Kurzbeschreibung
MIRRA ist Buch eins in MUTTERS CHRONIK. Darin wird ab Mutters Geburt und Kindheit von ihrem Hintergrund, ihrer mütterlichen Großmutter, von ihren Eltern und ihrem Bruder erzählt, einschließlich vieler ihrer außergewöhnlichen Erfahrungen. Meist wird Mutter im Original zitiert. Dieses Buch führt den Leser bis in die Zeit von Mutters Heirat im Alter von neunzehn Jahren.
Der Autor über sein Buch
Nachdem Mutter 1973 ihren Körper verlassen hatte, wandelte sich der Ashram von der Stätte eines lebendigen Experimentes zu einer stereotypen Institution. 1978 - bei der Hundertjahrfeier von Mutters Geburt - wurde Satprem aufgrund der Trilogie, die er über Mutters Leben verfaßt hatte, von den Sachwaltern des Ashrams aus diesem ausgeschlossen.
Seit 1978 leben Satprem und Sujata fern von Pondicherry, um sich vollständig der Herausgabe von Mutters Werken zu widmen und den Versuch zu wagen, ihr Experiment im Zellbewußtsein des Körpers fortzusetzen.
Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers. Alle Rechte vorbehalten.
Musikalische Wellen
"Musik, Mutter."
Der Zweite Weltkrieg lag mehr als ein Jahr hinter uns. Mein einundzwanzigster Geburtstag stand kurz bevor. Mutter fragte mich liebenswürdig: "Was möchtest du zu deinem Geburtstag, Kind?"
"Musik, Mutter", sagte ich hoffnungsvoll.
Sie lächelte leise.
Lieber Leser, hättest du an meiner Stelle nicht dasselbe getan? Denn: "Ich spiele nicht eigentlich Musik", erklärte Mutter Satprem etwa fünfzehn Jahre später. "Ich versuche nicht, Musik zu spielen, es ist eine Art Meditation mit Klängen."
Welche "Klänge" gewisse Italiener sehr schätzten. "Die Mutter hatte eine bemerkenswerte Erfahrung", erzählte Sri Aurobindo. "Einmal hielt sie sich in Norditalien auf und spielte ganz allein in einer Kirche auf der Orgel. Als sie zu spielen aufhörte, ertönte ein begeisterter Applaus. Sie sah, daß sich eine große Menschenmenge angesammelt hatte, die in ekstatische Bewunderung versunken war."
Aber Mirra freute sich noch mehr an der ekstatischen Würdigung ihrer Musik durch eine ... ja, durch eine Kröte!
"Ich spielte - weiß nicht was, ein Stück Beethovens oder Mozarts - in Tlemcen." Mirra war in Algerien auf Besuch bei Théon, dem Okkultisten. "Théon besaß ein Klavier, weil seine englische Sekretärin Klavier spielte. Das Klavier befand sich in seinem Salon, der ungefähr auf gleicher Höhe mit dem Gipfel des Berges war, d.h. man mußte zwei Treppen im Haus hochsteigen, um in den Salon zu gelangen. Dieser besaß große Balkontüren, die auf das Bergplateau hinausführten. Es war wunderschön. Dort pflegte ich also am Nachmittag bei weit geöffneten Balkontüren zu spielen. Eines Tages, als ich zu spielen aufgehört hatte, drehte ich mich um, um aufzustehen - und sah eine große Kröte voller Warzen, eine Riesenkröte, und sie machte poff, poff, poff! Du weißt ja, wie sie sich aufblähen und die Luft wieder ablassen. Sie blähte sich auf, schrumpfte zusammen, blähte sich auf, schrumpfte zusammen ... als ob sie im siebten Himmel wäre. Noch nie hatte sie so etwas Schönes gehört! Sie war ganz allein, so groß, ganz rund und schwarz und warzig, mitten zwischen den großen Türen - große, der Sonne und dem Licht zugewandte Balkontüren. Dort stand sie in der Mitte. Sie machte noch ein wenig so weiter, aber als sie merkte, daß die Musik aus war, drehte sie sich um, hopp, hopp, hopp ... und verschwand."
Mutters Lippen kräuselten sich in einem süßen Lächeln. "Diese Bewunderung von einer Kröte erfüllte mich mit solcher Freude! Wirklich reizend!"
Die "Meditation mit Klängen" - oder die Musik - "ist die erste Verkörperung des Bewußtseins als Freude." Eben diese Freude fühlten die Italiener, so wie ich und die Kröte sie fühlten.
