völliger Vernachlässigung aller sozialen Kontakte. Meiner Meinung nach liegt da ein "Ich denke gar nicht daran!!! Warum sollte ich das denn machen" - seitens des frühpubertären Kindes fürchterlich nahe.
Und genau deshalb glaube ich, dass Amy Chua dort einen wunden Punkt in uns (den westlichen Müttern) getroffen hat. Womöglich ist man deshalb so wütend, weil Sie mit Ihrem Buch einem das EIGENE Versagen so deutlich vor Augen führt, dass es uns genaugenommen unmöglich macht diese Höchstleistung von unseren Kindern zu verlangen.
Mich hat dieses Buch so inspiriert wie schon lange kein anderes mehr. Ich werde Ihren Erziehungsstil nicht komplett übernehmen, aber ich bin jetzt der Meinung, ich kann von meinem Kind deutlich mehr verlangen, als dies andere Eltern/Großeltern etc. für richtig halten. Aber vor allem anderen hat mich das Buch angespornt mich selbst zu verbessern. Seit vier Jahren hat meine Geige in Ihrem Geigenkasten gelegen - während meines Studiums unbeachtet und jetzt ist die Zeit gekommen, sie wieder rauszuholen.
Vielleicht sollten wir Amy Chuas Buch einfach als eine solche Motivation anerkennen und es nicht zu sehr in den falschen Hals bekommen. Und vielleicht sollten wir uns heute Abend, auch wenn wir hundemüde sind und uns unsere Freizeit ja so verdient haben, anstatt vor den Fernseher vor ein neues Sach-/Lehrbuch setzen. Da wird einfach ein ganz anderer Maßstab an Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitsschaft im Hause Chua angesetzt. Wer würde da nicht schlappmachen an einem Tages-/Wochen-/Monats- oder Jahresprogramm einer Amy Chua.
Ps.: Wer kann sollte dieses Buch in jedem Fall in Englisch lesen. Allein die Übersetzung des Titels erfüllt mich mit Grauen.....