Täglich liefern die Medien neue Bilder der Gewalt: Brutale Schlägereien, Amokläufe an Schulen oder von Eifersucht getriebene Ehedramen. Wenn das Stichwort "Gewalt" fällt, fühlen wir uns alle hilflos. Was treibt Menschen dazu, Gewalt anzuwenden? Wie entsteht Gewalt? Dies hat auch den österreichischen Autor Michael Köhlmeier in seinem 1989 geschriebenen stark autobiografischen Roman bewegt.
Es geht um die kollektive Misshandlung eines Mitschülers. Gebhard Malin, so heißt der Prügelknabe, wird dabei so schwer verletzt, dass man nicht weiß, ob er jemals wieder gesund wird. 25 Jahre später will keiner die Verantwortung übernehmen. Ort des Geschehens ist ein katholisches Jungeninternat mit strengen Regeln. Die Heimleitung bzw. -aufsicht, besonders gefürchtet der Präfekt, "herrscht" mit gewisser Selbstjustiz. Psychischer und seelischer Terror sind an der Tagesordnung. Um in den Ferien nach Hause fahren zu können, müssen die Buben zuerst die Hürde einer Lateinprüfung über sich ergehen lassen, deren Ergebnis der Präfekt kollektiv auswertet. Aber einer hat versagt - Malin. Die 14- bis 15-jährigen Gymnasiasten können sich ihre Heimreise nur mit einem vom Präfekten angeordneten "Züchtigt ihn!" verdingen.
Es geht um Gewalt von oben, aber auch um Gewalt unter den Schülern. Nur wo ist der Punkt, an dem man hätte sagen sollen: Schluss - ab hier nicht mehr weiter? Von außen betrachtet, aus der Distanz heraus, fällt die Beantwortung dieser Frage recht leicht. Für die Figuren, die in der Situation stecken, ist es unglaublich schwieriger. Mit historischem Abstand jedoch ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dieses Bild versucht der namenslose Protagonist - das Alter Ego Michael Köhlmeiers - in einem Frage-Antwort-"Spiel", einer ausschließlich in Dialogform gehaltenen Erzählung, mit seinem ebenfalls nicht benannten Gegenüber gnadenlos zu analysieren. Er sucht nach einer Zeit des Versagens in der eigenen Vergangenheit. Zuvor hatte er all die damals beteiligten "Täter" besucht. Deren Erinnerungen fließen sukzessive in seine Analyse ein. Doch jeder redet sich seine eigene Schuld klein, kann sich eigentlich auch kaum noch an die ein Vierteljahrhundert zurückliegende Begebenheit erinnern. War ich wirklich dabei? Hatte ich mich nicht für eine ganz andere Art der Züchtigung entschieden? Begonnen habe ich ganz bestimmt nicht...
Sein Roman offenbart wie alle seine Bücher einmal mehr großartige Charakterstudien.
Fazit:
"Die Musterschüler" ist ein Buch über menschliche und kollektive Schuld sowie teilweise fehlendes Schuldbewusstsein. Es zeigt die Zerrissenheit, die aus der Verdrängung von selbiger resultiert, wie schmerzlich Selbsterkenntnis ist und dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld keine Konsequenzen erspart. Gleichzeitig ist es aber auch eine Aufarbeitung erlittener Kränkungen durch die Religion und persönlicher Beschädigungen während Michael Köhlmeiers eigener Internatszeit.
Nicht zuletzt gibt der Roman ein wunderbares Zeitzeugnis der beginnenden 60er Jahre.
Ein frühes Werk des österreichischen Autors - ein großartiges Buch.