"Ich erinnere mich, daß ich die gleiche Schwingung der Freude in Beethoven und Bach fand (in Mozart auch, aber verhaltener)."
Beethoven erinnerte die Mutter lebhaft an Ysaye, den berühmten Geiger (1838-1931) und Kollegen Rubinsteins.
"Als ich zum ersten Mal Beethovens Konzert in D-dur für Violine und Orchester hörte - die Violine setzt abrupt ein, nicht schon zu Beginn des Konzerts; zuerst hört man eine Orchesterpassage, die dann von der Violine aufgenommen wird ... Nun, bei den ersten Noten der Violine - Ysaye spielte, was für ein Musiker! - bei den allerersten Noten war mir, als ob mein Kopf bersten würde, und ich wurde in einen solchen Glanz geschleudert, oh!... Absolut wunderbar. Mehr als eine Stunde lang war ich in einem Zustand der Seligkeit. Ysaye, das war ein echter Musiker!"
Nicht nur Musik, sondern auch die Malerei erzielte bei ihr dieselbe Wirkung. "Wenn ich ein Gemälde anschaute, pflegte sich mein Kopf ganz plötzlich zu öffnen, und ich sah den Ursprung des Bildes - und was für Farben!" Zu jener Zeit verfügte Mirra über kein Wissen von den Bereichen der künstlerischen Schöpfung. Alle ihre Erfahrungen kamen "unerwartet, ungesucht".
Mirra kannte auch einige Leute, die, "wenn sie zu spielen begannen, das Gefühl hatten, als ob sie von einer anderen Hand übernommen würden und die ganz wunderbar spielten, so wie sie allein nie in der Lage gewesen wären." Noch ein Phänomen bemerkte sie: "Es gab eine Person, eine Dame, die Cello spielte. Beim Spielen von Beethoven veränderten sich ihre Gesichtszüge und glichen vollständig jenen von Beethoven; die Art, wie sie spielte, war erhaben, und sie hätte nie so spielen können, wenn nicht etwas von Beethovens Geist in sie eingetreten wäre."
In Anbetracht all dessen überrascht es wohl kaum zu sehen, daß Mirras früheste Erlebnisse durch Musik ausgelöst wurden. "Ich bin nicht sehr oft in Kirchen gewesen", sagte Mutter. "Ich habe Moscheen und Tempel besucht - jüdische Tempel. In den jüdischen Tempeln in Paris spielen sie schöne Musik, wirklich herrliche Musik! Eine meiner ersten Erfahrungen hatte ich in einem Tempel. Es war bei einer Hochzeit, und ich saß mit meiner Mutter oben in der Empore. Die Musik, die man hörte (Saint-Saëns, erfuhr ich später), war Orgelmusik, gespielt auf der zweitbesten Orgel in Paris - erhaben! Die Musik ertönte, und ich saß dort oben in Verzückung (ich war damals vierzehn). Der Tempel besaß einige Bleiglasfenster - weißes, schmuckloses Glas - und ich starrte auf eines davon, als plötzlich ein Lichtstrahl wie ein Blitz durchs Fenster eindrang. Er trat ein - meine Augen waren weit offen - so drang er ein [Mutter schlägt heftig auf ihre Brust], und als nächstes ... fühlte ich, wie ich weit und allmächtig wurde ... Dies hielt tagelang an."
Nach ein paar Monaten erzählte Mutter uns noch mehr Details: "Dieses Licht, das mich durchdrang, sah ich physisch in mich eintreten. Es war offenbar die Herabkunft eines Wesens - nicht das Wesen einer vergangenen Inkarnation, sondern ein Wesen einer anderen Dimension. Das Licht war golden. Es war die Inkarnation des göttlichen Bewußtseins."
Aber woher kommt denn die Musik?
"Einmal betrat ich das Reich der Musik", sagte Satprem zu Mutter. "Und was ich hörte, war so wunderbar, so unglaublich schön, daß ich sogar nach dem Aufwachen stundenlang wie vor den Kopf geschlagen war. Unglaublich." Er fragte Mutter: "Wo befindet sich diese Welt?"
"Sie ist mir sehr vertraut", erwiderte Mutter. "Ich ging oft dorthin. Sie liegt ganz oben im menschlichen Bewußtsein. Sehr hoch, sie ist sehr, sehr hoch."